Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
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71 Es gereicht mir daher zum Vergnügen, Ihnen berichten! zu können, daß die hiesige Fleischer-Innung von einem ganz anderen Geiste beseelt ist, und der Innungs-Vorstand keinen Unterschied in Betreff der Confession kennt. Am vorigen Freitag fand hier nämlich die Beerdigung! der Frau des hiesigen jüdischen Fleischermeisters H. Wolff unter sehr zahlreicher Betheiligung statt, zu welcher auch die hiesige Fleischer-Innung mit ihrem Vorstande in oorpore erschienen ist, um der im blühenden Alter dahingerafften Entschlafenen, welche ihrem vor wenigen Wochen im zartesten Kindesalter verstorbenen hoffnungsvollen Söhnchen so unerwartet in die Ewigkeit gefolgt ist, die letzte Ehre zu erweisen. Auch ein herrlicher Lorbeerkranz mit weißseidener Schleife ruhte unter vielen andern auf dem Sarge der Frau Wolff und trug die Inschrift in Golddruck: „Gewidmet von der Fleischer-Innung zu Kottbus." Diese menschenfreundliche Theilnahme seitens des hiesigen Fleischer-Gewerks hat hier allerseits den günstigsten Eindruck hervorgerufen. — Wiesbaden, 14. Jan. (Privatmith.) Am Donnerstag d. 7. c. trugen wir hier einen Mann zu Grabe, der sich in der jüdisch-theologischen Welt eines ausgezeichneten Rufs erfreute und an den religiösen Bewegungen innerhalb des Judenthums stets einen hervorragenden Antheil genommen hat, den Landrabbiner Dr. L azarns Adler aus Cassel, der seit dem April v. I. hier sein Domizil genommen hatte. Die Leichenfeier bekundete die hohe Achtung, die derselbe in nahen und fernen Kreisen genoß. Der Vorstand der hiesigen israel. Cultusgemeinde hatte im Hinblick auf die hohe Bedeutung des Verstorbenen die Gemeindegenossen zur Betheiligung am Leichenbegängnisse durch die Tagesblätter eingeladen; der Synagogen-Gesangverein erhöhte die Feier durch trefflich executirte Trauergesänge. Die Rabbiner Dr. Dr. Brüll aus Frankfurt a. M., Steckelmacher aus Mannheim, Goldschmidt aus Weilburg, Enoch aus Kreuznach erwiesen dem Verklärten die letzte Ehre. Das Provinzial-Vorsteheramt in Cassel, sowie der Gemeinde-Vorstand hatten Deputirte gesandt, ersteres in der Person des Landrabbiners Dr. Prager von dort. Bezirksrabbiner Dr. Silberstein feierte in seiner Grabrede, anknüpfend an das unmittelbar nach der Mendelssohn-Feier erfolgte Ableben Dr. Adlers denselben als einen echten und wahren Jünger Moses Mendelssohns. Am Schluffe seiner tiefergreifenden Rede sprach er Namens und im Aufträge der All. isr, univ. und des Deutsch-israel. Gemeindebundes, welch letzterer einen Kranz niederlegen ließ, dem Verblichenen Dank und Anerkennung für sein denselben gewidmetes segensreiches Wirken aus. Dr. Prager widmete hiernach seinem Amtsvorgänger tiefempfundene Worte der Liebe und der dankbaren Anerkennung, — Adler gehörte zu jenen Männern, die ein starkes Friedensbedürfniß in sich tragen! und stets versöhnend zu wirken bestrebt sind. — Hoffentlich findet sich unter seinen zahlreichen Freunden eine berufene Feder, die dem Verstorbenen einen seiner würdigen Nekrolog schreiben wird. Posen, 12. Jan. Die Ausweisungspolitik wird wohl noch manches in Europa zu Tage bringen, was für Tausende von Existenzen verderblich ist. Das hier erscheinende polnische Blatt „Dziennik Poznanski" berichtet über eine unmittelbar bevorstehende Ausweisung von ca. 100 000 preußischen llnterthanen aus Rußland. Man kann diese Nachricht wohl als eine arge Uebertreibung ansehen, als ein polnisches Manoeuvre um auf die etwa im deutschen Reichstage oder im preußischen Landtage zu ventilirende Ausweisungsfrage eine Pression zu üben —- aber daß eine derartige Maßregel der russischen Regierung in der Luft schwebt, kann nicht verkannt werden. Der Art. des D. T. lautet: Der neueste, noch geheim gehaltene kaiserliche Ukas, welcher nach dem 13. Januar russischen Stils publicirt werden wird, lautet: Alle preußischen llnterthanen, die bis znm 1. Januar 1886 nicht russische Unterthanen geworden sind, werden ausgewiesen. Gutsbesitzern wird acht Monate, Fabrikbesitzern 6 Monate, Fabrikarbeitern 6 bis 8 Wochen, Landarbeitern 6 Wochen, Handwerkern 1 Woche Frist zur Regelung ihrer Vermögensverhältniffe gewährt. Laut diesem Ukas werden nach Melvung des „Dziennik" über 100000 preußische Unterthanen ausgewiesen. Insterburg, im Januar. (Privatmitth.) Am 31. Aug. v. I. fand in Rastenburg die 5. ordentliche Generalversammlung des „Verbandes der Synagogengemeinden Ostpreußens" statt, doch wurde der Bericht, durch Umstände verzögert, erst jetzt ausgegeben. Doch zeigt dieser Verband soviel Lebenskraft, daß er jetzt fast alle namhaften Gemeinden der Provinz, mit Ausnahme Königsbergs, nämlich 42, umfaßt und 230 „persönliche Mitglieder" zählt. Der letzteren könnten freilich viel mehrere sein, und Königsberg entzieht sich wohl der Theilnahme in jener Selbstgenügsamkeit, welche die meisten größeren Gemeinden beherrscht, um ja nichts für die kleineren Gemeinden thun zu müssen. Die Einnahmen stiegen im Bereinsjahre (1. April 1884—85) von M. 3198 auf 4986: hierunter sind Beiträge von Verbandsgemeinden M. 720, von persönlichen Mitgliedern M. 933 — wieder ein Beweis, wie wichtig bei allen solchen Vereinen die Theilnahme wohlthätiger Personen ist. Die Ausgaben betrugen M. 1399, darunter Seminaristenstipendien M. 400, Hebung des Schul Wesens 414, Subvention an Verbandsgemeinden M. 30, außerdem Beiträge zur Hilfskaffe, zum israelitischen Waisenhaus, zum deutsch-israelitischen Gemeindebunde und zur Osterkost jüdischer Gefangenen. Die vornehmste Fürsorge des Verbandes gilt dem Religionsunterrichte. Man hat einen Lehrplan und eine Schulordnung erlassen, welche den Ge-