Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 10,000 Juden in der MillionenBewohner fassenden Stadt Rom einen so gewaltigen Einfluß hätte üben können, von welchem doch kaum das geringste Thatsächliche berichtet ist? Brauchte denn das römische Reich diesen unbedeutenden Faktor, um der Zersetzung entgegenzueilen? ein Reich, welches von der schottischen Grenze bis zum Tigris und Indus reichte, ein Gewühl von Völkern einschloß und diesen das Eindringen in die Hauptstadt und in alle Kreise derselben gewährte, ein Reich, dessen regierende und gebildete und bemittelte Klassen von der erschreckendsten Sittenlosigkeit, von der ausschweifendsten Entartung ergriffen waren — wozu doch die Juden und ersten Christen einen völligen Gegensatz bildeten — ein Reich, das längst die republikanische Einfachheit verloren hatte und sich willig dem Cäsarenwahnsinn unterwarf? . . . Alle diese Fragen hat Mommsen unbeantwortet gelassen, und dennoch wiederholen jenen Satz alle antisemitischen Schriftsteller mit Behagen, und so auch Herr von Treitschke. Dieser neueste Beschreiber der deutschen neueren Geschichte gehört eben zu jener Klasse, welche ihre apodiktischen llrtheile ohne Belege in die Welt schicken, ihrer Parteiwuth überall Luft schaffen und ihre 'lnkenntniß bemänteln. Diese letztere Eigenschaft wollen wir ihm besonders nachiveisen. Er beginnt seine Darstellung von dem „Einbruch des Judenthums" mit folgenden Worten: „Die moderne Judenschaft besaß schon längst nicht mehr die geistige Kraft, um aus sich heraus eine gesunde eigenartige Bildung zu erzeugen, wie vor Zeiten inmitten der orientalischen Kultur des spanischen Maurenreichs." Hiermit hat er seine Unwissenheit in den jüdischen Dingen, namentlich im jüdischen Schriftthum, hinlänglich bewiesen. Die Juden haben stets entweder in völliger Abgeschlossenheit eine eigenthümliche und reiche Literatur geschaffen, wie die biblischen Schriften, die talmudischen und später die rabbinischen Werke, oder, ein- und zugelassen in die Culturbewegung einer Epoche, sich den Erscheinungen derselben angeschlossen, ihres Theiles daran mitgearbeitet und eine jenen analoge, aber doch eigen-! thümliche Bearbeitung ihres eigenen Stoffes hervorgebracht.! So in der hellenistischen Periode, wo sich allerdings Philo j an Plato, Josephus an die griechischen Geschichtsschreiber,! die Sybillinen an diese Art literarischer Erzeugnisse lehnten, j doch aber von ihren eigensten Grundlagen sich nicht ent-; lernten und auf diesem neue Bauwerke erstehen machten-! Nicht minder in der arabisch-spanischen Periode — denn die [ jüdischen Autoren jener Zeit gehörten nicht blos, wie Tr.! zu meinen scheint, dem spanischen Maurenreiche an, sondern! auch Borderasien, Egypten und Nordafrika. Die Welt hatte damals schon, nämlich seit den christlichen Kaisern von Rom, ein anderes Aussehen bekommen, das der Intoleranz und des Religionshasses, worin der Islam ein höchst gelehriger! Schüler geworden. Nichts ist lächerlicher, als wenn man stets j von der „Absonderung und Ausschließlichkeit" der Juden j spricht, während diese überall abgesondert und ausgeschlossen wurden. Wir wollen den Herren Mommsen und Treitschke nur ein Beispiel vorsühren. Die jüdischen Schriftsteller der arabischen Periode verfaßten viele ihre Schriften, auch theologische, in der arabischen Sprache, die sie, nach dem Urtheile von Fachkennern, meisterhaft zu handhaben verstanden. Aber siehe da! Diese arabischen Schriften sind mit hebräischer Quadratschrift geschrieben, wobei sie doch die große Schwierigkeit zu überwinden hatten, die arabischen Laute in die hebräische Quadratschrift zu bringen, worin sie sich sogar oft von einander unterscheiden. Dies ist doch sicherlich für die beiden deutschen Gelehrten ein Beweis mehr für die Absonderungslust der Juden. Aber fehlgeschossen! Den Christen und Juden war von den Mohammedanern auf's Strengste untersagt, sich der arabischen Lettern zu bedienen — und so waren jene jüdischen Autoren gezwungen, das Arabische mit hebräischen Lettern zu schreiben. Auf welcher Seite liegt hier die Absonderung? Nun, auch in der arabischen Epoche lehnten sich die jüdischen Schriftsteller an griechische und arabische Muster in Poesie, Philosophie und Wissenschaft, wie sie denn auch durch llebersetzungen den Arabern und später den Christen viele griechische und arabische Schriften zugänglich machten. Dennoch bildeten sie eine eigenthümliche jüdische Philosophie und Poetik aus und vernachlässigten dabei Bibel und Talmud nicht im geringsten. Maimonides lehnt sich an Aristoteles, aber schreibt ihn wahrlich nicht ab, und Gabirol, Juda Halevi, Crescas u. A. haben die Philosophie in ihrer Weise weiterentwickelt und später auch außerhalb der jüdischen Kreise einen nicht unbedeutenden Einfluß geübt. Aber auch Spinoza lehnte sich an Cartesius, dessen Prinzipien er in seiner ersten Schrift commentirtes 1663), und doch muß man ihn als selbständigen Philosophen anerkennen. Aber, wird man einwenden, man kann doch nicht verlangen, daß Herr Tr. etwas Reelles von der jüdisch-hellenistischen und jüdischarabischen Literatur wisse. Allerdings — aber urtheilen? Das kann man um so leichter, je weniger man von einer Sache weiß. Nun, ganz dasselbe wie in jenen beiden Perioden wiederholte sich in der „modernen Judenschaft." Zugelassen und eingetreten in die europäische Culturbewegung, haben sich die produktiven Geister unter den Juden an die Heroen derselben angeschlossen, dann aber auch innerhalb des Judenthums auf den überkommenen Grundlagen neu geschaffen und umgestaltet. Nach beiden Richtungen hin haben auch sie, die „modernen Juden", eine frische Lebenskraft erwiesen. Dies hätte Herr Tr. wissen können, da diese nicht mehr in hebräischer, hellenistischer und arabischer, sondern in den „modernen" Sprachen schrieben. Da Tr. den vorliegenden Band 1885 schrieb, so mußte er, wenn er gerecht und unparteiisch sein wollte, die Entwickelung der „modernen Judenschaft" bis auf die Gegenwart in Betracht ziehen, um ein