Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine des Hudenllnmis. 7 Ein »»Parteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig « Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöiLion: Leipzig, Woßptah 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Or. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Berlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 26. Januar 1886. Nr. 5. labalt. Leitende Artikel: Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. II.— Die Ausweisungen im Deutschen Reichstage. - Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Hamburg, Kottbus, Wiesbaden, Posen, Insterburg, Minden, Aus Schlesien. — Oesterreich-Ungain: Pest. — Schweiz: Basel. — Italien: Florenz. — Rußland: Von der russischen Grenze, Petersburg. — Bulgarien. — Großbritannien: London. — Bonn: Notizen. — Bonn, Brünn, Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Zum 50. Jahrgang. £eife'nSe CUtiHef. Bonn, 19. Januar. Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. II. Die früheren deutschen Gelehrten, namentlich die Geschichtsforscher, pflegten in ihren Arbeiten und Darstellungen keinen Schritt vorwärts zu gehen, ohne sorgfältig die früheren oder späteren Quellen anzugeben, aus welchen sie ihre Angaben geschöpft, auf welche sie ihre Urtheile stützten. So war überall bei ihnen die Möglichkeit gegeben, sie zu controliren, zu berichtigen, zu bestreiten. Allerdings wurden ihre Arbeiten hierdurch sehr überladen und dem Laien schwer genießbar. Wir erinnern uns z. B. einer Geschichte des 30 jährigen Krieges von einem gewissen Schmidt, wo auf einer Seite kaum zwei, drei Zeilen Text, das Uebrige schwerer Ballast gelehrter Anmerkungen waren, so daß der Verfasser in drei starken Bänden noch nicht mit den Vorbereitungen zu jenen traurigen Kämpfen fertig ward. Man erachtete dies für höchst pedantisch und schlug den entgegengesetzten Weg ein: man ließ alle Anmerkungen, alle Quellenangaben weg. So haben wir jetzt dicke Bände;• B. römischer und deutscher Geschichte, in denen kaum hier und da auf ein Dokument oder die Worte eines früheren Autors hingewiesen worden. Die gewissenhafteren Schriftsteller verlegten das schwere Geschütz der Anmerkungen in einen Anhang, so dem zwiefachen Bedürfniß genügend. Es ist einsichtlich, daß die zweite Art des schriftstellerischen Verfahrens — nicht die letztere — es dem Autor leicht macht, seine eigenen Ansichten an die Stelle quellenmäßiger Ergebnisse zu setzen, Behauptungen aufzustellen, die aus parteiischer Tendenz geflossen, die historische Wahrheit zu eigenen Zwecken zu verdunkeln und durch ihr Gegentheil zu ersetzen, und endlich ihre Unkenntniß in gewissen Zweigen zu verdecken. Allerdings charaklerisirte sie sich so dem gründlichen Forscher, demjenigen, der den Dingen auf den Grund zu gehen versteht und Lust hat, als leichtfertig, und bekunden sich, statt redliche Geschichtsforscher zu sein, als Parteigänger. Aber darum kümmern sich jene wenig; wenn sie wissen, daß sie mit ihrer Darstellung, und ihren Urtheilen weitverbreiteten Borurtheilen im Publikum entsprechen, sie deshalb nur auf um so größeren Beifall zu rechnen haben, daß ihre Aussprüche, je absoluter sie gefaßt sind, recht oft wiederholt werden, bis sie fast das Ansehen unumstößlicher Wahrheiten erlangt haben. Das Loos, von solchen Pseudohistoriographen angeschuldigt und verurtheilt zu werden, betraf und betrifft vorzugsweise die Juden und zwar um so eher, als sich Borurtheil und Unkenntniß geschwisterlich die Hände reichen. So hat Mommsen, ohne Angabe einer Quelle und ohne triftige Begründung, behauptet, die Juden hätten zersetzend auf das römische Reich eingewirkt und dadurch dessen Zerstörung herbeiführen geholfen, und Treitschke wiederholt dies (€>■ 704). Hat er doch hierdurch eine Unterlage, um die Juden innerhalb der deutschen Nation derselben traurigen Wirksamkeit zu zeihen. Aber hat man Mommsen nicht laut genug gefragt, wo er diese seine Behauptung aufgelesen? Wie es möglich gewesen wäre, daß das kleine Häuflein von