Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61 den zu gründen, Schulen zu bauen und den allgemeinen Unterricht zu verbreiten. — Ein Bild des Judenthums in Chicago zeichnet uns der „Occident", indem er in seiner jüngsten Nr. die Gemeinden' und wohlthätigen Institute der hiesigen Juden anfführt. Die Zahl dieser Gemeinden beträgt 15, sämmtlich wohl organisirt, die meisten mit namhaften Rabbinern versehen, einige mit regelmäßigen Religionsschulen. Bei jeder wird die Zeit des Gottesdienstes bestimmt angegeben. In Chicago hat der „unabhängige Orden der Bnei Berith" seine Logen und zwar 11. Aber auch der „Kesher shel Barsei“, der zweite Orden, hat 8 Logen und endlich der „Unabhängige Orden der freien Söhne Israels" hat Logen. Weibliche Logen bestehen zwei, von welchen der eine einen Kindergarten unterhält. Allgemeine wohlthätige Vereine sind zwei männlichen und vier weiblichen Geschlechts. Außerdem bestehen 7 jüdische Klubs, 3 literarische Gesellschaften mit Vorträgen und Bibliotheken, ein Hospital und 12 Friedhöfe, die sich meist an Chebroth lehnen. Man sieht, daß das Prinzip der Concentration nicht vorherrscht, sondern daß man die vorhandenen Kräfte durch Vereinigung in kleinere Kreise zu kräftiger Verwendung zu bringen vermeint. Afrika. Paris, 1. Januar. Die folgenden Mittheilungen aus dem Reveil du Maroc geben leider eine allzu klare Vorstellung von der schrecklichen Lage der Juden in diesem großen barbarischen Lande, das drei Tage weit von uns liegt und an der Grenze des französirten Algeriens: Ein Corresspondent aus Marackesh (Marokko) berichtet einen Akt empörender Grausamkeit, von dem Gouverneur Laglaviii, Distrikt Act Marajunsch, begangen. Es scheint, daß einer der Juden seiner Gerichtsbarkeit verringert hat, ihm eine Summe Geldes vorzuschießen, welche der Gouverneur von ihm forderte; dieser ließ ihn festbinden und seine Jagdhunde auf ihn Hetzen. Die Familie des Opfers war genöthigt, den ganzen Biehstand, den sie besaß, zu verkaufen, um die Summe von dreitausend fünfhundert Dukaten zusammen zu bekommen, welche der Gouverneur forderte. Mit den Dampfer la Meurthe ist der junge Maclouf Corcos aus Mogador nach Marseille abgefahren, um seine drei Militairjahre in Frankreich abzudienen. Dieses Faktum verdient erwähnt zu werden, weil Herr Corcos der erste Franzose ist, der in Marokko geboren und erzogen worden und sich dieser patriotischen Pflicht erinnert hat. Mehrere jüdische Frauen, deren Männer in Tamlalet ermordet worden und die vergeblich bei Mouley Otman, dem Bruder des Sultans, reclamirt hatten, haben sich auf den Weg postirt, den der Sultan bei seinem Einzug in Marakesch passiren mußte, um von ihm Gerechtigkeit zu verlangen. Der Sultan hatte den Bizir beauftragt, die Folge zu prüfen, die man diesen Beschwerden angedeihen lassen könne. Dieser hat die Frauen einkerkern lassen und ihnen 1500 Frcs. erpreßt. Eine Depesche aus London, vom 25. Dez. datirt, versichert, daß der Sultan von Marokko soeben ein Dekret bekannt machen ließ, das alle Privilegien widerruft, deren seit zwanzig Jahren die israelitische Bevölkerung von Marokko, Dank der Intervention des verstorbenen Sir Moses Montefiore, genoß. Die Israeliten haben die Absicht, an die europäischen Mächte zu appelliren, um die verhängnißvollen Folgen zu verhindern, welche die von dem Sultan dekretirte Maßregel für ihre Habe und ihren Handel haben könnte, j —. Der Republicain von Constantia berichtet, daß die -Bewohner von Ain-Abed den einzigen Israeliten ihres Ortes,!F. Schuchana, einstimmig zu ihrem Bürgermeister gewählt! haben. Schuchana ist ein unermüdlicher Landwirth, der sich | ein kleines Vermögen erworben, welches ihm gestattet, sich den Geschäften seines neuen Amtes zu widmen. Bonn, 10. Januar. (Notizen.) Man schreibt aus Posen 31. Dez.: Der vor Jahresfrist hier verstorbene Stadt- und Kommerzienrath Herr Samuel Jaffo hat laut Testament die Summe von 100,000 Mk. zu einer Stiftung bestimmt, deren Zinsen alljährlich am Todestage des Testators (13. Januur) an fünfzig achtbare christliche und jüdische Bürger aus Stadt und Provinz gezahlt werden sollen. Es kommt diese reiche Spende darum am 13. Januar zum ersten Male zur Vertheilung. — Auch Herr Stadtrath Louis Jaffo, der vor wenigen Jahren verstarb, hat eine beträchtliche Summe ausgesetzt, deren Zinsen in Beträgen von je 100 Mk. alljährlich an hiesige achtbare, hilfsbedürftige Personen zu vertheilen sind. Vor wenigen Tagen wurden durch diese bedeutende Gaben elf Einwohner der Stadt erfreut. (Man sieht, daß Juden recht häufig das Beispiel geben, Stiftungen „ohne Unterschied der Konfession" zu machen, wobei es schon dem numerischen Verhältniß nach natürlich ist, daß den Juden nur ein geringer Theil zufällt, falls nicht in den Statuten etwas darüber bestimmt ist. Möge dies von christlicher Seite auch öfter der Fall sein! Redaktion.) Eine Stadt wie Berlin bildet eigenthümliche Charaktere! — Der Verstorbene Kaufmann Jacob Rothenberg war die Verkörperung des Vereinsmenschen. Mit allen öffentlichen Persönlichkeiten stand er in regenS Verkehr, und wer eine Candidatur, eine Wahl durchsetzen wollte, mußte seine Hilfe in Anspruch nehmen. Seine bedeutendste Schöpfung ist der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller, heute ein angesehener Verein und in enger Fühlung mit den Aeltesten der Corporation. Das Interesse an derselben war außerhalb der Fondsbörse gleich Null und im Aeltesten-Collegium herrschte