Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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May hatte im „Reichsboten" den Rechtanwalt Jonas bezichtigt, an den Bertheidigungen in wucherischen Prozessen betheiligt gewesen zu sein. Er versuchte den Beweis der Wahrheit anzutreten; dieser mißlang aber gänzlich und Jonas wurde durch die Verhandlungen als völlig rein erwiesen. Der Staatsanwalt hatte nur auf 150 Mark Geldstrafe angetragen, der Gerichtshof jedoch verurtheilte Simon May zu 300 Mark und den Kosten. In der Verhandlung wurde May als ein gehässiger antisemitischer Wühler gekennzeichnet. Frankfurt a. M., 8. Jan. Ein hochherziger Bürger, Herr S. Goldschmidt, der bekannte Antiquitätenhändler auf der Zeit, hat dem „F. I." zufolge, der israelitischen Religionsgesellschaft 100,000 M. für eine israelitische Volksschule und 12,000 M. für Bücher verehrt. Wiesbaden, 5. Jan. Abermals ist einer der Veteranen der gemäßigten, auf dem historischen Boden verharrenden Reform dahingeschiedcn. Heute verstarb Dr. L. Adler, früher Rabbiner in Unzenhausen, dann Bezirksrabbiner in Kissingen und zuletzt Landesrabbiner in Kassel, welches Amt er vor wenigen Jahren wegen Kränklichkeit und Altersschwäche niederlegte. Nachdem er die treue Gefährtin seines Lebens verloren, ließ er sich in Wiesbaden bei einer Verwandten nieder. Seine literarische Wirksamkeit begann er durch Herausgabe einer Zeitschrift, die jährlich in 6 Heften erschien, zur Belehrung und Erbauung (München, 1.839—45). Später veröffentlichte er Vorträge und Predigten, deren Hauptthema die Humanität war. Einen thätigen Antheil nahm er an den beiden Rabbinerversammlungen zu Kassel und Berlin und an den beiden Synoden. Er war «in milder, friedliebender Charakter, der wahre Menschenfreundlichkeit bethätigte und von gründlicher rabbinischer Gelehrsamkeit. Wenn irgend Jemanden, so machte ihn „das Herz zum Redner", und, wenn Anfangs seine Rede langsam und breit dahinfloß, so sckwoll sie durch die Gefühlserregung, die sich seiner bemächtigte, bald zu einem Strome an, der die Zuhörer mit fortriß. Seine Ehe blieb kinderlos, und nun wird seine Leiche am 7. d. auf dem hiesigen Friedhöfe beerdigt. Leipzig, 7. Januar. (Privatmitth.) Bei Gelegenheit des viel gefeierten 100jährigen Todestages Moses Mendelssohn's versandte der hiesige Mendelssohn-Verein ein Circulair, durch welches er die Aufmerksamkeit auf seine wohlthätigen Bestrebungen lenken will, um so eine größere Theilnahme und dadurch größere Mittel zu gewinnen. Wir heben aus demselben folgende Stelle hervor: „Die Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig, die Namensträgerin jenes edlen Mannes, welche mit Abschluß des Jahres 1885 auch ihr fünf und zwanzigstes Rechnungsjahr beschließt — und eine Vertheilung von 1694 Stipendien und Unterstützungen mit einem Gesammtbetrage von 56.938 M. an Jünger der Kunst und der Wissenschaft, an arme, leidende Glaubensgenossen und an Bedürftige ohne Unterschied der Confessio» erweist — hat bereits bei ihrer Begründung die Nothwendigkeit erkannt, mit dem humanen, wohlthätigen Schaffen den Namen „Mendelssohn" zu verbinden, daß er als idealer Leitstern der israelitischen Jugend voranleuchte. Mehr als je zuvor mahnet unsere Zeit, nächst den idealen Bestrebungen, auf die materielle Unterstützung, namentlich der israelitischen Jünger der Wissenschaft und der Kunst, sowie der den technischen Studien sich Widmenden, bedacht zu sein. Es gilt in der gediegenen und praktischen Ausbildung unserer Jugend den Hebel zu finden, welcher alle böswillige Anfeindung der Judenheit aus dem Wege räumt, durch bewährte Geistes- und Arbeitskraft auf socialem und staatlichem Gebiete. Leipzig, das in unserem deutschen Vaterlande den Vorrang für eine mustergiltige Erziehung beansprucht, hat in erster Reihe auch die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, daß den Bedürftigen der Weg zu höherem Wissen und Können nicht verschlossen bleibe — und unserer Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig war es Vorbehalten, diese Pflicht für die israelitische Jugend zu erkennen. Seit fünf und zwanzig Jahren hat die Mendelssohn- Stiftung zu Leipzig, durch materielle Unterstützung der hier studirenden, bedürftigen Jugend sich bethätigt — und darf mit Genugthuung auf die erwähnte Ziffer Hinweisen, welcher sich namentlich ini Jahre 1885 in: Section I: 48 Stipendien mit 2190 M. Section H: 102 Unterstützungen mit 570 M. anreihen. Leider hat jedoch der geistige und der materielle Kampf, der im steten Wachsen begriffen ist, ein zwingendes Anrecht auf die Besserung der Stipendienverhältnisse. Unsere Zeit, in welcher der Andrang der israelitischen Jugend zu den höheren Studien ein größerer geworden ist, und besonders für Leipzig — durch die Bedeutung der Universität, des königlichen Conservatoriums für Musik, der königlichen Kunstakademie und der höheren Fachschulen — einen Centralpunkt erhalten hat, bedarf der Fürsorge für größere und ausreichendere Mittel. Unsere Mendelssohn-Stiftung hat es schmerzlich empfunden, manches Stipendiumgesuch abwehren zu müssen, und hält es für eine heilige Pflicht, auf Mittel und Wege zu sinnen, um diesem Uebel möglichst abzuhelfen. Allein die Nothwendigkeit, welche bei der Begründung der Stiftung maßgebend war und für das Bedürfniß der studirenden Glaubensgenossen — das von anderer Seite jeder Stütze entbehrt — die Unterstützung in erster Reihe gefordert hat, weist noch jetzt, nach 25 Jahren, auf dieselbe menschenfreundliche Hilfe in den nächsten, engeren Kreisen hin. Noch besteht die Schranke, welche der confessionelle Unterschied dem edelsten, reinsten Streben entgegenstellt und die Wohlthätigkeit der humansten Gesinnung in das Ghetto