Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 bereits abgesteckt und zwar dem herrlichen Kriegerdenkmal gegenüber; das Postament wird vom Herzog geliefert werden. Hoffentlich wird die benöthigte Summe bald gesammelt sein. Den hiesigen Bewohnern gereichte es zur Befriedigung, daß die Fremden, welche das Geburtshaus Mendelssohns besuchten, dieses im besten Zustande fanden. Dasselbe ist bekanntlich durch den Mendelssohn-Verein in Leipzig angekauft und seine Borderräume zu einem Altersasyle eingerichtet worden, während im Hinterhause die Stuben frei erhalten werden, in welchen die Eltern M.'s wohnten und er geboren worden. Es bildet dies einen Contrast zu der Meldung aus Berlin, daß die Inschrift auf der am Wohnhause M.'s angebrachten Gedenktafel unleserlich geworden und man erst jetzt daran denkt, sie wieder auszufrischen. Bonn, 8. Januar. (Privatmitth.) Die Feier des Todestages Mendelssohns war in den jüdischen Gemeinden und Vereinen eine allgemeine. lleberall bewährte es sich, daß die Juden sich der Bedeutung dieses Mannes für die Culturentwickelung der Juden, also für die große Wendung, welche Juden und Judenthum in der neueren Zeit durchgeführt haben, wohl bewußt sind, und gerade in diesem Sinne das Andenken des hochverehrten Philosophen feiern. Es liegen uns Berichte über die Synagogalfeier, sowie über die Gedächtnißfeste in Vereinen aus zahlreichen Städten vor, wir nennen z. B. Kulm, Posen, Berlin, Potsdam, Nordhausen, Bonn, Neuwied, Frankfurt a. M., Oppeln, Nienburg a. d. W., Cottbus re. Der Raum fehlt uns, diese Berichte zu veröffentlichen, noch dazu, da, wie es in der Natur der Sage liegt, Gegenstand und Form aller Orten dieselben sein mußten. Berlin, 7. Januar. (Privatmitth.) Jedermann weiß, daß Mendelssohn von seinem 13. Lebensjahre bis zu seinem Tode in Berlin gewohnt und gewirkt hat. Er gehörte zu den Männern der Wissenschaft und der feinsten Bildung allhier zu einer Zeit, wo noch keine Universität in Berlin bestand, und diese Stadt weit davon entfernt war, das Centrum der deutschen Wissenschaft und Bildung zu sein. Um so größer war das Verdienst jedes einzelnen Mannes, der zu jener Zeit am hiesigen Platze seine Geisteskräfte für wissenschaftliche und philosophische Zwecke mff Erfolg verwandte. Demungcachtet hat sich die Gedächtnißfeier M.'s allhier nur auf die jüdischen Kreise beschränkt und Niemand aus der übrigen Welt hat sich daran betheiligt. Es war das vorige Jahrhundert, in welchem für Berlin die Grundlage seiner Größe von der Regierung des großen Friedrich angelegt waid j und ohne das l8. Jahrhundert kann die Höhe nicht gedacht, werden, welche Berlin jetzt erreicht hat. Demungcachtet hat, das gegenwärtige Berlin für das vorige Jahrhundert keine dankbare Anerkennung, und man hört von Männern der Wissenschaft wie der Politik mehr Tadel, ja sogar Schmähung gegen dasselbe aussprechen als dankbare Würdigung. Wie Mendelssohn von den Reliefs der Reiterstatue Friedrich des Großen ausgeschlossen wurde, so findet noch jetzt Lessing für seine Statue keinen Platz, und die zu diesem Zwecke gesammelten Summen von mehr als 13000t) Mark liegen unbenutzt da. Wir sind daher dem Herzog von Anhalt und der Stadt Dessau umsomehr zu Dank verpflichtet, daß sie das Andenken des jüdischen Philosophen in so glänzender Weise gefeiert haben. Das „Berliner Tageblatt" hebt hervor, daß am Todestage das Grab Mendelssohns völlig unbesucht geblieben, nur daß die Friedhofsverwaltung dasselbe mit Kränzen und Blumen geschmückt habe. „Nirgends war ein menschliches Wesen zu sehen, Schreiber dieser Zeilen stand allein an der Grabstätte, wo vor 100 Jahren einer der besten und edelsten Menschen die letzte Ruhestätte gefunden." — Gestern Morgen hat Hierselbst ein Säbel-Duell stattgefunden zwischen einem Offizier und einem Chemiker; Veranlassung war eine Beleidigung, die der Offizier dem Chemiker am Sylvesterabend in einem Unter den Linden gelegenen Cafe in Bezug auf seine jüdische Confession zugefügt hatte. Das Duell endete mit einer ziemlich schweren Verletzung des Offiziers. Berlin, 4. Jan. Anläßlich des Gedenktages von Moses Mendelssohn (am 4. Jan. 1786) wendete der Geheime Commerzienrath Mendelssohn der hiesigen Universität eine Stiftung von 150,000 Mark zu Stipendien für deutsche Studirende der philosophischen Fakultät ohne Unterschied des Glaubens zu. Gleichzeitig übersandte derselbe dem hiesigen Oberbürgermeister 30,000 Mark zur Vertheilung an hiesige Arme. Berlin, 8. Januar. Die Konservativen Christlich-Sozialen und Antisemiten hatten, so schreibt man der „Freis. Ztg.", am 4. Januar in Kellers Sälen, Andreasstraße 21, einen Fest-Kommers zur Feier des Regierungsjubiläums mit einer Festrede des Stadtverordneten vr. Jrmer veranstaltet. Diese Jubiläumsfeier wurde durch den überwachenden Schutzmann inhibirt, als ein vom D. A. B. (Deutscher Antisemitenbund) herausgegebenes Antisemitenlied angestimmt wurde, dessen erster Vers lautet: Ein Schlagwort giebt's im Deutschen Land, Das klingt von Haus zu Haus Und jedem Deutschen ist's bekannt, Es lautet: Juden raus! Es tönet laut vom Main zum Belt Mit mächt'gem Sturmgebraus, Das Wort, das uns zusammenhält, Das kräftige „Juden raus!" — — Am 9. d. wurde endlich der Veleidiguugspeozeß des Rechtsanwalt Jonas gegen den Gehülfen Stöckers Simou May, der nnterdeß sich hat taufen lassen, entschieden, nachdem er durch die Anträge May's wiederholt vertagt geworden.