Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 schließlichkeit vorwerfen und jedes Bestreben jener, am öffentlichen Leben thätigen Antheil zu nehmen, als Einbruch und Anmaßung brandmarken! So thut Tr. von vornherein die Leidenschaft kund, die er gegen die Juden hegt und die an dem unparteiisch sein sollenden Geschichtsschreiber eine roaf)r-j Haft klägliche Eigenschaft ist. Und wohin weist er nun die an dem damaligen Bewegungen betheiligten Juden? Auch dies ist charakteristisch für Tr. Man erinnere sich, daß wir in diesem dritten Bande uns in den zwanziger Jahren, in der Zeit von den Karlsbader Beschlüssen bis zur Julirevolution befinden. Tr. hat hier die ganze Misere dieser Zeit zu schildern: die Karlsbader Beschlüsse mit ihren Wirkungen,! die Congreffe zu Troppau, Laibach u. s. w., das Verlaufen der Preußischen Verfassungsfrage im Sande, die deutsche Kleinstaaterei, die Demagogenriecherei und Demagogenverfolgung, die peinlich strenge Censur, die Obherrschaft der Polizeigewalt, die Unterdrückung jeder freien Aeußerung und was alles die dunklen Schatten dieser Zeit ausmacht. Dem gegenüber wirft nun Tr. jede liberale Regung/jedes freisinnigere Produkt in den allgemeinen Topf des „Radikalismus." Alles, was eine Besserung dieser traurigen Zustände anstrebt oder nur wünscht, nennt er Radikalismus (s. S. 701). Zu motiviren vermag er dies nur dadurch, daß die damaligen liberalen Deutschen nach Frankreich gravitirten, und was nur an Frankreich rührt, erscheint ihm in seinem Deuschenzelotismus als radikal. Er beachtet nicht, daß unter den von ihm selbst geschilderten Zuständen, wo jeder Funke eines freiheitlichen Gedankens mit Kerker und Verbannung unterdrückt wurde — wir erinnern an E. M. Arndt, Jahn, de Wette, an Heinrich Laube. Fritz Reuter und viele Andere — der Blick wie von selbst nach Frankreich sich richten mußte, wo immerhin selbst unter der Restauration eine freie Bewegung stattgefunden und auf dem Boden der Charte der Kampf gegen den bourbonischen Absolutismus und die wieder anwachsende Priesterherrschaft ganz natürlich war, so daß selbst die deutscheste Gesinnung eine gewisse Sympathie für Frankreich nicht ausschließen konnte. Aber diese damals für jeden freier denkenden Deutschen so natürlichen Sympathieen erregen den Zorn unseres Historikers (?) in übermäßigster Weise, und von dem Standpunkte von heute aus, wo allerdings solche Sympathieen eine schwere Verirrung wären, aber auch garnicht mehr existiren, stigmatisirt er sie als verächtlichen Radikalismus. Dies ist wahrlich keine Heldenthat, und wir wüßten nicht, ob Tr., wenn er in jener Zeit gelebt, nicht auch zu solchen Radikalen gehört hätte. Wer damals deutsche Gesinnung hegte, konnte eine Umwandelung in Deutschland —- wie sie denn auch vorsichgegangen — nur sehnlichst erwünschen und mußte seine Blicke umherwerfen, die dann folgerichtig an Frankreich und dem in diesem Staate sich abspielenden Prozesse haften bleiben mußten, ohne der Liebe für das Vaterland wirklich nahe zu treten. — Dann fährt er fort: „Ein rühriger Bundesgenosse erwuchs dem neuen Radikalismus in der jungen Macht des literarischen Judenthums." Die Juden sind ihm also sämmtlich Radikale und Anhänger des Franzosenthums. Auch hier merkt Tr. nicht, in welchen Widerspruch er geräth, wenn er alsbald die deutsche Gesinnung und die wohlthätigen Wirkungen des Populärphilo» sophen Moses Mendelssohn, des Kirchenhistorikers Neander, des Malers Beit, der zu den Führern der sog. Nazarenischen Malerschule gehörte, des Componisten Felix Mendelssohn anführen und beloben muß. Der „Einbruch des Judenthums" geschah also doch unter der Aegide von Schriftstellern und Künstlern aus dem jüdischen Stamme, welche selbst einem Treitschke als rühmenswerth erscheinen. Es ist dies allerdings bei ihm kein Beweis der Unparteilichkeit; er kann es ja nicht übergehen; und um so leidenschaftlicher kann er den Contrast malen, in welchem er andere jüdische Schriftsteller erblickt und schildert, und daß ihm nun die letzteren für die jüdische Gesammtheit gelten. Sehen wir uns dieses eigenthümliche Schauspiel etwas näher an. (Forts, folgt.) ^>c\Xi\-vi<^yY\ac fjzisctjlevi. Deutschland. Dessau, (3. Januar. (Privatmitth.) Es ist in den gegenwärtigen allgemeinen Verhältnissen gewiß von Bedeutung, daß die Feier des 100jährigen Todestages des jüdischen Philosophen, der noch dazu dem Jndenthnme die höchste Treue erwiesen, mindestens ebenso sehr von christlicher Seite ausging, wie von jüdischer, besonders was die Feier in hiesiger Stadt betrifft, und daß sie von der Stadt Dessau und ihren Behörden, sowie von der herzoglichen Familie in glänzendster Weise ausgesührt wurde. Herzog Friedrich Leopold mit seiner Gemahlin, Prinz Friedrich und Gemahlin, der gesammte Hofstaat, Minister von Krosigk, die Mitglieder des Regierungscollegiums und : der Magistrat wohnten dem Festgottesdienste in der Synagoge! bei, während der Oberbürgermeister Dr. Funk an der Spitze jbc§ Festcomitvs stand; die Gesänge wurden vom Theaterchor ausgeführt unter Begleitung der Hofkapeüe. Vor dem Verlassen des Gotteshauses versicherte der Herzog dem Festcomit« und dem Rabbiner seine lebhafte Befriedigung. Der Platz, auf welchem das Monument Mendelssohns stehen soll, ist