Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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54 jedoch zum Wiederaufbau der alten Institutionen, zur Wiedererlangung ihres Einflusses und ihrer Gewalten benutzen. Die Geschichte unseres Jahrhunderts bietet hierfür die vollsten Beweise, man mag nun an die Befreiungskriege, an die Julirevolulion, an die Februarrevolution, an die Resultate des Krieges von 1870 und 1871 denken. Das neue deutsche Reich mit der Kaiserkrone, dem Reichstags dem allgemeinen Stimmrecht und der Gleichberechtigung aller Saatsangehörigen wurde festgegründet, und erfüllte alle Wünsche und Hoffnungen, welche die liberalen Parteien, und dies war die große Mehrheit der deutschen Nation, gehegt hatten, und um derentwillen die ersten so lange hart verfolgt.wurden. Auch die sogen, conservative Partei nahm diese neue Schöpfung, die so viele Ströme Blutes in zwei großen Kriegen gekostet hatte, an, und die zusammengeschmolzene Partei der Altpreußen verlor sich in die Schatten der Vergangenheit. Aber wenige Jahre genügten, um auch auf dem neuen Boden die Reaktion wieder in Thätigkeit zu setzen, um nach und nach die Principien und Einrichtungen der kurzen liberalen Aera zu untergraben, möglichst zu verstümmeln und die alten Bahnen wieder zu eröffnen. Ein Vertreter dieser Reaktion ist Prof. Heinrich von Treitschke. Der Mann hat viele Wandelungen durchgemacht. Von dem kräftigen Liberalismus, zu welchem er sich als Professor in Leipzig bekannte, trat er in die nationalliberale Partei ein, rückte allmählig von deren linken zum rechten Flügel hinüber, gesellte sich dann zu den Conservativen, indem er schon vor einigen Jahren erklärte: es gäbe jetzt nur noch Conservative und Radikale. Innerhalb des Conservatismus neigt er sich nunmehr zur Reaktion. Mit jedem Bande seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert" bekundet er dies immer mehr. Deßhalb seine unaufhörlichen Berdammungsurtheile über den Liberalismus, sein Hader gegen den Parlamentarismus, seine mißachtlichen Aussprüche über den Konstitutionalismus, sein Widerwillen gegen das allgemeine Stimmrecht, sein Wohlgefallen an Provinzialständen und Klassenvertretung u. s. f. Erfüllt vom nationalen Geiste, den er fest für sich allein gepachtet zu haben glaubt, ist er ein Todfeind des Partikularismus, ohne zu erkennen, daß er selbst ein steifer Partikularist ist, nämlich ein preußischer, mit dem deutschnationalen Mantel drapirt, weil eben das deutsche Reich in Preußen gipfelt. Dies alles wäre dem Herrn von Treitschke zu vergönnen, wenn er nur nicht ein Geschichtsschreiber Deuschlands im 19. Jahrhundert sein wollte. Denn nun schaut er, rückwärts gewandt, alle Vorgänge in den sieben Jahrzehnten aus dieser Perspektive an. Die Pflicht und Aufgabe jedes wahren Geschichtsschreibers ist bekanntlich, sich in die Verhältnisse, die Situationen und Persönlichkeiten der verschiedenen Zeiten zu versenken, sie aus diesen verstehen zu lernen und darzustellen. Wohl kann er sich ein Urtheil über das Verhalten der Erscheinungen in einer bestimmten Periode aus der obwaltenden Geistesrichtung und den Tendenzen derselben gestatten — aber er tritt gänzlich aus der Sphäre des Geschichtsschreibers heraus, wenn er alle voraufgegangenen Zeiten aus den Gesichtspunkten einer ganz neuen Epoche, einer ganz neuen Gestaltung heraus beurtheilt, verurtheilt und in diesem Sinne schildert. Darum ist Treitschke trotz seiner glänzenden Darstellungsgabe, trotz seiner Belesenheit und seines Fleißes doch kein Geschichtsschreiber, sondern nur — ein Parteigänger. Dies ist ihm denn auch hinsichtlich der beiden ersten Bände seines Werkes aufs klarste nachgewiesen worden, und ein gleicher Nachweis wird diesem dritten Bande nicht fehlen. Ja, je weiter er in seiner Beschreibung vorschreitet — dieser dritte Band behandelt die Zeit von den Wiener Conferenzen bis zur Julirevolution — desto unumwundener offenbart er seinen Parteistandpunkt, desto feindseliger tritt er gegen Alles auf, was seinen jetzigen Ansichten nicht entspricht, selbst wenn es nach der Lage der Dinge diesen gar nicht entsprechen konnte, desto polternder läßt er sich gegen Alle aus, die er als Gegner der Sache ansieht, welche er jetzt verftcht. Innerhalb dieser seiner reaktionären Richtung ist nun Treitschke auch ein wahrer Judenfresser. Hiermit sagen wir nichts Neues. Hatten wir doch mit seinem Judenhasse schon seit 1879 abzurechnen, wo er die berufenen Artikel in den von ihm redigirten „Preußischen Jahrbüchern" veröffentlichte, mit denen er an die Spitze der Antisemiten trat und ihnen den ihnen gänzlich fehlenden wissenschaftlichen Boden, natürlich nur einen scheinbaren und durchlöcherten Boden gab, und auf die er dann gleiche gehässige Schilderungen und Urtheile über die Juden in seinen ersten beiden Bänden! folgen ließ. Unsere Leser können sich aus den vorangegangenen! Jahrgängen leicht wieder mit den Feindseligkeiten, leidenschaftlichen Urtheilen, Uebertreibungen und völlig grundlosen i Behauptungen Treitschkes über die Juden wieder bekannt machen, wenn ihnen danach gelüsten sollte. An Widerlegungen i von unserer und anderer Seite hat es nicht gefehlt. Aber was fragt ein Mann wie Treitschke nach solchen; er ist für sie wie für jede Belehrung unzugänglich. Sehen wir nun zu, wie er sich in diesem eben erschienenen dritten Bande den Juden gegenüber benimmt. Treitschke widmet den Juden auch in diesem Bande ein! besonderes Kapitel und betitelt dies „der Einbruch des Judenthums." Mehr kann man von dem engragirtesten Antisemiten nicht verlangen. Die erwachende Theilnahme der Juden an dem öffentlichen Leben und der Literatur wird als „Einbruch des Judenthums", wie sonst „der Einbruch!der Vandalen und Hunnen", bezeichnet. Daß diese Leute! nicht gewahren, in welchen Widerspruch sie gerathen, wenn! fie den Juden stets mit großer Emphase und Treitschke thut!es mehrere Male in diesem Kapitel, Absonderung uns Aus-