Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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Wer war's doch, der den Weg zu ihr frei allem Volle aufgedeckt? Ein populärer Philosoph — der Titel scheint wohl Manchem klein; Was wäre Weisheit, würde sie wie Luft und Sonnenlicht gemein? Wenn viele trinken aus dem Quell, wird jeder Schlamm gleich aufgerüht, Und ivenn die Menge denken lernt, wird sie zur Frechheit nur verführt. So hat die Oberweisheit oft uns im Orakelton belehrt; Gottlob, daß endlich einer kam, der sich an dies Geschwätz nicht kehrt! Daß aus der Bildung reichem Quell auch Laienhand jetzt schöpfen kann, Das; ihr den Zutritt nicht verwehrt erstorbener Sprachen Zauberbann, Daß Deutschlands Hcldensprache ward das Werkzeug tiefster Wissenschaft, Verdankl man unsrem Mendelssohn und seiner deutschen Rede Kraft, Verdankt man seinem Heldenmuth, der alle Schranken kühn durchbrach, Die Herrschsucht, Stolz und Aberwitz errichtet zu der Menschheit Schmach. Wohl war für einen Juden noch das Wagniß groß im deutschen Land, Ein deutsches Buch zu lesen nur. es nur zu nehmen in die Hand; Doch seines Geistes Energie besiegte jedes Hemmniß leicht, Er las nicht blos, er schrieb auch deutsch, daß kaum ein And'rer ihn erreicht. Wollt Ihr, rief er den Seinen zu, den And'ren gleich geachtet sein? Deutsch denken lernt, und fühlen deutsch, das ist der Weg, Euch zu befrei'». Nur wahre Geistesbildung kann zum Freiherrn machen einen Knecht, Nur wahre Geisteswürde schafft Euch Menschenwürde, Menschenrecht. Zeigt ihnen, daß sich ehrlich nicht der Menschheit Reckt verfechten läßt, Wenn von dem Unrecht gegen Euch bestehen bleibt der kleinste Rest. — Und wie er zu den Seinen sprach, von Glaubensdünkel nicht bethört, Erhaben über de» Partei'«, durch keine Menschenfurcht gestört. So sprach zu Allen er das Wort, als einer neuen Zeit Prophet, Das Wort, das in der Dinge Flucht wie der Polarstern fest besteht: „Es eif're Jeder nur von Euch des Einen Vaters Liebe nach, Er leg' in seinem eig'nen Ring des Steines hohe Kraft an Tag, Bis vor dem Lichte der Vernunft Haß und Verfolgung sind verbannt, Weil jeder Ring als echt bewährt, weil Jeder wird als echt erkannt!" — Was er gefordert, machte wahr ein Königswort. „In meinem Staat Mag' Jeder seiner Seligkeit nachgehe» frei auf eigenem Pfad!" Dank diesen Beiden, Dank und Ruhm! Fürwahr, sie sind einander Werth, Der große König, den die Welt als Philosophen kennt und ehrt, Und Er, der große Philosoph, der aus der Zunftgenossen Chor An Geist um Haupteslänge ragt gleich einem Könige hervor. Wenn an des Denkinals Postament, das stolz des Helden Bildniß trägt, Vergebens des Betrachters Blick nach ihm, dem weisen Juden, fragt: Der große Friedrich ist es selbst, dem schweres Unrecht hier gescheh'n; Was mau dem And'ren angethan, der würd' es lächelnd überseh'n. Ein Denkmal dauernder als Erz, hat Freundes Hand ihm längst geweiht; In Nathan's Zügen lebt sein Bild erhaben über Raum und Zeit. Wenn an dem Tag, wo Mendelssohn des Lebens Endziel einst erreicht, Auf dieser Bühne sich dem Blick Lessing's sinnvolle Dichtung zeigt: „Der Tempel der Humanität ist's, der sich Eurem Blick erschließt, Wo Mendelssohn's verklärter Geist als Hoherpriester Euch begrüßt. Wo milde Weisheit Euch ertheilt der Menschenliebe heil'ge Weih'n." — Schon öffnet sich des Tempels Thor; auch hier sind Götter, tretet ein! — Nächst Dessau war es Berlin, wo die Feier besonders nachdrücklich vor sich ging, allerdings nur in den Synagogen. Einer unserer Correspondenten berichtet uns darüber: Berlin, 5. Januar. Nachdem der Jubiläumstag des Kaisers die hiesige jüdische Gemeinde äußerst zahlreich zu einem Dankgottesdienst versammelt hatte, fand sich gestern Abend eine nicht minder große Anzahl von Verehrern des Weltweisen, dessen Todes-