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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-19 · Heft 4 (19.1.1886) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 4 (19.1.1886)
Date
1886-01-19
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 sohn gefeiert wird, besteht Einstimmigkeit des Urtheils und der Gesinnung gegenüber dieser theuren Gestalt. Heute, wie vor hundert Jahren, ja wie zu Lebzeiten des Philosophen, ist die Gleichmäßigkeit in seiner Beurtheilung merkwürdig; einer Beurtheilung, die ihr Objekt sub speeie aeterni zu nehmen vermag und darin den Ruhm, aber auch die Schranke dieses Objekts findet. Sein Geist war allezeit gerichtet auf das Zeitlose und Ewige, auf die großen, gültigen Wahrheiten des Menschengeschlechts; der bedingten, historischen Existenz des Einzelnen war er abgewendet, und doch ist er selbst: sein Leben sein Werden, sein Können, ein historisch bedingtes; es ist aus seiner individuellen Erfahrung, aus den Umständen, in denen er erwachsen war, abzuleiten und zu erklären. Und diese Umstände und Bedingungen — was entwickelten sie in ihm? Sie entwickelten, um einen Terminus von Spinoza zu gebrauchen: Energien; immer neue Lebensenergien werden in ihm herausgefördert, immer neu standen sie ihm auf. Die bürgerliche Stellung der Juden in seiner Zeit — man spricht bei ihr von Stellung, wie man lucus sagt a non lueendo — die Kämpfe gegen die Armuth und die Intoleranz, gegen Lavater und Jaeobi, — Alles zwang ihm jene Energien ab, und so wurde er, was wir in ihm bewundern: ein Genie der Lebensführung. Der Reichthum seiner Lebensbeziehungen ist fast unübersehlich; und in die Mitte gestellt von Extremen, zur Rechten und zur Linken, weiß er in allen sich zurechtzufinden mit sicherem Takt. Ein Erbprinz von Braunschweig fordert heute seine Aufmerksamkeit heraus, morgen ist es ein armer, entlaufener Jude, der wissensdürstig zu dem großen Glaubensgenossen kommt und seinen intimen Rath in Anspruch nimmt; jetzt gilt der vornehmen, königlichen Akademie der Wissenschaften sein gelehrtes Interesse, jetzt wieder wendet sich sein religiöser und humaner Sinn den kleinen jüdischen Gemeinden draußen in der Schweiz zu. Eine Erscheinung, so ungewöhnlich wie dieser Moses,; mußte die Verwunderung erst, die Bewunderung dann der Zeitgenossen erwecken. Verwunderung, Bewunderung — in beiden ist etwas von Wunder; und grade Moses wollte nicht - gern Wunder glauben, wo er vernunftgemäß die Dinge erklären konnte. Darum heißt ihm wahrhaft huldigen: erklären,! wie er geworden!! Wie in der Lectüre des Maimonides zuerst dem Moses? der philosophische Sinn sich geregt hat, wie seine Neigung! zum Deutschen erwachte und er sich in diese Sprache sogleich verliebte, wie er, als ein Autodidakt von bester Art, frei bleibt von den Hemmungen des Berufsgelehrten, von Schulfesseln und Zopfzwang, schilderte jetzt der Redner in charakteristischen Zügen; und in einem Vergleiche zwischen der Sprache des Leibnitz und Mendelssohn legte er den Fortschritt in der Entwickelung nach dieser Richtung klar. Jene Leibnitzischen „unergreiflichen Gedanken zur Verbesserung der deutschen Sprache", wie naiv unbeholfen sind sie, wie köstlich steif; aber wie rührend auch klingt durch sie hindurch die Sehnsucht nach einer Erneuerung unseres Deutschen: Mendelssohn hat sie für die Philosophie geleistet, er, der Jude: Deutschthum und Judenthum haben sich in ihm zu einer neuen Wesenseinheit zusammengefunden; er ist Aufklärer, nicht im negativen Sinne der französichen und englischen Aufklärung, sondern recht nach deutscher Art, ein Erneuerer auf positivem Grunde, ein Reformator nicht nur mit Religion, 'sondern aus Religion; und wie der große Reformator der! Deutschen zu einer Verinnerlichung und Vertiefung des Glau-! bens sein Land geführt hat, so that für seine Glaubensgej «offen der Moses aus Dessau. * Als vierte Nummer der umfangreichen Feier war nunmehr das Festmahl im „Gasthaus zum Hirschen" angesetzt: eine angeregte Gesellschaft von mehreren hundert Gästen fand sich dort zusammen. Die Eintracht, welche diese Feier auszeichnete, sprach aus der Zusammensetzung der Theilnehmenden, wie der Redner; neben dem jüdischen Rabbiner tauchte der katholische Geistliche von Dessau auf, Staatsanwalt Siegfried und Bürgermeister Funk hielten Reden auf die Familie Mendelssohn; die Vertreter des deutsch-israelitischen Gemeindebundes Herr Justizrath Meyer aus Berlin und Rabbiner I)r. Goldschmidt aus Leipzig, feierten diesen Gedenktag als einen den Deutschen und den Juden gemeinsamen; wir wollen nicht deutsche Juden sein, sprach der letzte Redner, sondern jüdische Deutsche — in demselben Sinne, wie es katholische Deutsche und evangelische Deutsche gibt. Im Herzogl. Hoftheater wurde „Nathan der Weise" gegeben, voranging „Onkel Moses", und zwischen beiden Stücken folgender Prolog zur Feier des Tages gesprochen: Wie unser Spiel ihn jetzt gezeigt, als Lehrer echten Menschenthums, So wirkte Moses Mendelssohn, so pflückte er den Kranz des Ruhms. Mag stolzen Schritt's die Wissenschaft an seinem Thun vorübergehn, Im goldenen Buch der Menschheit wird mit Flammenschrift sein Name stehn. Mag sein, daß er Gelehrten nicht durch neue Wahrheit imponirt; Uns soll's genügen, daß zum Sieg urewige Wahrheit er geführt. Wenn Freiheit des Gedankens wohnt im deutschen Land vor andern jetzt, Wenn eigner Meinung heilig Recht der Deutsche über Alles schätzt. Wenn Geistesbildung sich bei uns nicht in gelehrtem Wust versteckt, 4*

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