Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 4 (19.1.1886)
- Date
- 1886-01-19
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
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50 zu einem nicht geringen Theile noch heute nicht überwunden ist, und sich thatsächlich an der eigenen Familie Mendelssohns und seinen unmittelbaren Jüngern bekundete, wir erinnern nur an das „Sendschreiben jüdischer Familienväter." Wir glauben dies hier äußern zu müssen, um einer schiefen Richtung und einer falschen geschichtlichen Auffassung entgegenzutreten. Bleibt doch unserm Mendelssohn ein voller Ruhmeskranz übrig, der ihn würdig machte, noch Jahrhunderte lang in dankbarem Gedächtniß gefeiert zu werden. Was die Feier Mendelssohns betrifft, so ist sie in löblichster Weise gewachsen. Wir erinnern uns noch lebhaft des Jahres 1829, in welches der hundertjährige Geburtstag Mendelssohns fiel. Damals wurde dieser Tag unsers Wissens nur :n der Vaterstadt Mendelssohns gefeiert, und zwar allein in der jüdischen Franzschule. Wir verweilten damals dort als Student. In der Aula der Franzschule wurde unter der Leitung des sel. Direktors I)r. Frankel von dem Gyn^ nasialrektor Div Richter, der auch in den höheren Klassen der Franzschule Unterricht ertheilte, als Alterthumsforscher ein bekannter Schriftsteller, vom edelsten Humanitären Geiste beseelt, wie er auch einige Abhandlungen in der jüdischen Zeitschrift „Sulamith" veröffentlicht hatte, die Gedächtnißrede gehalten. Die Zuhörerschaft bestand aus Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und einigen wenigen christlichen Honoratioren. Auch wurde die Stiftung eines Stipendium- Vereins für jüdische Studirende, der den Namen Mendelssohns tragen sollte, geplant, verlief aber im Sande. Aber die Zeit geht schnell unv ganz anders sah es um das Jahr 1879 aus. Unterdeß waren die Werke Mendelssohns in mehrfachen Ausgaben erschienen, an mehreren Orten hatten sich Mendelssohn-Vereine zn humanitären Zwecken gebildet, und das Bewußtsein, was wir an Mendelssohn gehabt, war erstarkt und verbreitet. Man ergriff deshalb willig die Gelegenheit, seinen hundertfünfzigjährigen Geburtstag feierlich zu begehn. Die Anregung ging diesmal von Leipzig aus und zwar von dem dortigen Mendelssohn-Vereine und dem Deutschisraelitischen Gemeindebunde, dessen treffliches „Gedenkbuch" schnell in zwei Auflagen vergriffen wurde. So war es folgerichtig, daß die Wiederkehr des Todestages Mendelssohns nach einem Jahrhundert zu einer allgemeinen Gedüchtnißfeier aufforderte. Besonders lebhaft war die Anregung von Berlin aus, wo Mendelssohn von seinem dreizehnten Lebensjahre an geweilt und gewirkt. In vielen jüdischen Gemeinden wurde in den Synagogen eine Gedüchtnißfeier durch Predigt und Chorgesang abgehalten. Die eigentliche Stätte der Feier war aber in Dessau, und, dies ist das bemerkenswertheste, von der Stadt und ihren Behörden ausgegangen und unter der Theilnahme der herzoglichen Herrschaften. Dies ist für die gegenwärtigen Verhältnisse recht bedeutsam. Mendelssohn wirkt auch jetzt noch in versöhnendem Sinne. Eine ausführliche Beschreibung aus der' Feder von Otto Brahm bringt die „Franks. Ztg.", welcher wir Folgendes entnehmen: Die Mendelssohn-Feier nahm Morgens mit Gesang vor dem Geburtshause des Philosophen ihren Anfang. Das Haus, in welchem dem Elementarlehrer Mendel an der jüdischen Gemeinde sein Sohn Moses geboren wurde, steht noch in der schmalen, langgezogenen „Askanischen Straße", durch eine Gedenktafel bezeichnet; besonders das Hinterhaus ist vollständig erhalten in seinen bescheidenen engen Räumen. Die einfache geweißte Decke, der ehrwürdige Ofen in dem niedrigen Parterrezimmer mit den kleinen Fensterscheiben — Alles macht den Eindruck altväterlicher, eingeschränkter Häuslichkeit. Ein Kupferstich von sprechender Aehnlichkeit war an die Hauptwand geheftet: die klugen Augen Mendelssohns richten sich auf den Beschauer, den Mund umspielt ein feines, sinnendes Lächeln. Die schöne Mendelssohn-Büste von Ernst Rietschel hatte unter diesem Porträt Aufstellung gefunden, Lichter brannten davor, feierlich, ruhig; sonst nichts in dem stillen, dunklen Raum, in den ein trüber Winterhimmel spärlich hineinbricht. Aus diesen Zimmern war der kleine „Moses Dessau" hinausgezogen in die weite Welt; und der Manu hat gern zurückgedacht, mit der ganzen Pietät seiner treuen Seele, an die Heimathstadt und das bescheidene Geburtshaus in der Askanischen Straße. Um 10 */2 Uhr rief das Festprogramm in die Synagoge, wo Rabbiner Dr. Weisse die Gedenkrede hielt. In der zahlreichen Hörerschaft befand sich auch der regierende Herzog von Anhalt nebst Familie, sowie viele Gäste aus Berlin, Hamburg, Magdeburg, Wien. Es folgten in der Aula des Gymnasiums die Festreden von Direktor Wickenhagen und Professor Lazarus. In schlichter, klarer Auseinandersetzung gab der erste ein Lebensbild Mendelssohns, indem er an die Säkularfeier des Geburtstages des Philosophen, welche 1829 in dieser Stadt begangen worden, anknüpfte. Er hob die Bedeutsamkeit seines Todesjahres hervor, das an der Grenzscheide zweier Zeiten steht: Friedrich der Große und Mendelssohn, zwei Repräsentanten der Epoche der Toleranz und der Aufklärung, starben 1786, und in demselben Jahre wurden die Männer einer neuen Weltanschauung geboren, Romantiker und Jungdeutsche, die doch auf den Schultern jener Vorgänger standen: Wilhelm Grimm und Achim von Arnim, Justinus Kerner und Ludwig Börne. Die Rede von Professor Lazarus, bedeutend im Inhalt und eigenartig in ihrem beseelten Vortrag, fesselte nun das Interesse der Hörer eine volle Stunde hindurch auf das Lebhafteste. Längst Empfundenes, so sprach der Redner, tönt Ihnen nur im Wiederhatt aus meinem Munde zurück: denn wo immer in Deutschland an diesem Tage Moses Mendels-