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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-19 · Heft 4 (19.1.1886) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 4 (19.1.1886)
Date
1886-01-19
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Iudmthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig » Mark. Abonne- ' ment in Deutschland (Postzeitungsliste! Nr. 92) und Oesterreich bei allen - Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippjon in Bonn. Gspeöitiorr: Leipzig, Woßplcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten! wende man sich an 0r. Philippfon in i Bonn direct, in allen übrigen an die i Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere ' einzusenden. ___J 50. Jahrgang. Leipzig, den 19. Januar 1886. Nr. 4. Inhalt. Leitende Artikel: Die Gedächtnißfeier am hundertjährigen Todestage Moses Mendelssohns am 4. Januar 1886. — Ein Zwischenfall zwischen der alten und der neuen Welt. I. — Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Iah-hundert, 3. Theil. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Dessau, Bonn, Berlin, Frankfurt a. M.. Wiesbaden, Leipzig, Bielefeld, Eberswalde, Wormditt, Posen, Aus Württemberg, Saarwelliugen, Wittmund. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Bulgarien: Sophia. — Belgien: Brüssel. — Amerika: Chicago. — Afrika: Paris. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Vermischtes. Sct U116a CI tirißef. Bonn, 13. Januar. Nie Gedächtnißfeier am hundertjährigen Todestage Moses Mendelssohns am 4. Januar 1886. Ein glückliches Loos war Moses Mendelssohn während seines Lebens zugefallen, und dieses Looses war Niemand würdiger als er. Wir sehen selbstverständlich von dem Weh' und den Leiden ab, die jeden Sterblichen treffen, und die man deshalb mit vollem Rechte „die heiligen Uebel des Lebens" genannt hat. Daß er eine schwere Jugend und ein mühseliges Ausklimmen zur Höhe des Lebens gehabt, konnte dem edlen, gemüth- und geistvollen Manne, der so Großes erreicht hatte, nur zu höherer Befriedigung gereichen. Denn sowohl in seiner Persönlichkeit, wie auch in seinen Schriften wurde er von seinen Zeitgenossen in außergewöhnlichem Maße gewürdigt und gefeiert, und zwar weit über die Grenzen seines Vaterlandes und seiner Glaubensgenossenschaft hinaus. Man nannte ihn den deutschen Sokrates, und mehrere seiner Schriften wurden in fremde, der Phädon sogar in zehn Sprachen übertragen, was zu jener Zeit viel mehr bedeutete als in der Gegenwart, wo der geistige Austausch unter den Nationen oft über die richtige Grenze hinaus geht. So war es für die Juden ein großes Glück, daß zur Zeit der begonnenen Culturbewegung, und wo die Ideen des Rechts und der Humanität sich zu verbreiten angefangen, ein Mendelssohn aus ihrem Schoße hervorgegangen, der durch seine Persönlichkeit und seine Leistungen thatsächlich erwies, wie auch im Juden das sittliche Ideal sich verwirklichen könne. Wir haben diesem Gedanken einen Ausdruck gegeben in einer Rede, welche, da wir persönlich verhindert waren, vorgetragen wurde in einer Versammlung des Mendelssohn-Vereins i» Leipzig, und die in dem „Lessing Mendelssohn-Gedenkbuch" veröffentlicht wurde (S. 84—100), welches der Deutsch-israelitische Gemeindebund herausgegebeu (Leipzig, Baumgärtner 1879). Was dann Mendelssohn im und für das Judenthnm gewirkt hat, welche Impulse er gegeben, brauchen wir hier nur anzudeuten, da es in der vielfachsten Weise schon ausgesprochen ward. Dennoch bei aller Würdigung und Anerkennung und bei der hohen Verehrung, die wir für Mendelssohn hegen, müssen wir sagen, daß seine Stellung innerhalb des Judenthums eine dogmatisch und thatsächlich verfehlte war. Dogmatisch, da ec in seinen Schriften das alleinige Gewicht auf eine selbständige „Vernunftreligion" legte, dem Judenthuine den eigentlichen Lehrinhalt, „Dogmen", absprach und es bloß als ein „Gesetz" betrachtete, zu welchen, die Judenheit auf ewig verpflichtet sei, ohne dieses „Gesetz" selbst näher zu bezeichnen und zu charakterisiren, ohne dasselbe in seinem großen Entwicklungsgänge aufzufassen und zu verstehen. Wir haben hierauf schon öfter liingewiesen und wollen es heute nicht weiter verfolgen. Thatsächlich trat denn auch »ach ihm eine Verwirrung und Erschlaffung im Jndenthume ein, die mit dem gewaltigen Streben und Ringen nach geistiger Culiur in den Juden umsomehr kontrastirte, eine Verwirrung und Erschlaffung, welche erst fast ein halbes Jahrhundert später, nachdem sie traurige Folgen genug gehabt, mit den größten Anstrengungen bekämpft ward und

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