Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- Seite 43 (sequence 11)
- Language
- German
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48 stimmende Moment für die Austreibung, nachdem sie zum Theil seit Jahrzehnten bei dem Betriebe erlaubter Geschäfte sich aller Rechte der Einwohner zu erfreuen gehabt hatten. Wenn man das Landrecht gegen die Reichstagsabgeordneten anruft, sollte man ihm auch selbst gerecht werden, zumal in einem Falle, in welchem es sich so klar und bestimmt ausdrückt. Der Schutz, den es den Fremden verheißt, entspricht der guten Tradition preußischer Politik, einer Praxis, die sich so segensreich für die materielle und geistige Entwicklung des Staates erwiesen hat. Oesterreich-Ungarir. Wien, 29. Dezember. (Privatmitth.) Herr Josef Ritter v. Wertheimer ist seit mehreren Wochen genöthigt, das Zimmer zu hüten. Zu bewundern ist der frische rege Geist dieses 85 jährigen Mannes, Gott erhalte ihn. Jetzt noch arbeitet er auf dem Krankenlager für die Interessen der Juden und schreibt, um das geplante Buch zu veröffentlichen. Möge Gott ihn stärken und kräftigen. Herr Moriz Ritter v. Borkenau, welcher 24 Jahre Mitglied des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde und seit dem Tode Kuranda's Präses derselben war, scheidet nun aus demselben. Er wird eine große und bedeutende Lücke zurücklassen und ist dessen Austritt wahrhaft zu bedauern Allerdings giebt man sich der Hoffnung hin, daß er in nicht langer Zeit wieder in den Vorstand treten wird. Wer jetzt Präses werden wird, weiß ich nicht. Es werden verschiedene Namen genannt; aber der Eine will, der andere kaun wegen Mangel an Zeit den Posten nicht übernehmen. Der niederösterreichische Landtag hat heuer zum ersten Male dem israelitischen Waisenverein eine Subvention von. fl. 200 zugewiesen. Es ist das ein Verdienst des Abgeordneten Moriz Freiherr v. Königswarter, der überall mit Wärme für die Interessen der Juden und des Judenthums eintritt. Wie Ihnen bekannt sein wird, ist hier in der Leitung des Ministeriums für Cultus und Unterricht ein Wechsel eingetreten. Wie ich höre, hat sich der neue Minister entschieden, das Gesetz zur Regelung der äußern Rechtsverhältnisse der Juden im Reichstage einbringen. Brünn, 28. Dez. (Privatmitth.) Der hiesige Local- und mährisch-schlesische Landesrabbiner Herr vr. B. Placzek hat, wie ich höre, dem Cultusministerium den Entwurf zu einem jüdischen Consistorium, ferner ein Programm zu einem Proseminar in hiesiger Stadt überreicht. Es wird dem neuen Unterrichtsminister Herrn v. Gautsch Energie nachgerühmt, vielleicht geht er daran, diese hochwichtige Frage zu lösen. Die in Wien erscheinende „Oesterreichische Wochenschrift", die jetzt sogar einen Chefredakteur hat, nämlich den ehemaligen Redakteur der „Kritik und Reform", die wegen Mangel an Abonnenten einging, druckt in Nr. 49 einen Artikel von Professor vr. M. Philippson, „Antisemitismus in Italien" aus Nr. 50 der Allg. Ztg. d. Judenthums ohne Quellenangabe nach. Neutra, im December. Der Köpösder Pfarrer Probst, der bei den letzten Wahlen im Bezirke Vügvecse mit antisemitischem Programme auftrat, lebte mit den Juden seines Pfarrgebietes auf sehr schlechtem Fuße und molestirte sie unablässig mit Denunziationen und Prozessen. Ein Mitglied der Gemeinde kam auf einen originellen Gedanken, wie man den Feind am besten kaltstellen könnte. Die Köpösder israelitische Gemeinde wählte nun den antisemitischen Pfarrer — zum Vorsteher und zum Präsidenten des Schulstuhles. Probst nahm beide Würden an und seither ist der Friede hergestellt. Frankreich. ( Paris, 1. Januar, Arch. isr. wiederholen ihre schon öfter geäußerten Beschwerden darüber, daß das israelitische Consistorium von Paris keinen Rechenschaftsbericht über die finanzielle Lage dieser großen Gemeinde seit langer Zeit veröffentlicht, besonders aber auch über die Gründe, weshalb die Zinsen der Schuldverschreibungen vom Neubau der Tempel her nicht bezahlt worden. — Herr Louis Ulbach (kein Israelit) hat von deni rumänischen Minister Bratiano, dessen Sohn in Paris bei ihm verkehrt, und dann an die Königin von Rumänien Gesuche zu Gunsten der in jenem Lande so hart bedrückten Juden gerichtet — aber keine Antwort erhalten. (Vielleicht bestand die Antwort in dem auch von uns mitgetheilten Artikel des offiziösen Blattes in Bukarest, in welchem die dortigen Juden aufgcfordert werden, sich nicht mehr an das Ausland um Hülfe zu wenden, weil sie hierdurch ihr Schicksal nur erschwerten. Red. d. A. Z. d. I.) Rußland. Petersburg, im Dec. In Betreff der Ausweisungen von Russen aus Preußen theilt der Berliner Korrespondent der „Ruff" mit, daß die russische Diplomatie den Fürsten Bismarck dieser Maßnahme wegen interpellirt und verschiedene Forderungen zwecks Wahrung der Interessen russischer Unterthanen gestellt habe, woraufhin u. A. der Reichskanzler die Versicherung abgegeben haben soll, daß „echte Russen (Orthodoxe u. s. w.) nicht ausgewiesen werden sollen." (Ob diese Mittheilung richtig sei, entzieht sich bis jetzt unserer Kenntniß.) — Die unter Vorsitz des Grafen Pahlen eingesetzte Juden-Kommission hat, wie die „Moskowskija Wiedomosti" melden, beschlossen, vor allem Anderen die zwei wichtigsten Fragen zu erledigen, nämlich die Frage der Gewährung des Ansiedlungsrechtes der Juden in der ganzen Monarchie und die zweite, betreffend die Erwerbung von unbeweglichen Gütern seitens der Juden. In dieser