Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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42 kennt man. Pickenbach sagte, er und seine Gesinnungsgenossen haben bei der Trauerfeier für den verst. Straßmann im Rathhaussaale nur auf ein Zeichen des vr. Jrmer gewartet, um ostentativ den Saal zu verlassen. Jammerschade, daß Dr. Jrmer das Zeichen nicht gegeben hat, es wäre hierdurch weiteres schätzbares Material zur Charakteristik der Herren geliefert worden. Berlin, 30. Dez. (Privatmitth.) Dem späteren unparteiischen Geschichtsschreiber unserer Zeit wird nichts auffälliger sein, als eine große Partei, die conservative nämlich, als einen ihrer eifrigsten Agitatoren, Hädschel und die orthodoxe als eines ihrer rüstigsten Werkzeuge, einen Mann wie Stöcker bewahren und schonen zu sehen! Wir hoffen, von demselben in nächster Zukunft nicht viel sprechen zu müssen, dürfen es aber heute nicht übergehen, daß er einen neuen harten Schlag und zwar von einem überaus friedfertigen, strenggläubigen Professor der Theologie erhalten hat. Dessen Schrift: „Herr Adolf Stöcker, christliche Liebe und Wahrhaftigkeit" (Karlsruhe, Reuter) ist nun erschienen und wird ein werthvoller Beitrag zur Geschichte des Antisemitismus bleiben. Strack hatte ans Wahrheitsliebe in der „Kreuzzeitung", und zwar ohne Stöcker nahe zu treten, die falsche Auslegung des Kol-Nidre Gebetes, die sich Stöcker in öffentlicher Versammlung hatte zu Schulden kommen lassen, widerlegt und den Inhalt desselben richtiggestellt. Das war genug, um Stöcker und seine Genossen über Strack herfallen zu lassen. Mit unerschöpflicher Geduld drang Strack auf eine Ehrenerklärung, die ihm auch von Stöcker zugcsagt ward, während er an demselben Abend noch diese Zusage brach, was sich noch mehrere Mal wiederholte. Natürlich zieht der Hofprediger als ein gewissenhafter Mann die Zusage nachträglich wieder zurück. Jeden Tag zeigt er ein anderes Gesicht, und so mußte Prof. Strack endlich zu dieser Schrift schreiten. Als ein Beispiel aus dem betr. Briefwechsel führen wir hier folgende Zuschriften an. Herr Strack schreibt am 1. Juni d. I.: „Herr Hofprediger! Kehren Sie um, da es noch Zeit ist! Lüge und Fälschung haben sich Ihnen als Bundesgenossen — nun, ich will sagen aufgedrängt. Sie werden mit Hilfe derselben augenblicklich in der Gunst der urtheilslosen Masse hochstehen. Aber Sie schädigen, wenn Sie solche Bundesgenossensckiaft auch nur dulden, die Wahrheit, das Christenthum! Um der guten Sache willen, nicht um meinetwillen, beschwöre ich Sie: hören Sie auf den gutgemeinten Rath." Und hierauf Stöcker am 2. Juni d. I.: „Ihnen kann ich nur rathen, den in so thörichter Weise begonnenen Streit aufzugeien. Wer sich muthwillig in Gefahr begiebt, kommt darin um . .. Führen sie den Streit weiter, so wird mir nichts übrig bleibe», als alle die unliebsamen Behauptungen und Beleidigungen Ihrer Briefe zu veröffentlichen. Sie kennen das öffentliche Leben nicht und überschätzen Ihre Bedeutung." Man sieht, bemerkt dazu die „Volksztg.", der richtige Demagoge im verächtlichsten Sinne des Worts! Dem in friedfertiger Gesinnung mahnenden und warnenden Amtsbruder antwortet er mit der unverhüllten Drohung, ihn öffentlich durch den Koth der christlich-socialen Verleumdungssucht schleifen zu wollen. .. . Herr Strack hat nunmehr in der erwähnten Schrift das gesammte Actenmaterial des Streits veröffentlicht. Das Bild, welches sie entrollt, gehört zu den interessanteren der gegenwärtigen Reaetions -Periode: ein Hofpredizer sucht, gestützt auf die literarischen Fälschungen eines wegen Unterschlagung vorbestraften vr. Philad. die Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen, wird von einem orthodoxen Professor der Theologie in mildester und sachlichster Weise auf sein „Jrrthum" hingewiesen und läßt nun durch seine Criminalstudenten den letzteren niederhetzen, bis derselbe, ohne jede Unterstützung gelassen, von seinen eigenen Gesinnungs- und Parteigenossen, als letzten Rettungsanker den Appel an das öffentliche Urtheil ergreift! Berlin, 3. Januar. (Privatmitth.) In ihrer Rückschau auf das verflossene Jahr stimmt die „Kreuzzeitung" Klagelieder über die politischen und socialen Fragen an, welche noch nicht gelöst worden. Besonders heiße Thränen vergießt sie darüber, daß die „Judenfrage noch nicht gelöst sei, die doch jedenfalls gelöst werden müsse". Wir hoffen, daß sic am Ende des begonnenen Jahres dieselbe Klage zu erheben sich veranlaßt sehen werde, umsomehr als ihr selbst der Witz ausgeht, wenn sie gefragt wird, auf welche Weise sie die Lösung dieser Frage sich denkt? Das kommt davon, wenn man aus Borurtheil und Fanatismus eine Frage aufstellt, die vor dem Forum des Rechts und der Wahrheit gar nicht besteht. Ja, wir hoffen, daß eine ganze Anzahl von den Fragen der Kreuzzeitung in dem neuen Jahr gar nicht aufgeworfen wird, so daß dem edlen Blatte die Wahl verbleibt, worüber es die nächsten Jeremiaden anstimmen will. Frankfurt a. M., 30. Dezember. Die „Franks. Ztg." schreibt: „Fremde Unterthanen haben bei dem Betriebe erlaubter Geschäfte in hiesigen Lande» sich aller Rechte der Einwohner zu erfreuen, so lange sie sich des Schutzes der Gesetze nicht unwürdig machen." Also heißt es in dem Artikel 41 des preußischen Landrechts und mit Recht knüpft daran ein polnisches Blatt die Frage, ob man bei der Ausweisungsmaßregel nicht an diese durch kein späteres Gesetz aufgehobene, also geltende Bestimmung gedacht habe. Einzelne der Ausgewiesenen mögen sich ja wohl des Schutzes der Gesetze unwürdig gemacht haben, von der Masse derselben aber gilt dasselbe gewiß nicht, bei ihnen war die Nationalität das be-