Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
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gewidmet, wenn wir nicht die Gelegenheit wahrnehmen j wollten, uns über diesen Gegenstand auszusprechen. Bonn, 3. Dezember. Nur wenige Namen von Dichterinnen tönen uns aus vergangenen Zeiten entgegen, wie Deborah, Sappho, Vittoria Colonna. Mit dem Anfang unseres Jahrhunderts hat sich das geändert, und in Frankreich, England und Deutschland sind sehr viele Bewerberinnen um den poetischen Lorbeerkranz aufgetreten, auf dem Gebiete der Lyrik und dem der Novelle und des Romans. Unter diesen hat sich in jüngster Zeit einen ehrenvollen Platz die Königin von Rumänien unter dem Schriftstellernamen Carmen Sylva erworben. Von ihren Schriften interessirt uns besonders: „Jehovah", die soeben in 2. Auflage erschien (Bonn, Strauß). Das Interesse liegt für uns sowohl in äußeren, wie inneren Momenten. Zu den ersteren gehört es, daß sie den Namen Gottes dem Judenthume entlehnte, wahrscheinlich weil sie hiermit andeuten wollte, daß es sich in ihrer poetischen Arbeit um die reine monotheistische Gottesidee handle, und daß sie zum Träger ihrer dichterischen Ergüsse den Ahasver wählte, der freilich nur in der christlichen Legende existirt, aber doch immerhin einen Juden, und zwar einen „ewigen" bezeichnet. Unsere Dichterin freilich läßt den armen Geplagten zuletzt sterben, und wir wünschten Wohl, daß mit dieser poetischen Licenz der „ewige Jude" wirklich zur Ruhe komme, ein Wunsch, der jedoch schwerlich in Erfüllung geht. Was nun noch die Form betrifft, so besieht das Gedicht aus einer Reihe lyrischer Ergüsse in reimfreien Jamben, bisweilen mit Anapästen abwechselnd. Der Ahasver unserer Dichterin ist der Träger des Zweifels an Welt und Menschen und darum an Gott. Seine Wanderung besteht darin, daß er überall Gott sucht, Gott zu schauen verlangt, und bis ihm dies geworden sei, zweifelt und lebt er. Seine Verhöhnung des Kreuzträgers entspringt deshalb nicht aus Frivolität oder Herzenshärte, sondern aus seinem Aergcr, daß dessen Jünger ihn, der doch als Mensch leidet und stirbt, als Gott verehren. Von da wandert er nach dem todten Meere, in die Mitte der schreckensvollsten Wüste, er lebt Jahre lang als Felsenheiliger in Indien» er stürzt sich mit den Bekennern des Islam in die blutigen Schlachten für ihren Allah, er versenkt sich in den Pfuhl sinnlicher Liebe, scharrt unermeßliche Reichthümer zusammen, wird von der Inquisition gemartert und verbrannt, fährt mit den Entdeckern in die neue Welt, wird König über ein verkommenes Volk, richtet es zu Kraft und Wohlleben auf, pilgert in die Eisfelder des Nordens und wird vom Sturme in das Meer geschleudert. Ueberall hier sucht er Gott und — findet ihn nicht. Müde und matt bis zum Tode, sinkt er an einem herrlichen Frühlingstage in das duftige, schwellende Gras und sieht nun Pflanzen, Thiere und Menschen, vom Lenzeshauche geweckt, sich liebend vereinen, um neues Werden zu schaffen. Hierin il)! erkennt er Gott; in dem ewigen Werden schaut er und erkennt er Gott. Er hat sein Ziel erreicht und verscheidet. Der Leser kann aus dieser Uebersicht voraussetzen, daß die Dichterin die lebhaftesten poetischen Schilderungen von allen diesen Scenen und Scenerien zu geben sucht, und dies ist ihr in den meisten Fällen sehr gelungen, da sie es versteht, sich nicht allzusehr auszudehnen, sondern zur rechten Zeit das Ende zu finden weiß. Freilich wird man sagen: wozu diese lange Wanderung durch die Jahrhunderte und in die Welttheile, den Frühling mit seiner Blüthenpracht und der Fülle neuen Lebens hatte er ja vor der Thür? Allein die Dichterin wollte eben zeigen, wie viele falschen Begriffe von Gott in der Menschenwelt vorhanden, wie viele Götzen die Menschen sich zur Anbetung aufstellen und für Gott erklären, was nur ein Zerrbild des göttlichen Wesens ist. So folgt die königliche Sängerin durch alle diese Orte und Zeiten doch nur jenem reinen Begriffe von Gott, welchen das Judenthum von seinem Beginne an gelehrt. Allerdings bleibt es einseitig, Gott nur im „Werden" zu finden, auch im Sein und Vergehen ist Gott. Die heutige Naturwissenschaft will ebenfalls nur ein ewiges Werden, eine ewige Bewegung anerkennen, da ja die verwesenden Dinge auch nur in andere Daseinsformen übergehen. Allein dem steht doch gegenüber, daß die Wesen als Individuen sind, und daß sie mit ihrem Vergehen als individuelle Wesen aufhören. Jenes Naturgesetz befaßt nur das allgemeine Dasein; dies tritt aber doch nur in den individuellen Wesen in die Erscheinung, und das Sein und Vergehen dieser ist ebenso ein göttliches Werk, wie das Werden. Und dennoch können wir sagen, daß Carmen Sylva mit dem Endziel ihres Ahasver nicht aus dem Rahmen des Judenthums heraustritt. Denn auch dieses eröffnet seine Lehre mit: „Es werde Licht!" mit allem Werden aus Gottes Gedanken und Willen. — Um dem freundlichen Leser, wenn er das kleine, trefflich ausgestattete Buch nicht zur Hand hat, einen Begriff von der Dichtweise zu geben, welche Carmen Sylva hier zur Anwendung bringt, stellen wir das Endgedicht hierher. „Da kam ein lauer Wind, von Düften schwer, Und trug ein fein befiedert Sämlein ihm Vorüber, das in einen Blumenkelch Sich schmiegte; Bienen, Schmetterlinge schleppten Bon Blum' zu Blume Samen; Ameisen Durchschwirrten rings die Luft zur lust'gen Brautfahrt. Die Vögel hielten zärtlich Zwiegespräch, Und trugen Flöckchen fort zum Neste. Eines Kam dicht zum Träumer, der dort lag, heran Und zupfte ihn am Haar, es ihm zu stehlen. Ein Reh kam aus dem Wald mit seinem Kleinen, Sie knickten leis' die Reislein und das Laub,