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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-12 · Heft 3 (12.1.1886) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 3 (12.1.1886)
Date
1886-01-12
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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sittliche Mission, ist aber in dem Jrrthum befangen, als ob die Unsittlichkeit allein mit dem geschlechtlichen Leben zusammenhinge. So günstig die Juden im letzten dastehen, so wenig hat ein großer Theil von ihnen in Bezug auf Geldsachen Moral zu predigen Ursache. Kurz: keine Judenhetze, aber auch keine Judenvergötterung!" Dem Kritiker erscheint also die Ueberzeugung des Juden von einer Mission des Judenthums eine „Judenvergötterung!" Wir setzen voraus, daß ein Culturhistoriker auch die Geschichte studirt hat, und begreifen dann wirklich nicht, wie sich Herr H. A. R. einen Culturhistoriker nennen darf. Welche Nation und welche Religion kann auf die Dauer eine weltgeschichtliche Stelle einnehmen, ja nur durch einen größeren Zeitraum existiren, ohne die Ueberzeugung von einer Mission zu haben und zu pflegen? Jede positive Religion trägt das Bewußtsein einer zwiefachen Mission in sich, die, ihre Bekenner seelisch zu durchdringen, zu erfüllen, zu beherrschen, zu versittlichen, zu trösten, zu belehren, und dann die, auf die übrige Menschheit religiös sittlich zu wirken. Wie sollte nun das Judenthum dieses Lebenselementes, dieser Lebensbedingung entbehren! Daß es seine Bekenner im vollsten Maße mit einer klaren und bestimmten religiösen Ueberzeugung fort und fort erfüllte, das beweisen die mehr als drei Jahrtausende, die es bereits bestanden, sowie die Fülle der Ereignisse während dieses langen Zeitraumes. Daß es aber auch eine Mission nach Außen habe, ist nicht blos eine „Phantasie", „Schwärmerei" und „Selbstüberhebung" schon der Propheten, sondern beweist das Erstehen des Christenthums und des Islam, so wie die durch das Judenthum während des ganzen Mittelalters bis zur neuesten Zeit hochgehaltene Standarte des reinen Monotheismus und seiner Consequenzen für die grundlegende Ethik. Allerdings unterscheidet es sich hierin von den übrigen positiven Religionen, welche theils das Schwert, theils die Versendung von Missionären als Mittel zu ihrer Verbreitung verwandt haben und verwenden. Das Judenthum hat diese Mittel verschmäht, und vertraute vielmehr auf die Kraft der Wahrheit durch sich selbst; es sandte sein Schriftthum in alle Welt hinaus — Juden waren e§, welche die h. Schrift zuerst in die griechische, aramäische und arabische Sprache übertrugen — um dort auf dem Wege der menschheitlichen Entwickelung für die religiöse Erkenntniß und die Versittlichung, für die von ihm zuerst verkündete Nächstenliebe und Gerechtigkeit und den Völkerfrieden zu wirken. Dies war und dies ist die Mission des Judenthums, das sich wenig darum kümmert, ob kurzsichtige und vorurtheilsvolle sogen. Culturhistoriker sie ihr absprechen oder nicht. Ist es doch von jeher das Geschick des Judenthums gewesen, nicht blos mit allen möglichen materiellen und geistigen Waffen bekämpft zu werden, sondern auch durch seine Wirksamkeit für das gesammte Menschengeschlecht Neid und Mißgunst zu erfahren. Man will der kleinen Nation nicht zugestehen, daß sie eine Mission für die Menschheit habe und übe, obschon man selbst die Bedeutung derselben durch die ewigen Angriffe und Hetzereien anerkennt. Der Einwand, den H. A. R. erhebt, beschränkt sich auf den Satz: „Durch Absonderung vom großen Ganzen bildet sich Niemand zum Missionar." Auch hierdurch beweist der Culturhistoriker seine mangelhafte Geschichtskenntniß. Haben die Christen in den ersten Jahrhunderten sich nicht entschieden von den Heiden abgesondert und lenkten gerade dadurch die Aufmerksamkeit auf sich und ihr Bekenntniß und wirkten so als „Missionare" auf die heidnische Welt? Traten die Anhänger Mohameds, traten die Buddhisten nicht als „Abgesonderte" auf den großen Schauplatz des Kampfes und verbreiteten ihre Lehre, weil sie sich von den übrigen Menschenhaufen absonderten? Nicht durch das Aufgehen in die anderen Religionsbekenntnisse kann auf diese eine Missionswirksamkeit erreicht werden, sondern durch standhaftes Festbalten der eigenen religiösen Anschauung. Nicht minder seicht ist es, wenn H. A. R. behauptet: „der Monotheismus ist auch ohne jüdische Einwirkung längst die Richtung aller aufgeklärten und humanen Christen, wie er schon diejenige der griechischen und römischen Philosophen war." Er muß diese griechischen und römischen Philosophen sehr wenig kennen, um ihren Monotheismus mit dem jüdischen Monotheismus zu vergleichen. Er braucht nur z. B. den Gott des Aristoteles und der Stoiker in Betracht zu ziehen, um den Unterschied zu erkennen und zu begreifen, daß jener nur zum Skepticismus und Atheismus und zum gänzlichen Verfall der Sittlichkeit führen mußte, wie er es auch gethan. Was „die aufgeklärten und humanen Christen" betrifft, so erinnere sich der Kritiker seiner eigenen Jugend, um zu wissen, daß auf ihre Aufklärung und Humanität, d. h. auf ihren Monotheismus schon von der Kindheit an die h. Schrift Israels die größte Einwirkung gehabt. Ist übrigens die Zahl dieser „aufgeklärten Christen" innerhalb der gesammten Menschheit so groß, daß sie in's Gewicht fällt? und geht ihre Richtung nicht allzuoft über den Monotheismus weit hinaus, namentlich wenn sie den Bahnen der griechischen und römischen Philosophen folgen? Dies sind Alles nur oberflächliche Phrasen, die „culturhistorisch" bedeutungslos sind. Es ist eben der Grundirrthum dieser Herren, daß sie die Mission, wie das Judenthum sie ansieht und ausübt, mit der Art und Weise vewechseln, wie sie im Laufe der Geschichte von den anderen Religionen angesehen und ausgeübt ward. . . Was endlich die Sittlichkeit in Geldsachen betrifft, so möchten wohl die Juden in unserer Zeit keine Ausnahme mehr machen, wohl aber auf anderen Gebieten, wie der groben Verbrechen, der Trunksucht u. a. Wir hätten den Aeußerungen des „Culturhistorikers" «ine Beachtung nicht

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