Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 einen Schritt weiter und erklärt es für schwierig, die absichtslos geschehenen Verirrungen als solche zu erkennen und somit in den Kreis der Sühnebedürftigkeit einzutreten. „Verirrungen, wer sieht sie ein?" Das heißt, es wird dem Menschen schwer, zur Einsicht über sie zu kommen. Es ist dies ein feiner Psychologischer Zug. Denn dem Menschen wohnt instinktiv der Trieb ein, seine Handlung für recht anzusehen und sie selbst da, wo sie ihm als Unrecht erscheinen, zu entschuldigen, zu rechtfertigen, d. h. jedes böse Motiv, jede schlimme Absichtlichkeit abzuleugnen, und auf die Motive kommt es ja an, weil sonst Gott keine Verirrung vergeben, von keiner freisprechen könnte. Hier ist es eben, wo die Schwäche des Menschen darin hervvrtritt, daß es ihm schwer fällt, tiefer in sein Inneres einzudringen, die Beschaffenheit seiner Seele in sittlicher Beziehung sorgfältiger zu prüfen und im Grunde derselben Fehler und Leidenschaften zu erkennen, die er sich gern absprechen möchte. Erwähnen wir beispielsweise des Neides und der Mißgunst, die in jedes Menschen Seele auf dem Grunde lauern, sich bei anregender Gelegenheit unbewußt in die Höhe schleichen und Worte und Handlungen verursachen, ohne daß uns ihre Mitwirkung bewußt wird. Hiervon wird selbst der edelgesinnteste Mensch betroffen, um wie viel mehr wirken dergleichen Fehler in der Seele der gewöhnlichen Menschen, und trotzdem werden sie sich von ihnen frei glauben. Die Täuschungen über den eigenen Seelenzustand sind oft so auffällig, daß der Dritte sie kaum begreiflich findet. Man begegnet Menschen, welche bei Gelegenheit listige Uebervortheilung ihrer Mitmenschen sich gestatten und des erlangten Gewinnes sich freuen, dennoch aber mit allem Ernst und Selbstbewußtsein ihre Redlichkeit rühmen. Zu solcher Selbstverdunkelung tragen allerdings Anlagen, Erziehung, Beispiel und die Verwirrung der Verhältnisse viel bei, so daß wir Menschen nicht selten ein mißliebiges Urtheil zu fällen veranlaßt sind, wo das göttliche Auge die ursächlichen Momente, die in der Tiefe verborgen liegen, schaut und der göttliche Richter da Nachsicht übt, wo der menschliche verurtheilen und bestrafen muß. Wir sind eben hier wieder an der Grenze des „Verborgenen" angelangt, das Gottes allein ist, während wir Menschen uns mit dem „Offenbaren", dem uns wahrnehmbaren Thatsächlichen begnügen müssen. Aber wenn auf der einen Seite selbst dieses Thatsächliche uns nicht selten verwirrt und kaum auffindbar bleibt, so gehören die Tiefen der eigenen Seele zu dem, was uns zumeist verborgen bleibt, in welche wir nur schüchtern und meist ungern einen schärferen Blick werfen — und so kommt es, daß wir Verirrungen nur selten einsehen, und zwar meist nur, wenn Folgen und Umstände uns zwingen, einzusehen, daß wir mehr oder weniger geirrt haben. So vereinigt auch hier jener große Grundsatz die Einsicht und den Trost. Niemals wird er uns entschuldigen, wenn wir absichtlich Böses thun oder wenn wir mit Macht unsre Augen vor unseren Handlungen schließen, um ihren unsittlichen Werth nicht zu erkennen; dann aber schützt er uns auch vor allzu peinlicher Selbstquälerei und richtet uns mit der Zuversicht auf, daß der barmherzige Gott uns von dem freispricht, was uns schwachen Sterblichen verborgen bleibt. _ Ein Zwischenfall zwischen der alten und der neuen Weit. i. Wir meinen mit dieser Ueberschrift den schon viel besprochenen Zwiespalt zwischen der österreichisch-ungarischen Regierung und der der Vereinigten Staaten wegen Besetzung der vakanten Stelle eines Gesandten der Union am Wiener Hofe, ein Zwischenfall, der auch speziell für uns mehrfaches Interessante bietet. Bekanntlich haben im Laufe der Geschichte mehrmals, insonders orientalische Herrscher Gesandte jüdischer Religion an christliche Höfe abgeschickt; wir erinnern nur an ein solches Vorkommniß bei Karl dem Großen. Auch in neuester Zeit hat der Baron Ärtom den italienischen Gesandtschaftsposten in Kopenhagen bekleidet und zwar ohne irgend einen Anstand seitens des dänischen Hofes. Anders nun der österreichisch-ungarische. Er wies den vom nordamerikanischen Ministerium des Auswärtigen zum Gesandten erwählten Mr. Keilet) ab, weil die Frau desselben eine Jüdin sei, also schon um die Gattin des Gesandten. Später als der österreichische Minister sah, daß er mit diesem Argument bei der Unionsregierung nicht durchkäme und sich von ihr eine desfallsige derbe Lection hatte gefallen lassen müssen, wurde dieses Motiv dementirt und ein anderes hervorgeholt, zu dessen Mittheilung die „N. Fr. Pr." gebraucht wurde. In Folge dessen trat unvermuthet die Erscheinung hervor, daß gerade die deutsche Tagespresse den Grund wegen des Glaubens der Frau Gesandtin dementirte, während doch der größere Theil derselben damit sehr einverstanden gewesen wäre. Die wirklichen Verhandlungen zwischen Wien und Washington über diesen Gegenstand, und zwar nach den Regierungsakten selbst, haben deshalb ein eigenes Interesse für uns. Wir folgen hierin dem bewährten, seit 1840 in Baltimore erscheinenden Blatte „Der Deutsche Correspondent" vom 15. Dezember. Zum richtigen Verständniß müssen wir jedoch voranschicken, daß Mr. Keiley, von welchem der nordamerikanische Minister aussagt, daß er ein Charakter „über allen Tadel erhaben" sei, früher vom Präsidenten zum Gesandten am italienischen Hofe designirt gewesen, von diesem jedoch abgelehnt worden, weil er vor vierzehn Jahren in einer Katholikenversammlung, der er präsidirte, sich in harten Ausdrücken über die italienische Regierung ausgelassen, weil sie den Papst seiner weltlichen Herrschaft beraubt hatte, was die