Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1886)
- Date
- 1886-01-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -es Iu-enthunis. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßpkah 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Phil'ippson in! Bonn direct, in allen übrigen an die! Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr i 12 M.) sind gleichfalls an letztere! einzusenden. i 50. Jahrgang. Leipzig, den 12. Januar 1886. Nr. 3. ladsli. Leitende Artikel: S. Moses 29, 28. — Ein Zwischenfall zwischen der alten und der neuen Welt. — Zum 50. Jahrgang?. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a. M. — Oesterreich-Ungarn: Wien. Brünn, Neutra. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg, Warschau. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Berasahrien im Libanon und Antilibanon. üeil'c'nc'e GU l'i lief. Bonn, 6. Januar. 5. Moses 29, 28. 11. Wir sahen bis jetzt, daß jenes bedeutungsvolle Wort: „Das Verborgene ist des Ewigen, unseres Gottes, aber das Offenbare unser und unserer Kinder auf ewig", auf religiösem und metaphysischem Gebiete eine Grundwahrheit verkündet, welche die Grenzen der menschlichen Erkenntniß feslstellt und die, so oft sie auch von den Menschen überschritten wird, weil in ihnen das Streben über jene Schranken hinaus zum Begreifen der Wahrheit lebendig ist, immer wieder sich Geltung schafft und alle religiösen Mysterien und metaphysischen Hypothesen wieder verdrängt. Aber auch im Reiche der Sittlichkeit hat sie ihre Bedeutung, und so begegnen wir ihr in dem herrlichen Psalm 19 B. 13: „Verirrungen, wer sieht sie ein? Von den verborgenen sprich mich los! doch vom Frevelmuth halt deinen Knecht zurück, daß er nicht herrsche über mich!" Es wird hier der Unterschied zwischen den Thaten des Unrechts gemacht, der schon iin Gesetze seinen Ausdruck fand. Die Verletzungen des Gesetzes, die aus Versehen oder Jrrthum (nüüBo) begangen werden, und die, welche aus Frevelmuth und Bosheit (p~ra, “n* geschehen, werden scharf von einander unterschieden, also die absichtslose und die absichtliche That (njn ^3 Jos. 20, 3. 9.) In die elfteren tritt nun thatsächlich wieder der Unterschied ein, daß sie entweder dem Thäter nachträglich zum Bewußtsein kommen, oder ihm „verborgen" bleiben. Im ersteren Falle verpflichtet das Gesetz zu einem Schuldopfer, womit ei» Belenntuiß der Schuld gegeben ist (vergl. 3 Mos. 4, 2. 5, 18. 4 Mos. 15, 24, 35, 11. 15.) Bekanntlich wird jener Unterschied ganz besonders bei dem Todtschlage gemacht, wo zwar der absichtslose Thäter unbestraft bleibt, aber, da die Fahrlässigkeit immerhin eine Strafe verdient, die Jnternimng in eine der sechs Freistädte bis zum Tode des hohen Priesters erfolgte. Die absichtlich vollbrachten Sünden fielen also dem göttlichen und unter Umständen dem menschlichen Strafgerichte anheim, bei den durch Jrrthum und Versehen geschehenen kommt es darauf an, ob sie uns nachträglich bewußt werden oder ob sie uns verborgen bleiben. Im ersteren Falle müssen sie in angemessener Weise gesühnt werden: für zugefügten Schaden ein Ersatz, für Beleidigung Ehrenerklärung und Bitte um Verzeihung. Für die Verirrungen, die uns verborgen bleiben, müssen wir, nach dem Vorgang des Psalmisten, auf die Barmherzigkeit Gottes zählen, die uns für sie, die aus der Beschränktheit der menschlichen Seele flössen, frei spricht, uns Verzeihung und Straflosigkeit angedeihen läßt. Die heilige Schrift spricht es wiederholt aus, daß kein Mensch sündenlos bleibt. Aber sie weiß nichts von einer Erbsünde, für welche wir ohnehin schuldlos wären und nicht zur Rechenschaft gezogen werden könnten, da sie zu den „verborgenen" gehören und nicht von dem Individuum selbst ausgehen würde, und ebenso wenig von einer Buße für die verborgenen Fehler und Vergehen, von jener Ascetik, welche, selbst ohne bewußte Sünden, Seele und Leib um der verborgenen Sünden willen peinigt. Ja, der Psalmist geht noch