Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
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läßt im „Stöcker'schen Selbstverlag zu Berlin" wöchentlich eine Predigt drucken, gewöhnlich auf vier Oktavseiten und diese wird massenhaft verbreitet. Die Behörden sorgen z. B. dafür, daß sie unter den Strafgefangenen vertheilt wird, und überall versenden dieselben Agenten durch Dienstleute oder die Stadtpost. Auch Juden werden dieser Zusendungen gewürdigt, deren sie gern enthoben wären. Nun, solche Papierstückchen können doch auch ein Saatkörnlein enthalten, das auf einen fruchtbaren Boden fallen dürfte! Schade nur, daß der voranstehende Name Stöcker alle Empfänger, die nicht zu dessen Garde gehören, stutzig macht und nicht zu wohlwollender Aufnahme vorbereitet! Wiesbaden, im Dezember. (Privatmitth.) Die Königliche Regierung zu Wiesbaden hat neuerdings Anordnungen für die Beschneidung isr. Knaben getroffen, wonach u. A. nur solche Mohelim zugelassen werden dürfen, die die Genehmigung vom Landrathsamte erhalten haben. Dieses aber hat seine Genehmigung von einer Approbation seitens des Krcisphysikus und dem Gutachten über die Befähigung seitens des bctr. Bezirksrabbiners abhängig zu machen. Man muß der Regierung Dank wissen, daß sie diese Angelegenheit in die Hand genommen hat, zumal, da das Reglement noch manche andere zweckdienliche Bestimmungen enthält. Unter den vom Herrn Regierungs-Präsidenten v. Wurmb in Wiesbaden behufs Bildung eines Comitss zur Veranstaltung einer Feier aus Anlaß des Regierungs-Jubiläums Eingeladenen befand sich auch Herr Bezirksrabbiner Dr. Silberstein daselbst, eine Auszeichnung, die um so bemerkenswerther ist, da unter den Eingeladenen nur die Spitzen der Militär- und Civilbehörden und von Vertetern der Geistlichkeit nur der ev. Generalsuperintendent und der katholische Prälat sich befanden. Bremen, im Dezember. (Privatmitth.) Der Reichstagsabgeordnete Rickert hielt am 19. d. M. in unserer Stadt im großen Saale des Tivoli vor einer nach Tausenden zählenden Versammlung einen Vortrag über die Aufgaben des Reichstages. Herr Gymnasial-Direktor Prof. vr. Bulle führte den Vorsitz. Was die Leser Ihres weit verbreiteten Organs besonders interessiren dürfte, ist, daß Rickert bei der Schilderung der Mißstände, der unverkennbaren Reaction im Reiche sich dahin äußerte, daß das, was wir heute erleben, vor 15 Jahren, als ein süddeutscher Abgeordneter das Wort erschallen ließ: „Es ist Frühling geworden in Deutschland", ein Wort, das wiederklang von Süd zu Nord, eine Antisemitenhetze z. B., die unser verehrter Kronprinz als eine Schmach und Schande Deutschlands erklärte, für unmöglich gehalten worden wäre. In Bezug auf die Ausweisungen sagte der Herr Abgeordnete: „Das ist es, wogegen wir uns wehren, daß man im 19. Jahrhundert friedliche Bürger, die keinen Gewaltplan gegen uns Vorhaben, nicht in Friede ihre Arbeit thun läßt. Ich bin überzeugt, daß die große Majorität der Wähler Deutschlands mit uns einverstanden ist, wenn wir uns dagegen erklären." Lebhaftes Bravo und Händeklatschen folgte diesen Aeußerungen. Bei der Bemerkung, daß es jetzt leider soweit gekommen ist, daß auf dem Gebiet der Gewissensfreiheit ein Mann wie Stöcker das Wort führt, hörte man außer „Pfui!" noch sonstige Zeichen des Unwillens. Wir meinen, daß es nichts schaden, kann, wenn wir Juden immer wieder erfahren, wie man im gesunden Bürgerthum über Rassenhaß, Ausweisung und Stöcker denkt und urtheilt. Oesterreich-Ungarn. Wim, 15. Dezember. Die akademische Ortsgruppe des Deutschen Schulvereins an der Wiener Universität hat im letzten Sommer den Beschluß gefaßt, daß jüdische Studenten nicht Mitglieder dieser Ortsgruppe werden können. Der Zentral - Ausschuß des Deutschen Schulvereins hat diesen Beschluß nicht ratifizirt, sondern die akademische Ortsgruppe aufgefordert, denselben rückgängig zu machen. In Folge dessen hat der Ausschuß der akademischen Ortsgruppe eine Plenarversammlung einberufen, in welcher über die Aufforderung des Zentral-Ausschusses berathen werden soll. Das Komitö der akademischen Ortsgruppe hat beschlossen, an dem vorjährigen Beschlüsse festzuhalten und der Plenarversammlung zu empfehlen, der Aufforderung des Zentral-Ausschusses nicht nachzukommen. Auch soll in der morgen stattfindenden Plenarversammlung ein Mißtrauensvotum für Dr. Weitlof beantragt werden. Viel Ehre für die deutschen Studenten der Wiener Universität! Und dei solchem Geiste soll man sich wundern über den Kampf der Czechen gegen Deutsche! Pest, 17. Dezember. (Privatmitth.) In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses kam mit anderen Petitionen auch die durch das jüngst erlassene Matrikel-Statut gegenstandslos gewordene Petition des Nevgrater Comitats, betr. der Regelung der Matrikelführung der Israeliten, zur Sprache. Geza Onody bemerkte bei dieser Gelegenheit, daß er mit dem israelitischen Matrikelstatut nicht zufrieden sei, weil dasselbe von dem Matrikelführer eine zu geringe Qualification verlangt. Das neue Statut und die Eintheilung des ganzen Landes in eigene Matrikenbezirke hat in den verschiedenen Gemeinden eine gewaltige Erregung hervorgerufen, besonders in solchen Städten und Bezirken, wo neben einer Congreßgemeinde auch eine orthodoxe oder Statusquo-Gemeinde besteht. Das Statut wurde für manchen Rabbiner eine Existenzfrage. Zu einer hochgradigen Erregung kam es in Preßburg, wo der Magister den Antrag stellte, mit der Führung der Matrikel für die Congreß- und die orthodoxe Gemeinde