Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 25 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227612--43213-3263560- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
25 ihnen ob der Schicksalsschlägc, die sie dem Volke zu künden genöthigt sind und die es treffen; sie hören nicht auf zu mahnen, zu drohen und zu strafen: immer aber dringt zuletzt doch ihr Liebesblick durch und gleichwie der Sonnenstrahl die Thränen der weinenden Natur hinwegküßt, erleuchtet er das Herz des schwergeprüften Volkes, dem ihre Liebe gehört. Aus demselben Quell, aus dem jeder Tropfen heiliger Begeisterung verrauscht und versiegt ist, entstammt auch das laue, gleichgiltige, ewig kalte Wesen des schläfrigen, nicht selten aber klugen Kehrers. Unterrichten ist eine Arbeit, die Kraft und Energie verlangt — das handwerksmäßige Wesen des Lehrers geräth nie in Eifer, ist nachsichtig mit allen Schwächen, hat immer — zumeist ist dieses leider infolge der eigenthümlichen Verhältnisse in unserem Gemeindeleben in jüdischen Schulen der Fall — das Wohlwollen der Eltern im Auge, die durch Lauheit und Gleichgiltigkeit am leichtesten erkauft und gewonnen werden. Lehrer und Schüler haben es dann allerdings leicht, auch sind sie eines Sinnes, sie leisten — Nichts; anstatt daß aber der Jugendbildner in diesem Falle den erwarteten Lohn für seine Nachgiebigkeit und ermeinte Freundlichkeit erhalten sollte, trifft ihn bald der Hohn und Spott des schärfer blickenden Kindes. Wir sind am Schluffe. Künstler und Jugendbildner haben in mannigfacher Beziehung Aehnlichkeit mit einander: beide haben einen Beruf, den hohen, die Wahrheit zu fördern; beide haben gleiche Mittel, mit denen sie wirken können: Natur und Herz; beide haben gleiche Ideale: Natur und Wahrheit; beide haben das gleiche Ziel: die Versittlichung der Menschheit! Wohl denen, die mit ganzem Herzen sich diesem Ziele geweiht und für es gewirkt haben — sie glänzen gleich den Sternen des Himmels ewiglich (vgl. Jalk. Dan. Ende). Deutschland. Berlin, 22. Dez. Am 3. Januar wird in der Neuen und Alten Synagoge ein Festgottesdienst zum 25jährigen Regierungsjubiläum des Kaisers abgehalten werden; am 4. Januar findet eine Gedächtnißfeier für Mendelssohn statt, bei welcher Compositionen von Felix Mendelssohn ausgeführt und Festreden von Dr. Frankl und Dr. Maybaum gehalten werden. In gleicher Weise auch in der Alten Synagoge, in welcher Mendelssohn häufig dem Gottesdienste beiwohnte und wird hier Dr. Ungerleider die Festrede halten. — In Betreff der Feier des hundertjährigen Todestages von Moses Mendelssohn hat der Bürgermeister der Stadt Dessau dem Vorstande und den Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde nunmehr die offizielle Mittheilung zugehen lassen, daß die Stadt Dessau beschlossen habe, zu Ehren Mendelssohn's demselben auf öffentlichem Platze in Dessau ein Denkmal zu errichten, wofür ein Betrag von vierzigtausend Mark nothwendig sei, der durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden solle. Das Denkmal selbst soll auf hoher Granitsäule die Büste Moses Mendelssohn's tragen. In der Sitzung der Repräsentanten der hiesigen jüdischen Gemeinde beschlossen dieselben, dem Denkmal-Comits seitens der hiesigen Gemeinde einen Beitrag von dreitausend Mark zu überweisen. — Die jetzt vorgenommene Niederreißung der berüchtigten Straße „An der Königsmauer" errinnert an einen Gewaltakt, der in noch nicht gar zu ferner Zeit an den Juden Berlins verübt ward. Es standen früher an der Stelle dieser Straße Baracken für die hier garnisonirenden Soldaten. Als 1737 die Baracken für die bedeutend verstärkte Garnison nicht mehr ausreichten und man nicht wußte, wo dieselbe unterzubringen sei, löste Friedrich Wilhelm I. diese Schwierigkeit in ebenso einfacher wie gewaltthätiger Weise. Er verfügte in seiner despotischen Art, daß „sogleich, ohne zu raisonniren, alle Juden, welche sich in Berlin aufhielten und kein eigenes Haus hätten, sondern zu Miethe wohnten, in die Baracken ziehen, die Soldaten dagegen die Quartiere einnehmen sollten, welche die Juden bisher innegehabt hätten." Obwohl die Juden hiergegen in einer eindringlichen Eingabe remonstrirten, so mußten sie sich doch dem wiederholten Bescheide des Herrschers: „Es bleibt bei der Ordre", fügen und ihre Wohnungen gegen die ungesunden und für ihren Handelsbetrieb völlig ungeeigneten Baracken vertauschen. Erst Friedrich der Große widerrief die Anordnung seines Vorgängers, indem er unmittelbar nach seiner Thronbesteigung in einer seiner letzten Cabinetsordres den Juden erlaubte, ihre alten Wohnungen wieder zu beziehen. Stuttgart, im Dezember. (Privatmitth.) Auch in der hiesigen Stadt giebt es eine conservative Partei. Freilich harmonirt dieselbe mit den Berliner Conservativen in politischer Beziehung nur ganz im Allgemeinen. Denn unsre hiesigen Conservativen sind nicht reichsgouvernemental gesinnt, sondern neigen stark dem Particularismus zu. Worin sie aber mit jenen übereinstimmen, das ist ihre Buchstabenorthodoxie und darum halten sie viel auf Stöcker. Sie haben sogar vor, diesen zu einem Vortrage einzuladen. Wie weit übrigens die Stöcker'sche Agitation geht, erhellt aus Folgendem: Stöcker 2