Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
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24 glaubten sie (lj'D.v'i) an Gott und an Moses seinen Diener" (Ex. 14, 31). Sittliches Bewußtsein im Herzen des Jugendbildners ist eine Macht, die schon durch ihre unnahbare Erhabenheit einem Zauber gleich von vornherein Erfolg sichert; darum „ehe du andere zu bessern suchst, mache dich von deinen eigenen Fehlern rein" (B. batr. 00 6); denn leistet ihr nicht das pdnp, dann wird euch auch nicht das zu Theil werden, „glaubt ihr nicht, so besteht ihr nicht (Jes. 7, 9). — * * Das Gedeihen der künstlerischen Thätigkeit hängt von der Liebe zur Kunst ab, von der Begeisterung für die Ideale, die der Menschheit als leuchtende Gestirne oben, wohin heilige Sehnsucht sie zieht, entgegenfunkeln. Wo diese Liebe und Begeisterung fehlen, da wird selbst das von Natur aus schärfste Auge matt, das Gefühl für das Schöne und Erhabene stumpft ab— der geborene Künstler geht an den ergreifendsten Motiven kalt vorrüber, er hat Augen und sieht nicht, er hat Ohren und hört nicht — seine Kunst wird eine handwerksmäßige, wenn in diesem Falle von Kunst überhaupt noch gesprochen werden kann, er wird schablonenmäßig arbeiten, manierirte Kunst betreiben, nach Effect Haschen und an seiner eingebildeten Kunst schließlich zerschellen. Ohne Liebe und Begeisterung für die höchsten Ideale der Menschheit ist keine künstlerische, überhaupt keine wahre geistige Thätigkeit, daher auch keine wahrhaft gedeihliche Erziehung denkbar. Ohne Liebe zur Kinderwelt, ohne Bewußt- und Erfülltsein von dem hohen Berufe, der dem Jugendbildner geworden, wird er selbst zur eigenen Zufriedenheit nie wirken. Auch er verfällt dann ins Handwerksmäßige, das für ihn heißt: zopfmäßige Monotonie, einförmiges Eindrillen des vorgeschriebenen Pensums, Ueberdruß an der Schule, namentlich Außerachtlassen jedweder Vorbereitung für den Unterricht. Das ihm anvertraute Kind wird ihm, gleich wie dem Hotelier der Gast, eine Stummer, wie die Waare auf der Eisenbahn, ein Collo, das fortspedirt werden muß. Wie der Künstler, der die menschliche Gestalt nachbilden will, diese niemals durch das bloße Beschauen ihrer Oberfläche begreifen wird, sondern ihr Innerstes entblößen, die Theile sondern, die Verbindung dasselbe bemerken, die Verschiedenheit kennen, das Verborgene, in der Tiefe ruhende sich einprägen muß, wenn er dieselben schauen und nachahmen will, was sich als ungetheiltes Ganzes in lebendigen Wellen vor unseren Blicken bewegt; also gilt es auch, sich in das Kinderleben versenken, in das Innere des allmählig sich entwickelten Wesens dringen, dort den Vorgängen lauschen, ihnen folgen, sie stärker wecken oder eindämmen, fördern?der hemmen, je nachdem es die Individualität des Kindes fordert. Das aber vermag nur das Herz des Jugendbildners. Das Herz erkennt nur das Herz. Der Mund spricht zu den Ohren, das Herz aber zum Herzen — „peetus est, quod disertos facit et vis mentis“ oder nach dem Ausspruche unserer Weisen: „Worte, die vom Herzen kommen, dringen zum Herzen" gilt als alter Grundsatz von dem Prediger und nicht minder von dem Jugendbildner; er wird nur dann heilsam auf Geist und Gemüth seiner Zöglinge zu wirken vermögen, wenn er mit aller Liebe sich in ihr Inneres versenkt. Durch solches Interesse fühlen sie sich gefördert und unterstützt, hierdurch entsteht in ihrer weichen, für alle Eindrücke empfänglichen Brust eine Anhänglichkeit, die selbst manches Versagen und manche ihnen hart erscheinende Zumuthung erträgt. Die menschliche Seele ist nämlich von frühester Zeit an ahnungsreich und erfaßt es allsogleich, zunächst instinctiv, später aus Erfahrung, was vorübergehende Aufwallung, was feststehende Richtung ist. Hat aber der Jngendbildner die Liebe zum Berufe, für die Kinder, die ihm als der Menschheit höchstes Gut anvertraut sind, verloren, dann hat er den Schlüssel von sich gegeben, mit dem er sich die Herzen erschlossen, dann hat er die Zügel von sich geworfen, mit dem er die jungen Gemüther sicheren Schrittes geführt, geschützt vor der Verderbens-Tiefe und starrendem Abgrund. Geduld und Hingebung, unermüdliches Wesen, mittheilsamc Natur sind unerläßliche Bedingungen, die dem Jugendbildner nicht abgehen dürfen. „Der Zornige kann kein Lehrer sein" (Ab. 2, 6), sprechen die Weisen, und als Muster besonderer Geduld stellen sie gerne den Lehrer hin, der 401 mal ein und dasselbe wiederholte, ohne zu ermüden oder ungehalten zu werden (Erub. 54 b). In erster Reihe aber hüte sich der Lehrer, die wechselvollen Sorgen des Lebens in die Schulstube hineinzutragen, für alle Unbill, die ihm draußen wird, die Kinder büßen zu lassen, launenhafte Willkür und Härte statt Liebe und Hingebung zu bekunden. Wer nicht Liebe in die Schule mitbringt, dem werden die Kinder auch keine Liebe entgegenbringen. Mit Angst werden sie seinem Kommen entgegensetzen und mit Bangen der Stimmung harren, die gleich dumpfem Donnergrollen über ihrem Haupte sich entladet. Gewitterschwüle herrscht dann in der Schulstube, die Kinder sind gebannt, der Lehrer ist kraftlos — freudlos und unmuthig schleichen die Stunden träge dahin. Rabba pflegte, so erzählt uns der Talmud, vor Beginn des Unterrichtes seinen Schülern stets etwas Erheiterndes mitzutheilen (Sabb. 30 b), freundlich und mild sei das Wort des Lehrers, es verhallt nicht vergebens (vgl. Koh. R. zu Koh. 9, 17) — ein Vater ist der Jugcndbildner und Kinder seien ihm seine Schüler (Sifri Waäthchanan 34 u. ö), ein Vater sei er ihnen im Gewähren, aber ein Vater bleibe er ihnen auch im Verwehren. Das ists, was die Propheten, die größten Lehrer aller Zeiten, so groß vor unseren Augen erscheinen läßt: Das Herz blutet