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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-05 · Heft 2 (5.1.1886) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 2 (5.1.1886)
Date
1886-01-05
Page
Seite 23 (sequence 7)
Language
German
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23 Guten, der Tugend, zu veranschaulichen sucht; sei es, daß er durch Bildung des aesthetischen Geschmackes veredelnd, dadurch die Uebung der Tugend fördernd zu wirken bestrebt ist, oder daß er durch die Darstellung des Lasters in seiner Versunkenheit, durch welche Erhebung und Läuterung um so begehrenswerther erscheinen und so auf die Pflege des Niedrigen abschreckend wirken will, der Künstler, dem solches nicht als letztes Ziel vorschwebt, hat aufgehört ein pw zu sein, da ihm das ethische Ideal (njiDN, ncfft) abhanden gekommen ist. Wo Kunst und Sittlichkeit Gegensätze geworden; wo die Kunst eine Ausnahmsstellung in der allgemein gültigen Auffassung sittlicher Begriffe für sich verlangt: da ist ihr Heiligthum zur Werkstätte der Sinnlichkeit geworden, da ist ihr Priesterthum dahin, sie ist eine Satansmacht, die sich allem Guten hemmend in den Weg stellt. Und so und nicht anders verhält es sich mit dem Berufe des Jugendbildners! Man wollte zwar in mancher Schule unserer Zeit die sittliche Erziehung mit der intellectuellen vollständig indentificiren, ja sogar, wie dieses von den Nachbetern Schopenhauer's geschah, an allen Resultaten einer ethischen Erziehung, an der Bildung des Charakters durch die Schule zweifeln; dennoch aber bildet dieses Ziel einen wesentlichen, wenn nicht den werthvollsten Theil der Pädagogik. „Soll sich die Erziehung den würdigsten Zweck vorsetzen, so gibt es keinen würdigeren, als alle Kräfte der Menschen so entwickeln zu helfen, daß sie für den Dienst der Tugend am brauchbarsten oder einer sittlich guten Anwendung am fähigsten werden" (Niemeyer). Der Künstler tritt mit seinem Kunstwerke für die sittliche Idee ein, der Jugendbildner durch das Beispiel, durch das erzählte, mehr aber noch durch das sichtbare, das sein Leben bietet. „Homines amplius oculis, quam auribus credunt“ sagt sehr wahr ein alter lateinischer Schriftsteller und in demselben Geiste sprechen unsere Weisen: „Nicht das Forschen ist die Hauptsache, sondern die That" (Ab. 1,17) — das lebendige Beispiel, die eigene Sittenreinheit, die unerschütterliche Charaktertüchtigkeit, der tadellose Lebenswandel des Jugendbildners, sie sind es, die seinen Worten Kraft und Nachdruck, seinem Wirken Dauerhaftigkeit und Erfolg sichern. Kann er mit ruhigem Herzen vor die ihm anvertrauten Kinder treten, ihnen die Heldengestalten unserer heiligen Geschichte, sowie die der allgemeinen und vaterländischen vorführen und ihnen zurufen: Seht an und prägt euch tief in's Herz die Bilder reiner Tugend, unbeugsamer Frömmigkeit, unbestechlicher Gerechtigkeit, des heiligen Wandels mit Gott, der Liebe zur Wahrheit! kann er ihnen dies selbst zurufen, ohne selbst zu erröthen, ohne daß seine Stimme bebt, weil sein eigenes Leben das gesprochene Wort Lügen straft; sind Lehre und Leben Eins, ein Ganzes in schöner Harmonie: dann kann er mit Zuversicht hoffen, das ausgestreute Körnlein der Wahrheit und Tugend werde zu wogenden Halmen reifen. „Bor allen Dingen lasse der Erzieher selbst die tiefste Ehrfurcht vor Gott blicken und die Kinder, so oft Gott genannt oder von ihm geredet wird, merken, daß von dem Heiligsten die Rede ist. Newton, der sein Haupt entblößte, wenn der größte Name genannt wurde, wäre ohne Worte ein Religionslehrer für Kinder gewesen" (Niemeyer). Von demselben Geist erfüllt, stellen auch unsere Weisen die pädagogische Regel auf: „Lehrst du dein Kind Thora, dann lehre mit Ehrfurcht" (Tauch, ed. Buber Jithro 17); darum hatte man auch nach ihrem trefflichen Worte nur den Reinen die Erziehung der reinen Kinder zum Reinen übergeben (Lev. r. Ans.) und darüber stellten sie den Verkehr mit den Weisen höher, als den Unterricht aus ihrem Munde — das lebendige Beispiel wirkt eben anregender und mächtiger als das bloße Wort. Was hat die Propheten in Israel zu solchen gemacht? Nicht die Wunder im Zeitalter des Rotzhthums, nicht der zündenden Rede Schlacht des jüngeren Prophetismus — das reine Denken, der sittliche Wandel, die Lehre von der Heiligkeit Gottes, der der Mensch zustreben muß, die sie selbst in erster Reihe anstrebten, die ungetheilte Einheit, die ihr Denken und Wirken bekundete, sie waren es, die dem Prophetismus Macht und Einfluß verschafften. Selbst David, der Held, bebt vor der Offenherzigkeit eines Nathan, die rücksichtslose Isabel zittert vor Elia, der nicht einen Flecken Erde sein nannte; neben einem Jesaia verschwinden selbst die Hohenpriester in ihrem goldstrotzenden Ornate, die geweihten Diener des Heiligthums, in eitel Nichts. Auch Bileam war ein Prophet und der Rede gewaltiger Meister, dennoch aber wird er in der heiligen Schrift als Zauberer stigmatisirt (Jos. 13, 22). Wort und That deckten sich nicht in seinem Wesen: dadurch wurde er ein Bild jener falschen Propheten, die in niedriger Liebedienerei der Sittenlosigkeit der Großen schmeichelten und die Versunkenheit des Volkes förderten (vgl. Lev. 7, 1), während hingegen ein Jesaia, ein Jeremia ohne Furcht und Zagen ins Gewissen des Volkes donnerten, in die prächtigen Säulengänge der Paläste, daß sie erbebten, hineinriefen, daß nur Sittlichkeit und Gerechtigkeit ein Volk zu erhöhen und zu erhalten vermögen. Nur weil Abraham sich selbst für die Wahrheit einsetzte, sein ganzes Wesen von ihr erfüllen ließ (ra pvtt.i nicht: er glaubte Gott, Jemandem glauben wird durch ‘b pexn, vergl. Ex. 4, 1 u. ö. bezeichnet), ward er zum Stammvater aller Gläubigen erkoren; weil er selbst ein lebendiges Beispiel vom Leben in Gott war, erschien es auch Gott gewiß, „daß er gebieten werde seinen Kindern und seinem Hause nach ihm, zu wahren den Weg Adonais" (Gen. 18. 19). Das höchste Lob, welches das Gotteswort Moses gibt, lautet: „In meinem ganzen Hause ist er als wahr anerkannt (pxj, Nr. 12, 7) und nur weil alle von seiner Treue und Wahrheit durchdrungen waren,

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