Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 22 (sequence 6)
- Language
- German
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22 Dante, Byron, Shakespeare, Lessing, Goethe, Heine und Rückert haben seine Schönheit nachempfunden, und was alle Humanität und Aufklärung unseres Jahrhunderts nicht vermochte, hat das Buch Hiob zu Stande gebracht. Wie wunderbar muß dieses Buch sein — das Herz eines Judenfeindes hat es bezwungen — Schopenhauer stellt es mit der Naturpoesie Goethe's in eine Reihe. Die Natur ist die beste und klarste Lehrmeisterin unserer Kinder; sie ist eine Bibel, aus der namentlich das kindliche Gemüth in seiner Lauterkeit Andacht, Erhebung, heilige Gefühle schöpft, und darum bleibt es beklagenswerth, daß das moderne Schulleben die gemeinsamen Spaziergänge der Lehrer und Schüler wenig oder gar nicht beachtet. Solche Ausflüge vermöchten mehr für die Förderung sittlich-religiöser Gefühle zu thun, als viele Religionsstunden und Religionsübungen nicht selten bewirken. Im Angesichte der strahlenden Natur thut sich leichter auf das Herz, und das Auge wird geschärft und Herz und Auge heben sich himmelan und im Innern jubelt es dann lebendig: Es ist ein Gott! Und wie die Natur Stoff für die Erziehung bietet, so lehrt sie uns auch Erziehungsmethode. Die Natur wird nie langweilig, in der ärmsten Gegend ist noch Abwechslung vorhanden. Wohl klingen draußen nicht ewig junge Lieder, aber es grollt auch nicht ewiger Donner; herzgewinnend ist die Natur in ihrem Lenzeshauche, strahlend in ihrer sommerlichen Schönheit, liebenswürdig in ihrem herbstlichen Reichthum und ehrwürdig in des Winters weißen Locken. Und also soll auch der Jugendbildner sein und wirken! Mancher Unterricht hört sich an, wie ein gekünstelt Lied mit ewigem Pathos, mancher wieder wird eintönig wie das Gurgeln des Baches, mancher wieder wie leibhaftiger Schlachtenruf; schön und wirksam aber ist der Unterricht nur dann, wenn er die Natur nachahmt, voll Abwechslung ist, mild wie der Lenz, fröhlich wie der Sommer, reich wie der Herbst und stets ehrwürdig wie der Winter. Erziehung ist Kunst, sie darf aber nicht in Künstelei ausarten: je natürlicher das Wort des Erziehers, desto klarer, desto leichter ist es verständlich; darum sei sein Wort wohl geordnet in deinem Munde (vgl. Sifri, Waetchanan 34), nie über den Gesichtskreis des Kindes sich erhebend: die Lerche schwingt sich zur Höhe und schmettert herrlich ihr Lied, allein sie wird nicht verstanden, weil sie sich zu weit von der Erde erhebt — einfach und wahr, das ist der erste und wichtigste Grundsatz im Werke der Erziehung. Der Begriff „Künstler" ivird nicht durch dieses Wort, das von „können" gebildet ist, nicht durch „artifex“ (vgl. ars die Kunst, das mit dem griechischen „aro", zusammenfügen, areseo, etwas gut machen, zusammenhängt) erschöpft; Künstler ist der;din, der in der! Natur die Wahrheit (-;i7:k) sieht und ihr zustrebt. Undi ebenso wird der Begriff „Lehre" nicht durch inagister, der! durch Kraft, physische und psychische, hervorragt, nicht durch äootor, der durch Wissen glänzt, nicht durch paedagogus^ Führer der Kinder, vollständig gedeckt, ein wahrer Jugendbildner ist derderjenige, der der Natur folgt und die Wahrheit, die sie verkörpert, zum Ziele und Zwecks alles Unterrichtes und aller Erziehung macht. * Die Radix p.x bedeutet aber, wie bereits erwähnt wurde, nicht blos: etwas für wahr halten oder hinstellen, sondern sich selbst für die Wahrheit hingeben, alles Thun und Lassen von der Wahrheit durchdringen lassen. So wirkt auch die Natur auf den wahren Künstler! Der wahre Künstler genießt nicht blos die Natur, wird nicht blos selbst von ihrer Schönheit erbaut und erfaßt, sondern sucht die empfangenen Eindrücke mitzutheilen, durch ihre Gestaltung auf die Gesammtheit veredelnd einzuwirken, durch seine Fertigkeit für die Verbreitung der sittlichen Idee, für die Erweiterung ihres Machtgebietes einzutreten. — Künstler heißt derjenige, der Träger (vgl. oidn, Pfeiler) wird der sittlichen Idee (hj dn). „Jede künstlerisch und wissenschaftlich bildende und gebildete Bethätigung des inneren Lebens ist ein Aufsteigen zum höheren und edleren menschlichen Wesen, Sittlichkeit aber ist das menschliche Wesen selbst: sie ist in der That und in der Geschichte der Keim, aus dem der Lebensbaum des allgemeinem Menschenthums emporwächst, sie soll auch wiederum die Frucht an dem jedes Einzelnen sein, zu welchem sich jedes andere Können und Wissen wie Blatt und Blüthe verhält" *). Die bei den Griechen, den eigentlichen Pflegern der Kunst, unvermittelte Verbindung des Schönen mit dem Guten, der „Kalo-Kagathia", gibt den nachdrücklichsten Beweis, daß selbst ihnen, denen es thatsüchlich zumeist um die Darstellung des Schönen zu thun war, diese nur in Verbindung mit dem Guten als Ideal vorschwebte. Je mehr Sittlichkeit in der Kunst, desto kerniger, gesunder und kräftiger ist das Leben, desto kräftiger aber ist auch die Kunst. Kunst ohne ethisches Bewußtsein ist eine künstliche Blume, der der Duft fehlt. Könnten wir uns ein Volk, lediglich aus Künstlern bestehend, denken, aus Künstlern, denen Sittlichkeit etwas Nebensächliches geworden, ein solches Volk könnte unmöglich seinen Beruf in der Geschichte erfüllen. Das Zeitalter des Perikles, in dem Athen den Gipfelpunkt seines künstlerischen Glanzes erklommen hatte, bildete zugleich den Wendepunkt seiner Macht und seines Bestandes, war zugleich die schiefe Ebene geworden, auf der es in den Abgrund stürzte. — Die Kunst war eben zur Pflegerin verfeinerter oder roher Sittlichkeit geworden. Der Künstler, dessen letztes Ziel nicht die Versittlichung der Gesammtheit ist, sei es daß! er durch Darstellung des Schönen die Liebenswürdigkeit des . : ') Lazarus, das Leben der Seele I, 101.