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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-05 · Heft 2 (5.1.1886) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 2 (5.1.1886)
Date
1886-01-05
Page
Seite 21 (sequence 5)
Language
German
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21 innigen ähnlich ist, hervorbringen solle."') Der wahre Künstler genießt in allem die Natur, in ihr findet er Anregung zum Schaffen und Bilden, sie bietet ihm den Grundriß, nach dem er seine Gestaltungen ausführt. Nach der Natur meißelt der Bildhauer, ihr entnimmt der Maler seine herrlichsten Entwürfe, und die Poesie, die sie erfüllt, begeistert den Dichter zum unsterblichen Liede — in ihr finden sie Alle Maßstab und Richtschnur für ihr Können und Wollen. Kunst und Natur dürfen nie Gegensätze werden; wo sie als solche aufgefaßt werden, da ist die Kunst entwerthet, da ihr der Maßstab der Wahrheit abhanden gekommen. Und dasselbe gilt in allgemein anerkannter Weise von dem Berufe des Jugendbildners. „Durch die Natur für Wahrheit!" sollte das Motto sein für jede Stube, in der das Werk der Erziehung geübt wird- „Das Göttliche in dem Menschen, sein Wesen, soll und muß durch Erziehung in demselben entwickelt, dargestellt, zum Bewußtsein, und er, der Mensch, wie zum freien bewußten Nachlebeu nach diesem, so zur freien Darstellung dieses in ihm wirkenden Göttlichen erhoben werden. Das Göttliche, Geistige, Ewige, welches in der den Menschen umgebenden Natur ist, das Wesen der Natur ausmacht und sich bleibend in ihr ausspricht, soll und muß die Erziehung, der Unterricht zur Anschauung und zur Erkenntniß bringen, so wie sie in lebendiger Wechselwirkung und geeint mit der Lehre des Gleichgesetzigen zwischen und unter beiden, sowie zwischen der Natur und dem Menschen aussprechen und darstellen soll und muß."-„Die Erziehung soll und muß den Menschen zur Klarheit über sich und in sich, zum Frieden mit der Natur und zur Einigung mit Gott leiten und führen; darum soll sie den Menschen zur Erkenntniß seiner selbst und des Menschen, zur Erkenntniß Gottes und der Natur und zu dem dadurch bedingten reinen und heiligen Leben erheben."2) Das Ideal des Künstlers ist die Natur, die höchste Wahrheit, der er zustrebt, die er aber nie erreicht. Die Natur sei aber auch das Ideal des Jugendbildners, dem er rastlos zustrebe, obgleich er es nie erreicht; sie bleibt für ihn der ewige Quell, aus dem er lebendiges Wasser für das Gedeihen seiner Schößlinge zu schöpfen vermag. Alles in der weiten Welt ist reicher Stoff für die Förderung in dem Werke der Erziehung. Wie der wahre Künstler allenthalben Motive für sein Schaffen findet; wie der wahre Dichter allenthalben Stimmen vernimmt, die ihn zu singen begeistern; wie der echte Prediger allenthalben Texte und Entwürfe für seine Predigten findet: also bietet Alles dem wahren Pädagogen Anregung für das Erziehnngswerk. Die,Natur ist ein aufgerolltes Buch, klar und verständlich für alle Welt, 1) Äocthe's Werke, ed. Leipzig. Bibliogr. Jnstit. Bd. XII, S. 10. 2) Fröbel, die Menschenerziehung, ed. Lange, S. 3. ein Buch, das keines Commentares bedarf, das jeder, der Augen und Ohren und ein empfängliches Herz hat, versteht. Die geoffenbarte Schrift setzt die Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesammtheit voraus. Ohne Israel als Volksindividualität gäbe es keine Bibel, die das Buch der Menschheit geworden. Die Bibel der Natur aber liegt vor aller Welt offen und jedes Individuum, könnten wir es selbst losgelöst von der Gesammtheit, unabhängig von ihr denken, vermag in ihr zu lesen. Darum beginnt auch der 19. Ps. mit der Natur, als mit dem direeteren Offenbarungsqnell: „die Himmel erzählen die Ehre Gottes und seiner Hände Werk verkündet das Firmament" — ein Blick zum Himmel lehrt Gott als den Schöpfer, Regierer und Erhalter der Welt erkennen und erst sodann folgt das Lob der Thora, „die vollkommen ist und die Seele erquickt" (Ps. 11), 8), die da lehrt, wie und wodurch der Mensch diesem erkannten und bekannten Schöpfer, Regierer und Erhalter der Welt seine Huldigung bringen soll. Die Menschen haben früher zum Himmel geblickt, ehe sie in einem Buche lasen, und haben sie nicht immer und nicht gleich in jenem das erkannt, was „das Buch" lehrt, so war es nicht die Schuld der Natur, sondern die der Verkehrtheit der Menschengeschlechter. Die Natur war die Lehrmeisterin der ersten Bekenner und Kämpfer der Gottesidee: Abraham hat am glänzenden Sternenhimmel den Finger Gottes erkannt. Jakob hat in banger Nacht jenes Gesicht geschaut, das bedeutungsreich für sein und seiner Kinder Leben geworden ist; Moses hat im Angesicht der staunenden Natur im Dornbüsche den lebendigen Gott vernommen und am Horeb hat Elia die sünftigende Stimme gehört, die aus dem alten Prophetismus, der Wunder gethan, ein neues Prophetenthum voll hehren Geistes geschaffen. Die Propheten waren Künstler und Erzieher zugleich. Packender konnte die Undankbarkeit des Volkes gegen Gott nicht dargestellt werden, als dieses mit den Worten geschah: „Der Ochs kennt seinen Eigner, der Esel die Krippe seines Herrn, Israel aber kennt mich nicht, mein Volk achtet nicht auf mich" (Jes. 1, 2.) und des Volkes ungebührliches Wesen konnte nicht klarer und nachdrucksvoller wiedergegeben werden, als mit jener schlichten Parabel von dem Weinberge, der mit aller Sorgfalt angebaut und gepflegt wurde, aber statt der guten Trauben Heerlinge brachte. (Fes. 5, 1 f.) Kein Schriftthum der Weltliteratur athmet so frischen, luftigen Naturhauch, wie das biblische; Alles erscheint hier belebt, um zu lehren; das Nisten der Schwalbe», das Girren der Turteltaube, das Singen der Vögel, das Grasen der Hirschkuh, das Brüllen der Wüstenthiere, alles macht Eindruck auf das innere Leben und Weben der Menschen (vgl. Ps. 84, 4; 104, 12, Hhl. 4, 5; 2, 16 u. a.). Welche Schönheit athmen die Naturpsalmen! Und erst Hiob, „dessen Poesie vom Scheol bis zu den Sternen reicht!" Dichter, wie

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