Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 Ihren baldigen geschätzten Nachrichten entgegensehend, bitten wir Sie, die Versicherung unserer vorzüglichen Hochachtung zu genehmigen. Für den Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien." Es ist nicht zweifelhaft, daß eine große Anzahl Knaben angcmeldet werden und somit ein Schritt von großer Bedeutung geschehen sein wird. Die Zahl von 250 Knaben wird erst als Anfang des Unternehmens angesehen und bei günstigem Verlaufe wird sehr bald eine zweite Schaar zukünftiger jüdischer Bauern und Pächter eingestellt werden können. Der energischen Thätigkeit der Wiener Allianz können wir nur herzlichen Dank und Anerkennung widmen. Aber auch für den zweiten Gegenstand des Programmes, für die Errichtung einer Handwerkerschule, um den bereits sehr zahlreichen jüdischen Handwerkerstand in Galizien durch eine angemessene Vorbildung zu heben, da er durch mangelhafte Vorbildung concnrrenzunfähig geworden, ist die Allianz thätig. Sie bedarf hierzu ca. 100,000 frcs. als Kosten des Etablissements und 20000 frcs. jährlich als die Hälfte der Unterhaltungskosten. Wie wir aus Paris erfahren, ist die Allianz isr. univ. bereit, zu diesen die eigenen Kräfte der Wiener Allianz weit übersteigenden Summen, Beiträge zu liefern, und wird die Angelegenheit hiermit aus dem Stadium der Vorverhandlungen heraustreten. Hierzu wird aber auch die Mithülfe des jüdischen Publikums in weiteren Kreisen erforderlich werden und hegen wir die Hoffnung, daß diese nicht ausbleibeu werde, sobald die Dinge eine festere Gestalt gewonnen haben werden. Teplitz, im Dezember. Künstler und Jugendtiildner. Eine pädagogische Parallele von Dr. Adolf Roscnzwcig, Rabbiner. Nichts bekundet so deutlich den ursprünglich gemeinsamen Grundgedanken in scheinbar ganz verschiedenen Begriffen, an denen die Culturentwickelung im Laufe der Zeit beinahe alle Aehulichkeit verwischt hat, als die gemeinsame Bezeichnung, welche die Volksseele für diese Begriffe gewählt hat. Solche Bezeichnungen zeigen uns einerseits die urwüchsige Kraft des Sprachgenius, der still schaffend in der Tiefe hier Gleichartiges verbindet, dort mit scharfem Auge die geringste Verschiedenheit herausfindet, und so eine Menge von synonymen Ausdrücken schafft; andererseits sind sie wieder klare Spiegel, die das ursprüngliche Gemeinsame, von dem die Volksseele ausging, treu bewahren und nach späten Zeiten bewußt machen. Künstler und Jugendbildner, welche Aehnlichkeit fänden wir wohl zwischen beiden! Was hätte der gottbegnadete Sohn der Musen, dem die höchsten Kreise der Gesellschaft sich leicht erschließen, dessen Arbeit mit Gold aufgewogeu wird, mit dem stillen Manne gemeinsam, den, wie ein altes Wort sagt, „die Götter hassen", dessen ganzes Leben unscheinbar und kaum beachtet in den dumpfen Räumen der Schulstube dahinschleicht, dessen Vergangenheit Entsagung, dessen Gegenwart Kampf heischt und dessen Zukunft zumeist nicht gar rosig ist? Und doch müssen gemeinsame Momente vorhanden sein, die Beide verbinden. Darauf läßt uns der Genius der hebräischen Sprache mit Sicherheit schließen, da er in seinem alten Sprachgute für beide nur eine Bezeichnung hat: pis, das sowohl Künstler, als auch Jugendbildner, Erzieher bedeutet. Stellen wir zunächst die Bedeutung des Stammes fest, um den Grundgedanken, der Beiden gemeinsam ist, zu finden:;cn bedeutet fest, wahr, sicher, dauerhaft, treu sein, daher n:iDN die Treue, die Festigkeit, Wahrheit (keinesfalls „ Glaube" religio, eher fides) bedeutet. In demselben Sinne muß auch;gn in Jes. 65, 16 genommen werden. Aber die Radix bedeutet nicht blos: fest, wahr sein, sondern auch festmachen?) dem stofflichen, schwankenden Sein Halt gewähren (daher neok Pfeiler 2. Kön. 18, 16 und hjdn der Vertrag, Neh. 10, 1), eine feste Gestaltung, eine bestimmte Richtung geben, daherrooiN, Erzieher, Erzieherin (Num. 11, 12; Esth. 2, 7; 2. Kön. 10, 1. 5; Ruth 4, 16; 2. Sam. 4, 4) und pis Künstler (Hiob 12, 20; Hhl. 7, 2) bedeutet. Beiden Begriffen also, dem Künstler sowohl wie dem Erzieher, subponirte der hebr. Sprachgenius den gemeinsamen Begriff: das Wahre Pflegen, anstreben, das Ewige, Feste, Unwandelbare aus dem Schwankenden, Wandelbaren zu gestalten. 2) Versuchen wir es nun, uns einzelne Parallelen vorzuführen, die erweisen sollen, daß dieser gemeinsame Gedanke auch heute noch Beiden zu Grunde liegt, zu Grunde liegen muß, wenn sie ihrem Berufe getreu schaffen sollen. * 4 * Wenn jene Erklärung eines Denkers, der die Kunst als die Darstellung des Unendlichen im Endlichen, als die Verkörperung des Wahren in dem Ungestalteten definirt, richtig ist, so dürfte es leicht in die Augen fallen, wie nahe Künstler und Jugendbildner mit einander verwandt sind. Und die Definition ist richtig. Kunst ist stoffliches Schaffen, durch welches der Künstler zur Wahrheit, die in der Natur verkörpert erscheint, emporstrebt. Wahre Kunst und Natur verhalten sich zu einander, wie Original und Copie. Das Ideal der Kunst ist die Natur und „die vornehmste Forderung, die an den Künstler gemacht wird, bleibt, daß er sich an die Natur halte, ihr nachbilde, etwas das ihren Erschei- 1) Vgl. Philippson, die isr. Religionslehre I, S. 35 f. 2) Auch die deutsche Sprache sagt: Jugendbildner und Kunstgebilde, bildende Künste. Redakt.