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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-05 · Heft 2 (5.1.1886) · p. Seite 19

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 2 (5.1.1886)
Date
1886-01-05
Page
Seite 19 (sequence 3)
Language
German
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19 modernen Wissenschaft anerkannt sind, enthalten nichts Anderes als jenen mosaischen Gedanken, daß nur das Offenbare, d. h.das Wahrnehmbare mit den daran geknüpften vernunftgemäßen Folgerungen und Schlüssen unser, d. h. des Menschen, das Verborgene Gottes ist. Hierdurch ist der Wissenschaft das ihr zugehörige Gebiet, sind ihr die allerdings mit unendlicher Arbeit zurückzulegenden und sich immer weiter ausdehnenden Wege angewiesen. Aber es entspricht auch der Natur des Menschen, hierbei nicht still zu stehen. Bei jeder Geistesarbeit ist die Mithülfe der Phantasie unentbehrlich, selbst bei der mathematischen. Sie muß immerfort das Material in der Vorstellung erhalten, auf welches die Denkkraft ihre Arbeit richtet. Aber die fleißige Helferin, wenn sie einmal thätig ist, schafft auch gern weiter und füllt die vorhandenen Lücken gern aus oder erreicht auf eigenen Schwingen das Ziel, das noch in weiter Ferne liegt. So entsteht die Hypothesensucht, die aus den oft noch spärlich oder doch unzm länglich vorhandenen Bausteinen nach eigenem Plane ein Gebäude fertig stellt und es mit aller Entschiedenheit für das allein Wahre ausgiebt. So greift die Wissenschaft über ihr eigenes Gebiet hinaus und verirrt sich in das Reich des Uebersinnlichen, des Verborgenen, leugnet die Selbständigkeit des Geistes, indem sie ihn nicht blos an leibliche Organe bindet, sondern ihn erst durch diese entstehen und mit ihnen vergehen läßt; wagt es selbst, das Dasein Gottes zu verneinen, trotzdem sie doch immer wieder ein Grundprinzip des Seins aufzustellen genöthigt ist, das sie zwar anders benennt, im Grunde jedoch nichts als den Gottesbegriff wiederherstellt. Die Correctiven für diese der Phantasie gebrachten Opfer liegen aber in der Natur der modernen Wissenschaft selbst. Die Beobachtungen und Experimente werden immer wiederholt controllirt und berichtigt, die Folgerungen und Schlüsse immer von Neuem geprüft und bei dem Anwachs des Materials bestätigt, aber noch öfter verworfen, die Hypothesen in ihrer Grundlosigkeit nachgewiesen und beseitigt. So wandelt sie mühsam vorwärts, aber auf dem Grunde des von uns beleuchteten Prinzips sicher und zur Einfachheit und Bernunftgemäßheit immer wieder zurückkehrend. Wenn wir hier abermals versucht haben, zu erweisen, daß es Grundwahrheiten giebt, die in grauer Vorzeit offenbart worden und mitten durch andere Triebe, durch das Wirrsal anderer Richtungen und Gegensätze zum Siege in unserer Zeit gelangten: so geschah dies, um zugleich zu zeigen, wie consequent, folgerichtig und geradlinig der Entwickelungsgang des Menschenthums ist, wie hier Alles Continuität ist und sich aufeinanderbaut, so daß weder Reaktion noch Umsturz ihn aufhalten, ihn umwandeln können. Das galhische Werk. IV.') Wie uns der Secretär der Wiener Allianz, Herr vr. M. Friedländer, berichtet, ist jetzt die Allianz in der Lage, zweihundertuudfünfzig Knaben bei Grundbesitzern unterzubringen. Um die Auswahl der Knaben zu treffen und zu sichern, hat sie an die Vorstände der israelitischen Gemeinden in Galizien ein Circulair gerichtet, in welchem sie die Angelegenheit auseinandersetzt, auch den Vertrag von Ulaszkowce vom 7. Juli 1885, den wir bereits in dem ersten unserer Artikel wiedergegeben, mittheilt. Hierauf fährt das Cirkulair fort: „Um diesen angestrebten Zweck zu erreichen, wenden wir uns nun vertrauensvoll an Sie, überzeugt, daß Sie, durchdrungen von der Tragweite dieses unseres Beginnens, sich gerne bereit finden werden, uns aus dem Kreise Ihrer verehrlichen Gemeinde eine Anzahl junger Leute zu bezeichnen, die wir dann, wenn sie den gestellten Anforderungen entsprechen, den Grundbesitzern und Pächtern behufs praktischer Erlernung der Landwirthschaft übergeben werden. Bei der Auswahl ist gefälligst vor Allem darauf zu achten: 1. daß sie nur auf gesunde, kräftig entwickelte junge Leute, die das 15. Lebensjahr überschritten, Ihr Augenmerk richten wollen; 2. daß der Auszuwählende ein Geburts-, etwaiges Schul-, und wenn thunlich, auch ein Jmpfungs-Zeugniß beibringe; 3. daß derselbe thunlichst Kenntniß des Lesens, Schreibens und Rechnens besitze und beiliegende Anmeldescheine eigeilhändig ausfertige. Die Anmeldungen, welche vom Vater oder Vormunde eigenhändig gefertigt sein müssen, sind bis längstens 31. Jan. 1886 an die Israelitische Allianz zu Wien zu richten und haben am Fuße den Vermerk seitens des Vorstandes zu enthalten, ob die im Anmeldescheine enthaltenen Angaben der Wahrheit entsprechen. Sobald die Anmeldungen von den verschiedenen Orten eingegangen, beziehungsweise nach Ablauf des obigen Termines, werden wir eine Prüfung der Mittheilungen vornehmen und Ihnen dann das Weitere mittheilen. Selbstverständlich können wir diese segenverheißende, die Ehre des Judenthums fördernde Thätigkeit nur dann mit Erfolg entwickeln, wenn alle berufenen Factoren vereint Zusammenwirken. Wir bitten sie daher dringlichst um Ihre thatkräftige Mitwirkung in dieser heiligen Sache, um das angestrebte Ziel erreichen zu können. Z S. 1885. S. 569. 745. 812.

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