Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Beobachten wir zuvörderst die Wirkung jenes Ausspruches auf die Religion des Judenthums. Er drückte dieser den Stempel der Einfachheit und der Bernunftgemäßheit auf und schloß ein für alle Mal alles Geheimnißvolle, alle Mysterien von ihr aus. Allerdings konnte es in dem weiten Verlaufe nicht ausbleiben, daß auch der jüdische Geist auf Abwege gerieth und theils aus anderen Sphären Mysteriöses in sich aufnahm, theils aus eigener schöpferischer Kraft zog und gestaltete. Aber stets wurde im Judenthume gegen alles dieses Mysteriöse reagirt, zuletzt dieses wieder ausgeschieden und zu der Einfachheit der die Vernunft und das Herz befriedigenden Lehre zurückgekehrt. Bleiben wir hierbei einen Augenblick stehen. Bekanntlich wird als ein eigenthümticher Zug im Geistescharakter der Juden die Vereinigung des Scharfsinns mit der Phantasie angeführt, mit jener orientalischen Phantasie, welche sich in der Extravaganz der Vorstellungen und im Gebrauche übertriebener Ausdrücke bethätigt. Merkwürdig ist es nun, daß wir in der ganzen heiligen Schrift, die doch über ein Jahrtausend des israelitischen Stammes bespannt, von dieser orientalischen Phantasie nichts gewahren, als höchstens in der Vision Ezekiels und im Buche Daniel, also zu einer Zeit, wo die Juden unter dem Einflüsse innerasiatischer Völker standen. Gerade hierdurch hat die heilige Schrift ihren klassischen Charakter erhalten und ist für alle Zeiten das Buch der Menschheit geworden. In einer späteren Zeit hingegen schuf sich jene orientalische Phantasie Ausdruck und Gestaltung in der Hagada, während der dem Stamme einwohnende Scharfsinn in der Durcharbeitung und Verästelung des Gesetzes in der Halacha einen üppigen Boden der Thätigkeit fand. Weiterhin überwucherte jene in den Peitanim, während das spanisch-arabische Zeitalter der biblischen Classieität bei den jüdischen Dichtern treu blieb. Selbst in dem Briefstil der Rabbinen läßt sie sich in Anklängen verspüren. In Zeiten nun, die der Wissenschaft und Cultur entbehren und wo den Geistern die Einfachheit und Vernunftgemäßheit der religiösen Lehre, selbst in Verbindung mit einem formulirten Lebensnormativ, dessen Uebung die Volksmasse genugsam in Anspruch nimmt, nicht Befriedigung genug verschafft, wird die Phantasie aufgereizt, sich eigene Vorstellungen und Gebilde von der übersinnlichen Welt zu schaffen; mit kühnem und immer kühnerem Muthe — denn der Nachfolger will den Vorgänger überbieten — greift die Phantasie in das „Verborgene, das Gottes allein ist," hinüber, und bringt das 'Mysteriöse, das Geheimnißvolle in mehr oder weniger extravaganten Gestaltungen vor. Diese Mystik knüpfte sich innerhalb des Judenthums an jene Vision Ezekiels an, indem sie diese zu ihrer Wurzel machte, aus welcher sich ein starker Stamm und weitgebreitete Aeste ziehen ließen. Das NaasLob ^lercaba trat dem Maassdi Berescliitli gegenüber, das phantastische Reich des traumhaften Uebersinnlichen dem Reiche des sinnlich Wahrnehmbaren, eine ungeheuerliche Geisterwelt der natürlichen Schöpfung. Späterhin wurde dieses bodenlose Phantasiegebäude in der Kabbala erneuert, die in einem der Religionsphilosophie analogen Zuge der einfachen Orthodoxie entgegentrat. Trotzdem diese Richtung als eine gefährliche Verirrung verurtheilt werden muß, kann man doch nicht leugnen, daß sie ihrer Zeit für die kräftigere Entfaltung des Geistes, für die Ernährung der religiösen Begeisterung sehr wirksam war. Ihre Gefährlichkeit offenbarte sie aber dadurch, daß sie einerseits die Grundlehren der Religion verfälschte und andererseits in den krassesten Aberglauben von Wunderthätigkeit umschlug, der bei immer sinkendem Volksgeiste im östlichen Europa den Chassidismus, eine wahre Schmach des Judenthums, hervorbrachte. Aber diese Mystik rief auch zu aller Zeit Widerspruch auf. Die Anfänge einer solchen schmeicheln zunächst selbst den gesunden Geistern. Bald aber gewahren diese, daß sie bei weiterem Wachsthum die ganze Religionslehre zu erdrücken und das Volk von der Uebung des Gesetzes loszulösen und selbst die Reinheit der Sitte anzutasten vermag, so wie sie durch eine übertriebene Ascetik die Heuchelei und den Betrug veranlaßt. Schon die mischnischen Lehrer erklärten für eine gefährliche Thorheit, über das nachzugrübeln, was vor der Schöpfung gewesen und was nach dem Ende der Zeiten sein werde. In der talmudischen Zeit verbannte man den Unterricht in der Geheimlehre aus der Öffentlichkeit und beschränkte ihn auf das Alter geistiger Reife. Der Kabbala gegenüber kämpfte die Orthodoxie mannhaft und überwand sie theilweise, bis die moderne Entwickelung und die kritische Wissenschaft sie in die Rumpelkammer der Vergangenheit verwies. Die Herrschaft des mosaischen Grundsatzes, der dem Judenthume seinen Charakter ausgeprägt, wurde wiederhergestellt. Daß dieser und mit ihm die Einfachheit und Vernunftgemäßheit der religiösen Lehre, aber auch in der Culturentwickelung der gesammten Menschheit, trotz der außerordentlichen Hindernisse, sich immer weiter ausbreitet und zur Geltung kommt und auch in anderen Religiousgenossenschaften die Mysterien zurückweist, ist sicher, soll aber hier nicht weiter erörtert werden. Aber nicht blos für die Religion, auch für die Wissenschaft ist in jenen Worten des Mosaismus eine Grundwahrheit enthalten. Nach langen Kämpfen gegen die Eingriffe der imuier regen Phantasie, ist es ein Grundsatz der Wissenschaft geworden, nur die sinnliche Wahrnehmung zur Unterlage und zum wesentlichen Mittel aller Forschung zu machen. Beobachtung und Experiment müssen sichere Resultate geliefert haben, um aus dem angesammelten Material derselben Schlüsse zu ziehen auf die Gesetze der Natur und der geschichtlichen Entwickelung. Jnduction und Analyse, die seit Baco als die einzig richtige wissenschaftliche Methode erkannt und in der