Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 2 (5.1.1886)
- Date
- 1886-01-05
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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o "Allgemeine eitung -es Iu-mthums Cm unparteiisches Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig s Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. GXpeöition: Leipzig, Woßp5aß 18. In redactionellen Angelegenheiten ' wende man sich an vr. Philippson in : Bonn direct, in allen übrigen an die! i Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr - 12 M.) sind gleichfalls an letztere i einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 5. Januar 1886. dir. 2. Inhalt. Leitende Artikel: 5. Moses 29, 28. — Das galizische Werk. IV.— Künstler und Jngendbildner.— Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Stuttgart, Wiesbaden, Bremen. — Oesterreich-Ungarn: Men. Pest. —"Rußland: Petersburg, Odessa. — Bulgarien: Triest. — Schweden: Stockholm. — Amerka: New-Iork, Cincinnati. — Bonn: Notizen.— Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Vermischtes. ücitwSe CUültef. Bonn, 30. Dezember. 5. Moses 29, 28. i. Im 29. Kapitel des fünften Buches Moses spricht der große Gesetzgeber die Strafandrohungen für Israel aus, die Niederlage und die Wegführnng in die Gefangenschaft, die auf den Abfall von Gott Israel treffen werden. Im 30. Kap. hingegen verkündet er die bußfertige Umkehr Israels in der Gefangenschaft und die Zurückführung und Wiederherstellung desselben. Mitten zwischen beide, ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Vorhergehenden und dem Nachfolgenden, ruft er aus: „Das Verborgene ist des Ewigen, unseres Gottes, aber das Offenbare unser und unserer Kinder auf ewig, um zu thun alle Worte dieser Lehre." Bei großen Schöpfungen begegnet es, daß wir auf den Ausspruch von Wahrheiten treffen, welche wie aus dem Urquell der Wahrheit fließen und das Wesen des Menschen offenbaren, auf sein Streben und Erreichen wie einen ewigen Stempel prägen. Mag es denn immerhin auch in der Natur des Menschen liegen, diese Wahrheiten zu verkennen und von ihnen abweichend auf lange Zeit in Jrrthümer zu verfallen und sich in Labyrinthe zu verlieren: schließlich erweist es sich ihm, daß er geirrt, und daß die Wahrheit ihm längst kund gethan worden. Hierin rechnen wir auch den obigen Ausspruch. Daß er in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit dem ihn Umgebenden steht, fiel frühzeitig auf, und schon Targ. Jon., wie auch Raschi, Raschbam, Abn Esra und Abarbanel umschreiben ihn ihrer Ansicht gemäß. Dies ist aber nicht nöthig. An sich verständlich, ist er, wie etwa 1. Mos. 49, 18., als ein Zwischensatz, als ein Ausruf zu fassen, der eine allgemeine Andeutung tieferer Gedanken enthält, die dem Redner bei dem Uebergang von der Verbannung zu der einstigen Wiederherstellung seines Volkes bewegten. Es ist nichts natürlicher, alsdaß er die Lenkung aller Thatsachen, als eine verborgne, Gott zuschreibt, während das Offenbare in den Händen der Israeliten liege, nämlich der Gotteslehre treu anzuhängen und sie in ihrem Thun und Lassen zu bethätigen und dadurch dem Verderben zu entgehen — was aber eben nicht geschah. Die Bedeutung, die man dem Satze schon frühzeitig beigelegt, zeigt sich auch darin, daß 11 diakritsche Punkte (nrnp) über dessen Worte gesetzt sind, wofür allerdings wieder sehr verschiedene Gründe angegeben werden. Der allgemeine Sinn jenes Ausspruches ist aber: alle Erkenntniß des Menschen geht von dem ihn: Wahrnehmbaren, Offenbaren aus und besteht in den aus diesem gezogenen vernunftgemäßen Folgerungen und Schlüssen; Alles was darüber hinausliegt und was das Wahrnehmbare nicht zu seinem Grunde und Ausgangspunkte hat, ist ihm verborgen, ist Gottes allein. Diese große Wahrheit war nun der Menschheit übergeben, und so oft und so sehr sie auch davon abirrte, schließlich dringt sie immer wieder zur Einsicht und Erkenntniß hindurch. Ja, auch die Abirrung von ihr hat große Bedeutung für das Menschenthum, denn, indem sie tausendfache Geistesarbeit und Geisteskämpfe veranlaßt, bewirkt sie gerade hierdurch die Entwickelung und Entfaltung der Geisteskräfte und durch ihre Ueberwindung tritt die Wahrheit in um so helleres Licht.