Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 Kündigungsrecht Gebrauch machen! Das Resultat war, daß die Spareinlagen sich nicht verminderten. Dieses so gute Bestehen einer harten Probe hatte zur Folge, daß die Kasse eine wahre Ablagerungsstelle von flüssigen Kapitalien wurde. Die Bank und andere Geldinstitute gaben von jener Zeit an Credite. Die Hauptsache war, daß sich vr. Straßmann stets die besten Kräfte aus den praktischen Gewerbetreibenden heranzuziehen wußte. Man klagt ihn an, daß er solche Männer stets zu beseitigen suchte, hier muß ich ihn in Schutz nehmen. Straßmann war der Majorität viel zu sicher, als daß er hätte zu befürchten brauchen, verdrängt zu werden. Daran waren Ohrenbläser, die in solcher Kasse im llebermaß anzutreffen sind, schuld. Leider gestattet der Raum keine weiteren Ausführungen, nur so viel sei gesagt, möge dieses Institut, welches unter Straßmann eines so großen Emporkommens sich erfreute, weiter so geleitet werden, möge der neue Direktor sich die Männer zu suchen wissen, wie Straßmann. Im Jahre 1862 tauchte im Verein 99a. und 100. eine zweite Idee auf, für genannte Bezirke einen Kindergarten zu gründen. Ohne langes Besinnen griff Straßmann ein, raffte die passenden Männer zusammen, suchte sich einen guten Rendanten, welcher es verstand, jährlich 2 bis 300 Thaler von Mitbürgern zusammenzuschlagen; als dieser nach drei Jahren sein Amt niederlegte, der Kindergarten nach kaum drei Jahren eine große Summe Schulden hatte, war Straßmann der erste, welcher sagte, hier sind hundert Thaler, eine Reihe von Männern thaten dasselbe, denn der Kindergarten durfte nicht eingehen. Straßmann fand wieder einen passenden Rendanten. Später hatte Straßmann den Verein gegen Verarmung und Bettelei gegründet, gewiß eine großherzige Idee, nach meiner Ueberzeugung entspricht dieses Unternehmen aber nicht seinem Geiste. Hierin hat der Verstorbene verhältnißmäßig geringeren Erfolg, als bei seiner Genossenschaftsbank und den Kindergarten gehabt. Was müßte dieser Verein leisten? Der größte Krebsschaden sind die herzlosen weißen Schilder an den Thüren, die gegen alles menschliche Gefühl verstoßen, welche den frechen Bettler nicht abweisen, wohl aber den wahrhaft Bedürftigen. Der herzlose Bürger bekommt für 3 Mk. solche Freimarke, ich weiß, daß Straßmann zu denen gehörte, die sagen, gebt lieber neun Unwürdigen, als daß Ihr einen wahrhaft bedürftigen abweiset. Schon in den Sechzigerjahren trat an Straßmann die Frage heran, als Abgeordneter zu candidiren, er schlug dieseAnerbietungen mit dem Bemerken ab: nur keinen Durchfall, erst etwas leisten! Wenn Straßmann auch mit der Manchesterpartei ging, so kann ich beweisen, daß derselbe keineswegs radikaler Manchestermann war. Als die Mahlsteuer gesetzlich abgeschafft war, die Städte das Recht behielten, Schlachtsteuer weiter zu erheben, besuchte ich eine große Reihe von Stadtverordneten und auch Straßmann. Ich beschwor letzteren wie alle übrigen: behaltet die Schlachtsteuer! Straßmann machte von allen eine Ausnahme und bemerkte: ich sehe die Richtigkeit Ihrer Gründe ein, die Strömung ist aber für direkte Steuer, wer sich dagegen stemmt, geht unter. Bei einer Gelegenheit im Jahre 1878 sagte Straßmann in Gesellschaft verschiedener Gelehrter, Fürst Bismarck wird den Schutzzöllnern nachgeben, ob mit Erfolg oder nicht, wollen wir abwarten. Vielleicht haben jene nicht ganz unrecht, Deutschland gehört zu den großen Culturvölkern, da bekanntlich alle solche Völker Gleiches leisten, Deutschland aber zurücksteht, so ist das ein Beweis, daß bei uns irgend etwas nicht in Ordnung ist, ich kann solchen Fragen nicht näher treten, weil ich über meine Kräfte in Anspruch genommen bin. (Daß Str. kein radikaler Manchestermann war, ist richtig. Wir wollen auch nicht mit dem Einsender darüber rechten, ob er die fraglichen Aeußerungen so aufgefaßt hat, wie Str. sie verstanden wissen wollte. So viel wissen wir gewiß, daß Str. eine viel zu praktisch angelegte Natur war, als daß er heute auch nur von ferne her an Wiedereinführung der Schlachtsteuer denken konnte. Die Verkehrsstörung in einer Stadt wie Berlin macht die Wiedereinführung unmöglich. Red.) Es ließen sich noch viele Bürgertugenden des Verstorbenen anführen, wäre der Raum nicht zu beschränkt. Wenn nun mancher Leser fragt, wie kommt ein jetzt zur conservativen Partei Haltender dazu, in einem conservativen Blatte einen Gegner so zu verherrlichen, so gebe ich zur Antwort, sehet was man thun muß, um anerkannt zu werden; es mag dieses den Herren, welche die konservative Partei bilden wollen, als Beispiel dienen. Aber den politischen Freunden vr. Straßmanns rufe ich zu: wollt Ihr ernstlich, daß der große Ruf Straßmanns auch Generationen überdauern soll, wie solches ja so schön an seinem Sarge im Festsaale des Rathhauses gesagt wurde, so fragt Euch, ob Ihr diesen Ruf, welcher sich an die Aera v. Forckenbeck-Straßmann knüpft, aufrecht erhalten könnt? Ihr behauptet, Berlin zu dem gemacht zu haben, was es heute ist. Schon dieser Satz ist nicht ganz richtig. Das vergrößerte Preußen, dann die Begründung des Deutschen Reiches, die unverwüstliche Thätigkeit der Bürger Berlins, die geographische Lage als Mittelpunkt von West nach Ost, von Nord nach Süd, das sind die Ursachen unserer Entwickelung. Es muß aber dennoch der Aera v. Forckenbeck-Straßmann Gerechtigkeit wiederfahren gelassen werden, dieselbe hat mit dem kleinbürgerlichen Gebühren vor 1860 gebrochen. Berlin ist nicht nur Großstadt geworden, es hat heute auch ein solches Aussehen, mehr als irgend eine andere Großstadt. Dennoch ist an allen Ecken und Enden noch zu thun, an Kranken- und Siechenhäusern, Schulen, Parkanlagen. Es verschwinden die Gärten Berlins in erschreckender Weise. Um die Stadt gesund zu erhalten, müßten wir die noch vorhandenen Gärten ankaufen, um die noch