Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
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13 _ Jeuilleton. Zur Charakteristik Straßmanns. ii Kein entscheidenderes Zeugniß giebt es, als wenn selbst Gegner die Tugenden und Verdienste eines Verstorbenen anerkennen müssen. Um so interessanter und bezeichnender sind die Mittheilungen, welche das antisemitische „deutsche Tageblatt" über Str. bringt. Es hat sich, wie es in der Einleitung heißt, um über den Entwickelungsgang des Verstorbenen ein sachgemäßes Urtheil einzuziehen, an einen älteren Berliner Herrn gewandt, der mit Straßmann früher viel zusammen gewirkt hat, und dieser schreibt dem „Deutsch. Tagebl.": „Ihre Voraussetzung, daß ich ein wahrheitsgetreues Bild des Lebens des verstorbenen Stadtverordneten-Vorstehers Dr. Straßmann geben könne, trifft zu. Und ich bin gern bereit, Ihrem Wunsche nachzukommen mit dem Bemerken, daß ich die Politik nur nebensächlich berühre, aus dem einfachen Grunde, weil sich meine politischen Anschauungen seit Jahren von den seinen trennten. Im Jahre 1860 fand eine Stadtverordnetenwahl auch in den Stadtbezirken 99a., b. und 100. statt. An der betreffenden Bewegung nahm Or. Straßmann lebhaften Antheil; derselbe war noch wenig bekannt, und man fragte sich, wer ist der junge Doctor? Einzelne, welche ihn kannten, gaben gute Auskunft, er sei ein Armenarzt und er sei gutmüthig gegen die Armen. Auch solche, welche seine Hilfe nachsuchten und als nicht erklärte Arme kein Honorar zahlen, mahnte Herr vr. Straßmann nicht, trotzdem er selbst ohne Mittel sei. Dieser Umstand und sein liebenswürdiges Wesen machten ihn bald zum Liebling in genannten Stadtbezirken. Straßmanns erstes Auftreten war nicht von Erfolg begleitet, sein Kandidat, nennen wir ihn X., war, nachdem letzterem ein liberaler Gegenkandidat etitgegengestellt worden war, zurückgetreten, hatte selbst gegen sich agitirt und gestimmt, so daß der Gegenkandidat von 263 Stimmen 132 erhielt. Straßmann hatte trotz X.'s Ablehnen fest an ihm gehalten, mit dem Bemerken, der X. müßte selbst gegen seinen Willen gewählt werden, dann werde er schon annehmen. Diese Consequenz lenkte die Aufmerksamkeit erst recht auf ihn. Dann traten Männer zusammen, bildeten eine Bereinigung, um später besser vorbereitet zu sein und aus dieser Vereinigung entstand dann der Bezirksverein 99a., b. und 100. Obgleich Straßmann als Vorsitzender in Aussicht genommen wurde, so lenkte derselbe die Wahl auf den Stadtverordneten Elster. Als zweiter Vorsitzender leitete er den Verein aber faktisch. Nun begann eine große Thätigkeit: der wirklich vernachlässigte Osten machte unter dieser Leitung seine Rechte geltend. Der Schlagbaum mit dem Brückengeld der Schillingsbrücke fiel. Die ganze Frankfurterstraße vom Thor bis zur Landsberger Straße gabs keinen Durchgang nach dem Friedrichshain. Die Strausbergerstraße mußte durchgelegt werden zum Wohle der Bürger und zum großen finanziellen Vortheile der Stadt. Die lebensgefährliche Enge der Blumenstraße und Alexanderstraßen-Ecke mußte verbreitert werden und noch manches andere wurde durch oben genannten Verein unter Straßmanns Leitung durchgesetzt. Diese energische Thätigkeit fällt noch ins Jahr 1861. Am Schluß dieses Jahres wurde in diesem Verein die Idee angeregt, eine Darlehnskasse nach Schulze- Delitzschem System zu gründen. Kaum hörte Straßmann davon, und sofort erfaßte derselbe diesen Gedanken. Die besten und bemitteltsten Männer wußte er zu begeistern, ein Comitü wurde gebildet, Schulze's Statut zur Hand genommen, in wenig Wochen war die Stralauer Genossenschaftskasse gegründet. Jeden Mittwoch fanden die Sitzungen behufs Bewilligung von Darlehnsgesuchen statt. Da wurde vom Vorsitzenden Straßmann nie gefragt, haben wir auch Geld, es wurde nur untersucht, ist der Darlehnssucher mit seinen Bürgen gut? Fehlte Geld, ganz gleichgültig wieviel, Straßmann stellte sich an die Ausgangsthür und sagte einfach: „Freiwillige vor". Waren die acht bis zehn wirklich wohlhabenden Vorstandsmitglieder erschöpft, konnten dieselben auch von ihren Freunden nichts mehr herbeischaffen, so wußte der Vorsitzende mit seiner nie fehlenden Liebenswürdigkeit ein Vorstandsmitglied, welches Bankiercredit hatte, zu bestimmen, zu discontiren. Dadurch nahm die Genossenschaft an Ansehen von Vierteljahr zu Vierteljahr zu. Und Schulze-Delitzsch, welcher 1863 gesagt hatte, Berlin habe für seine Kassen keinen Boden, es stehe Luckenwalde nach, mußte 1865 als Gast sein Wort zurücknehmen. Es muß hier noch erwähnt werden, daß die ersten drei Jahre für jeden der fünfzehn Vorstandsmitglieder von Straßmann abwärts wohl die schönsten Lebensjahre gewesen sind. Die Gesuche häuften sich auf 60 bis 80 wöchentlich, die Sitzungen dauerten von 8 bis 1, 2 Uhr die Nacht. Bei Beginn der Sitzung sagte der Vorsitzende, wenn wir fleißig sind, die Hälfte bearbeitet haben, giebts eine einhalbstündige Pause, meist hatte derselbe dann einige geistreiche Anecdoten u. s. w. zur Hand. Die Kasse bestand die kritische Zeit von 1866 gut, trotzdem dieselbe nur auf die eigene Kraft ihrer Mitglieder angewiesen war, wodurch? Ein Mitglied stellte den Antrag, wenn jetzt Spareinleger kündigen, so bieten wir denselben an, gleich Geld bekommen zu können. Straßmann, der stets das Praktische begriff, bemerkte: angenommen; es kann uns nichts passiren, kommen zu viel, so können wir immer von unserem