Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 Tage nach dem „Berl. Tagbl." eine Meldung, nach welcher ein Pole ausHessen ausgewiesen worden sei. Die „N. H. V." erhalten seitens des hiesigen Kreisamtes eine Berichtigung, Sie lautet: „Der betreffende Lehrer wirkte nicht seit etwa sechs Monaten in der Nähe von Darmstadt, sondern war erst im Monat November d. I. von der israelitischen Religionsgemeinde Roßdorf, vorbehaltlich unserer Genehmigung, zum Religionslehrer bestellt worden. Derselbe ist nicht vonuns ausgewiesen worden, vielmehr wurde ihm, weil er nicht im Besitz von gegnügenden Papieren, aufgegeben, einen Reisepaß oder eine sonstige, seine Person legitimirende und seine Staatsangehörigkeit nachweisende Urkunde von seiner russisch-polnischen Heimathsbehörde beizubringen, und ihm hierzu am 2. laufenden Monats eine Frist von 8 Wochen gewährt. Dieser Nachweis mußte, abgesehen davon, daß wir eine nicht gehörig legitimirte Persönlichkeit nicht als Religionslehrer einer israelitischen Religionsgemeinde bestätigen können, deshalb verlangt werden, weil der Betreffende bei seiner möglicherweise demnächst eintretenden Hülfsbedürftigkeit, Mangels eines Nachweises über seine Zuständigkeit, unserem Landarmenverband dauernd zur Last gefallen sein würde. Großh. Kreisamt Darmstadt, v. Marquard." Aus Bayern, im Dez. (Privatmitth.) Der Frankfurter Aufruf zur Bildung einer freien Vereinigung der Orthodoxen, vielmehr Hyper-Orthodoxen, hat bei einem alten Leser dieser Zeitung die Ansicht erzeugt, daß es sich wieder darum handelt, etwas Gewordenem und Zeitgemäßem, so zu sagen, ein Bein zu stellen, und er will es durch einige Beispiele zum Ausdruck bringen. Man will allemal etwas Apartes, Absonderliches haben. Als der von Ihnen, Herr Redakteur, ins Leben gerufene Literatur-Verein, der soviel Treffliches in der jüdischen Welt verbreitete, bestand, versuchte es das bekannte Mainzer Blatt auch zuweilen, Vereine dieser Art in's Leben zu rufen. Das Fiasko, welches es machte, hatte aber doch dem L. V. viele Mitglieder entzogen. Im Zerstören des Guten findet sich leicht Mithilfe. Ebenso ging es mit der Bibelausgabe, die von vielen Seiten als äußerst zeitgemäß erklärt wurde. Alsbald wollten auch die Orthodoxen eine Bibelausgabe veranstalten. Was sie zu Stande gebracht, zeigen die einzelnen Chumesch-Ausgaben; l) sie haben aber doch der Verbreitung der Gesammtbibel-Ausgabe Abbruch gethan. In einer jungen großen Gemeinde unseres Landes, welche Orgel rc. in ihren Gottesdienst ausgenommen, hat sich *) Man erzählte damals, der sel. Rabbiner Bamberger in Würzburg habe seinen Beitritt zu dieser Bibelausgabe von der Bedingung abhängig gemacht, daß kein Maschinenpapier, sondern nur Handpapier dabei verwendet werde, weil durch das Auflegen des Armes beim Lesen ein BWl entstehen könne! Corr. auch eine kleine Zahl Gemeindeglieder, besonders aus älteren, vom Lande dahin gezogenen Männern, die in ihrer gewohnten Weise beharren wollen, rekrutirt, eine kleine Nebengemeinde gebildet. Von kompetenter Seite wurde zur Verhütung einer Separation das alte Balllokal mit erheblichen Conzessionen angeboten. Ein Theil der Betreffenden wollte darauf eingehen, aber einige und dazu jüngere Heißsporne der Orthodoxie, die zu Geldopfern sich herbeiließen, brachten es dahin, daß, wie mir bei meiner zufälligen Anwesenheit von einem Mitglieds erzählt ward, der Antrag mit 14 gegen 13 Stimmen abgelehnt werde. Man will partout ein Ableger der my bleiben. Der Verein Achawa zur Unterstützung der invaliden Lehrer, Wittwen und Waisen, welcher alljährlich Tausende vertheilt und schon soviel Noth gelindert hat, zählt auch eine größere Anzahl bayer'scher Lehrer zu seinen Mitgliedern. Das genügt aber den frommen Herren nicht. Sie suchen einen gleichen Verein für die b. fränkischen Provinzen zu bilden, und halten jährliche Versammlungen ab. Sie haben nichts Nachhaltiges zu Stande gebracht, aber der Achawa weitere Mitglieder entzogen. Nun haben wir, von der Alliance nicht zu reden, einen deutschen Gemeindebund, der Schulen gegründet, der Religionsunterricht seine Aufmerksamkeit widmet und dgl. Gegen seine Tendenz ist nichts vorzubringen, wenn man es auch versucht hat. Flugs soll ein nagelneuer Verein gegründet werden, der koschere Garküchen zu Stande bringen soll, strenge orthodoxe Lehrer von Würzburger Probe, in Wolle gefärbte Rabbiner anstellen will rc. Kaufleute haben zwar am Sabbath den Laden zu schließen, um im Comptoir gleichwohl rüstig zu arbeiten, und noch mehrere gleiche Schaustellungen und extravagante Artikel. Um Mitarbeiter an diesem großen Werke zu sein, soll man für 3 Mark jährlichen Beitrag die Eigenschaft erringen. Wieder werden sie unter großem Halloh über ihr Wirken eine Anzahl Mitglieder aufbringen. Für 3 Mark jährlich zu den Orthodoxen, oder wie sie sich in aller Demuth selbst gern nennen, zu den „Frommen" gezählt zu werden, das zieht allerdings. Aber etwas Großes, Dauerndes werden sie nicht zu Stande bringen, dem Gemeindebunde wie der Alliance werden sie Mitglieder abspenstig machen und so einem Ganzen, allgemein Gewünschten Abbruch thun. „Schließ' an ein Ganzes Dich an", hat freilich kein orthodoxer Rabbiner gesagt, sondern nur Schiller, „es steht also nicht geschrieben." Fürth, 13. Dez. (Privatmitth.) Es war vor etwa einem halben Jahre in verschiedenen Blättern, auch Ihrer geschätzten Zeitschrift, zu lesen, daß die Studentengesellschaft Ansbacher in Erlangen beschlossen hätte, keinen Juden mehr aufzunehmen. Die Gesellschaft hat aber auf Remonstrationen l