Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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von Gouvernementspässen Wohnsitz haben, Ausweisungsbefehl erhalten und zwar zum l. Februar beziehungsweise 1. April. Die Deutschen, welche, aus Rußland ausgewiesen, hier ankommen, find alle sehr derangirt und müssen sofort unterstützt werden. Aus Schaumburg-Lippe, im Dez. Die „Freisinnige Ztg." schreibt: Im Staate Schaumburg-Lippe beabsichtigen die Conservativen, der Gesetzgebung im Reiche die Verpflichtung aufzuerlegen, gegen die gemeingefährlichen Lehren des Talmud einzuschreiten. Das Organ der Partei, die Schaumburg-Lippesche Landesztg." hat nächstens ihren „Antisemitenprozeß", weil sie gestützt auf den berüchtigten Professor Rohling sowie auf Herrn Stöcker und seine jüdischen Gewährsmänner die Behauptung aufstellte, es liege der begründete Verdacht vor, daß die Juden sich von fatschen Eiden religiösen Dispens erholen könnten. Sie ist deshalb angeklagt, die jüdische Religionsgenossenschaft beschimpft zu haben und will den Beweis der Wahrheit durch „ sachverständige Männer" antreten; wenn ihr dies gelingt, so müßten — meint sie — die Behörden gegen den Talmud einschreiten. — Wenn sich der Herr Staatsanwalt aus den Akten des Prozesses des Professor Rohling wider den Reichsratsabgeordneten vr. Bloch in Wien (siehe Nr. 55 vom 3. Nov.) das benöthigte Material entnehmen und danach die Vernehmung der wirklichen Gelehrten erwirken wollte, so könnte die Sache allerdings dem Schaumburg-Lippeschen antisemitisch-reaktionären Blättchen zu einem gewissen Ruhme verhelfen! Hannover, 16. Dez. (Privatmitth.) Im Streite der Parteien kommen die Juden immer schlecht weg, weil, welcher Partei sie sich auch zuwenden, sie von den übrigen Parteien deshalb angegriffen und bitter getadelt werden. Dies müssen wir voranschicken, wenn wir folgenden Artikel aus der, bekanntlich der „Volkspartei" angehörenden „Franks. Ztg." mittheilen, welche die Nationalliberalen mit aller Kraft bekämpft. Unsere Leser werden aus demselben ersehen, was Thatsächliches darin vorliegt. Er ist datirt „Hannover, 10. Dezember." „Bei den heutigen Bürgervorsteherwahlen sind 5 Nationalliberale und 3 Welfen gewählt worden; die Nationalliberalen haben somit 4 Sitze gewonnen und beide Parteien sind jetzt im Stadtverordneten-Collegium gleich stark mit 12 Stimmen vertreten. Bon den Führern der Welfen behauptete Brüel nur mit 2 Stimmen Majorität seinen Sitz, während der Rechtsanwalt Fischer II. seinem nationalliberalen Gegner Rechtsanwalt Roscher unterlag. Der Wahlkampf der zwei Collegen wurde dadurch interessant, daß sich der nationalliberale Candidat öffentlich von dem Verdachte zu reinigen gemüßigt fand, daß er „Antisemit" und „Judenhetzer" sei. Ja', ja; soweit ist es gekommen, daß der Panzer der nationalliberalen Gesinnung allein nicht mehr gegen derartige Verdächtigungen oder sagen wir lieber etwas objektiver Behauptungen sich schutzkräftig erweist. Für sich wies der nationalliberale Candidat die Verdächtigung zurück; „es liege nichts seinerseits vor, was zu derartigen Annahmen berechtige", mit andern Worten der Beweis sei nicht erbracht; aber zu der einfachen und bündigen Erklärung, daß nationalliberal und Antisemit unvereinbare Begriffe, wagte er sich doch nicht aufzuschwingen. Und mit Recht: der „latenten" Antisemiten giebt es unter Herrn von Bennigsen's Führung mehr denn ein Dutzend. Wenn es natürlich gilt, den Nationalliberalen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, sind die Juden lieb Kind und die meisten von ihnen, so weit sie sich überhaupt in den Streit des Tages mengen» sind denn auch gegen einen zu rechter Zeit applizirten christlich-germanischen Händedruck stets zu haben. Die Springer Jagd des Herrn von Bennigsen zu jener Stunde, als Stöcker im Landtage die Fahne des Antisemitismus schwang, ist ihm längs vergeben; ohne Lohn zu erwarten (vielleicht in dem sicherem Bewußtsein, ihn doch niemals zu empfangen), geberden sie sich aus tief-innerster Ueberzeugung nationalliberal, was sie allerdings nicht hindert, ab und an im Kreise vertrauter Glaubensgenossen über Reaktion zu stöhnen und wenn ihr Söhnchen ohne Knopf heimkehrt oder Jahre lang als fliegender Assessor ohne jegliche Aussicht einherwandelt, leise, ganz leise mal ein kräftig Wörtchen zu lallen. So haben denn auch wohl die nationalliberalen Juden gar nicht den Wunsch gewagt, einen Glaubensgenossen in das Bürgervorsteherkolleg zu entsenden und doch hätte dieser Wunsch wohl gerade bezüglich des in Frage stehenden Distrikts eine gewisse Berechtigung gehabt, denn derselbe war bereits früher durch den jüdischen Rechtsanwalt Benfey, der noch heute im Vorstände der nationalliberalen Partei sitzt, vertreten. Warum stellt man ihn nicht wieder auf? Die Judenschaft Hannovers ist so groß, daß sie wohl eine gewisse Berechtigung hat, einen ihrer Glaubensgenossen im Stadtverordnetenkolleg zu haben. Die Nationalliberalen sagen, Herr Benfey habe großer Geschäftslast wegen das Mandat abgelehnt; aber man glaubt nicht recht daran. Hat er thatsächlich abgelehnt, so war ihm selbst wohl klar, daß er als Jude auf die Stimmen aller nationalliberalen Freunde nicht rechnen konnte." Unter dem 14. Dezember hat nun Herr Rechtsanwalt Benfey folgende Erklärung gegeben: „Die im Abendblatt der „Franks. Ztg." vom Freitag, den 11. d. M., enthaltene Correspondenz „G Hannover, den 10. d. M." veranlaßt mich zu der Erklärung, daß ich die mir wiederholt von meinen politischen Freunden angebote Kandidaturen für ein Bürgervorsteher-Mandat lediglich wegen überhäufter Geschäfte abgelehnt habe. Im Uebrigen bi« ich auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen und Bekanntschaft mit den Mitgliedern der hiesigen nationalliberalen Partei positiv überzeugt, daß, wenn ich die Candidatur angenommen hätte, mir keine Stimme der nationalliberalen Wähler gefehlt haben würde." Darmstadt, 14. Dez. Mehrere Blätter brachten dieser