Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 vertheidigt, wenn die Staatsregierung einen ferneren Zuzug verböte und durch Maßregeln verhindern wollte. Dagegen sind Ausweisungen Tausender, von denen viele seit Jahrzehnten in Preußen angesiedelt sind, und die nun plötzlich aus allen ihren Verhältnissen heraus über die Grenzen gebracht werden, mit jenen hochtönenden Sätzen nicht gerechtfertigt. Es scheint uns vielmehr, daß, wenn man jenen Ausländern einmal einen längeren, ja langen Aufenthalt und Ansiedelung gewährt hat, man ihnen stillschweigend das Recht weiteren Berweilens eingeräumt habe und nur diejenigen mit Fug und Recht ausweisen könne, welche nachweisbar sich gegen die Gesetze vergangen oder dem Deutschthum greifbaren Schaden zugefügt haben. Würde man Folgerungen aus jenen Sätzen der K. Z. direkt ziehen wollen, so würden diese darin bestehen, daß die nichtdeutschen Bewohner jener annectirten Landstriche sämmtlich hinausgewiesen werden, und daß, sobald Deutschland eine Landschaft in Besitz nimmt, in welcher Nichtdeutsche wohnen, diese sofort entfernt und durch Deutsche ersetzt werden müßten. Uebrigens giebt es über ein formales Recht hinaus noch ein höheres Recht, das der Humanität, und dieses verlangt, wenn man Jemandem ,das Gastrecht, gewährt hat, es ihm nur dann zu entziehen, wenn er es gemißbraucht hat. Die besprochene Maßregel aber macht diesen Unterschied nicht, sondern will ohne allen Unterschied alle russischen und österreichischen Unthanen polnischer Nationalität in kurzer Zeit aus den Grenzen entfernen. — Wer die Gesinnung der „K. Z." kennt, würde sich verwundern, wenn sie hierbei nicht auch auf die Juden zu sprechen käme. Sie sagt: „Aber auch noch ein anderes Element trägt jener polnische Zuzug in sich, welches für Deutschland kein wünschenswerthes ist. Das ist der polnische Jude, der anfangs in den Ostprovinzen Station macht und dann nach und nach weiter in den Westen vorrückt. Dieser jüdische Zuzug ist kein Glück für Deutschland, ebensowenig für das Judenthum in Deutschland. Auch in dieser Beziehung begrüßen wir die Maßregel der preußischen Regierung als eine höchst wohlthätige." Dies sind Worte, die Stöcker und Pickenbach auch hätten schreiben können. Vom grünen Tisch des Redaktionsbüreau's über eine ganze Menschenklaffe so hinzuurtheilen, ist leicht und erfordert keinen Heldenmuth. Männer, welche jene wirklich kennen gelernt, wie Prof. Möller in Königsberg, urtheilen anders. Am meisten aber fällt die Herzenshärte auf, mit welcher hier über das Schicksal Tausender unglücklicher Menschen auch nicht ein Wort des Bedauerns durchklingt. Sollte man doch glauben, daß die Redaktion der „K. Z." in dem Augenblick, wo sie dies niederschrieb und in ihr weitverbreitetes Blatt aufnahm, etwas vom Fanatismus der Albigenser Kriege und Dragonaden in sich hatte, in denen man es dem lieben Gott überließ, zwischen Schuldigen und Unschuldigen zu unterscheiden, vorerst aber beide dem Verderben überwies. Einen Beweis der Unkennntniß liefert der Artikelschreiber auch darin, daß er diese polnische» Juden immer mehr nach Westen rücken läßt. Unsers Wissens sind im Westen Deutschlands Ausweisungen russischer Unterthanen, speziell polnischer Juden, gar nicht vorgekommen, und selbst aus Berlin fanden nur wenige statt, und dies waren gerade österreichische Unterthanen. So ergeht es aber allen denen, welche auf einigen wenigen Prinzipienphrasen herumreiten und sich groß und erhaben dünken, wenn sie eine vermeintlich nationale Fahne hochtragen, ohne zu prüfen, was für schlechte ,Waare sie damit decken. Was uns an dem ganzen Vorgänge noch besonders betrübt, ist das Präjudiz, welches hierdurch für andere Staaten und spätere Zeiten geschaffen worden. Es können in allen Staaten Umstände eintreten — wir denken hierbei noch nicht an den Krieg — wo es dem jeweiligen Machthaber gefiele und nützlich erschiene, Ausweisungen im großen Maßstabe anzuordnen und zur Ausführung zu bringen. Man würde sich dann auf das gegebene Beispiel berufen können. Deutschland. Berlin, 15. Dez. (Privatrnitth.) Es hat hier einen sehr angenehmen Eindruck gemacht, daß Herr Ludwig Löwe als letzter Redner an der Bahre des seligen Straßmann in der großen Festhalle des Rathhauses sein Judenthum nicht in der Tasche behalten, sondern mannhaft dafür eingetreten ist und über Straßmann als Jude sich aussprach, nachdem v. Forckenbeck und Birchow ihn als Menschen und Bürger geschildert hatten. War es ein noch nie dagewesenes Schauspiel, einen Juden im Rathhaussaale der großen Residenz- und Hauptstadt des deutschen Reiches aufgebahrt und mit so großen Ehren wegen seiner Bürgertugenden gefeiert zu sehen: so erfreute es um so mehr, daß der jüdische Redner sich nicht scheute, diese Tugenden mit dem Religionsbekenntniß des Verstorbenen in völliger Uebereinstimmung zu zeigen und nicht zu verschweigen, wie auch diesen Tobten eine verwerfliche Agitation angegriffen und bekämpft hat, welcher er mit Ruhe und Würde gegenüber Stand hielt. Wir glauben, Herrn Löwe hierfür ganz besonderen Dank aussprechen zu dürfen, da es gar zu viele Juden giebt, welche bei solcher Gelegenheit vorziehen würden, über das religiöse