Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Zugeständniß die Forderungen des irischen Volkes immer weiter und lassen das Ende des Zerwürfnisses noch nicht erschauen. Kann man nun etwa Anderes über den confessionellen Hader aussagen, der innerhalb mehrerer Culturstaaten aufs Heftigste entbrannt ist, und der prinzipiell wie faktisch dem humanen Fortschritt so überaus nachtheilig ist? Der Kampf zwischen dem Staat und der Kirche ist in Deutschland noch nicht beendet und hat hier den Charakter des Streites zwischen Katholicismus und Protestantismus, der seit mehr als viertehalb Jahrhundert bereits andauert sehr verschärft; in Frankreich wird er noch mehr zwischen der Kirche und den Freidenkern geführt, da die eigentlichen kirchenpolitischen Verhältnisse durch das napoleonische Concordat geordnet sind, welches in seinen Grundbestimmungen anzutasten auch die Republikaner bis jetzt noch nicht gewagt haben, wenn sie es auch in Aussicht stellten. In Belgien stehen sich dieselben Parteien gegenüber, und das Volk ist so gespalten, daß es sich bei den Parlamentswahlen immer nur um eine kleine Majorität an Stimmen handelt. Endlich in England regt sich bereits der Sturm gegen die Vorrechte der anglikanischen Kirche, welche die Stellung einer Staatskirche noch heute behauptet. Und der Antisemitismus? Dieser Feind aller Humanität, dieser Gegner aller Principien des Rechtsstaates hat im verflossnen Jahre an Kraft und Bedeutung viel verloren. Die Pöbelexcesse gegen die Juden in Rußland und Ungarn haben aufgehört; die hauptsächlichsten Führer haben sich in der öffentlichen Meinung compromittirt und sind zum größten Theile vom Schauplatze verschwunden; die antisemitische Literatur ist fast gänzlich verstummt und hat ihr Interesse beim Publikum verloren. Wohl wissen wir, daß die antisemitische Gesinnung, durch jene Agitation gereizt und verstärkt, weit verbreitet ist. Freilich war sie dies zu aller Zeit, und oft genug haben wir es ausgesprochen, daß, wo man viel von Toleranz redet, diese nur wenig vorhanden ist. Aber sie trat doch nicht so unverhohlen hervor und hatte ihre Wirksamkeit auf die Masse nur schwach bewahrt. Dennoch können wir mit Fug und Recht sagen, daß der Antisemitismus als Bewegung ins Stocken gerathen und als Faktor seinen Credit verloren hat. Wir können daher hoffen, daß allmählig auch jene Gesinnung an Boden wieder verlieren werde, sobald wir Juden fortfahren, mit allen Kräften den Forderungen der Kultur, der Sittlichkeit, des bürgerlichen Lebens zu genügen und dieses Streben nach den edelsten Zielen in That, Wort und Erscheinung zu bekunden; in unsrer eignen Mitte auch die schlimmen Elemente, die sich unter uns, wie in jeder Menschenmasse finden, möglichst zu überwinden. So können wir getrost, in Zuversicht auf die schützende Gnade Gottes, in das neue bürgerliche Jahr Hineinschreiten, dem es gegeben sein wird, die Menschheit trotz aller Schwierigkeiten und Jrrthümer auf der Bahn des humanen, des religiös-sittlichen Fortschrittes weiter zu führen. Pest, 15. Dez. 1885. Moses Mendelssohn-Denkmal. „Am 4. Januar 1886 sind hundert Jahre vorüber, seit Moses Mendelssohn sein der Erforschung der Wahrheit und der Bethätigung des Guten gewidmetes Leben geendigt. Die für diesen Tag in Aussicht genommene Gedächtnißfeier hat den Wunsch hervorgerufen, dem trefflichen Manne in seiner Vaterstadt Dessau ein Denkmal zu errichten." Das schönste Denkmal, das der unsterbliche Moses Mendelssohn sich bei Lebzeiten errichtet hat, sind seine Geistesproducte, seine Schriften. Schon wenige Monate nach dem Tode Mendelssohn's beabsichtigte der als Ichthyologe bekannte M. Bloch, der mehrere Jahre seine Freundschaft genoß, eine Gesammtausgabe seiner Schriften zu veranstalten. Er gab den Plan jedoch bald wieder auf, denn die Wittwe selbst beabsichtigte die Herausgabe zu besorgen, wie aus folgendem Inserat in der „Berliner Priv. Zeitung" vom Donnerstag, d. 18. Mai 1786 hervorgeht: »Ich zeige einem resp. Publikum hiermit nachrichtlich an, daß ich einigen Freunden meines sel. Mannes sowohl die Herausgabe seiner ungedruckten als die Sammlung seiner zerstreuten, bereits gedruckten größer« und kleinern Schriften übertragen habe. Diese Freunde werden den Druck seiner sämmtlichen Werke bei den rechtmäßigen Verlegern, die zu gehöriger Zeit bekannt gemacht werden sollen, veranstalten, und begleitet von dessen Biographie von der Hand eines allgemein beliebten Schriftstellers besorgen. Berlin, April 1786. Moses Mendelssohn's Wittwe. Ob die rechtmäßigen Verleger Schwierigkeiten machten, oder ob die Freunde sich der Arbeit nicht unterziehen mochten, genug, das Unternehmen kam nicht zur Ausführung. Die erste sog. Gesammtansgabe veranstaltete ein Buchhändler und Antiquar in Ofen, Namens Burian, unter dem Titel „Moses Mendelssohn's sämmtliche Werke", welche in zwölf Bänden auf schlechtem Papier und in schlechtem Druck in Ofen (Großwardein) 1819 (1821) erschien und besonders in Galizien, wo Mendelssohn viele Verehrer und Anhänger unter den dortigen Juden hatte, Absatz fand. Zehn Jahre später erschien von dieser „Gesammtansgabe" wieder unter dem Titel „Moses Mendelssohn's sämmtliche Werke" in Rödelheim ein Nachdruck. Die äußere Aus-