Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1886)
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227611--43189-3263535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
s was ihre Sprache betrifft, nicht genügt ward, sogar feindselig sich gestaltete, suchte die preußische Regierung nach Mitteln, der Polonisirung Schranken zu setzen und den Polen die Entschiedenheit fühlbar zu machen, welche die Staatsregierung in ihrer Richtung und ihren Maßregeln hege. — Bei dem Beginn des Jahres 1885 konnten wir die Befriedigung aussprechen, daß überall ein Friedenszustand eingetreten sei: hat dieser Frieden nun durch die Ereignisse des Jahres gelitten, oder hat er sich durch sie gestärkt? Wir glauben entschieden das Letztere. Außer der Schlacht bei Navarin, ist eine Einigkeit der europäischen Mächte in der orientalischen Frage noch nie so bestimmt hervorgetreten, wie in der diesjährigen Balkanfrage, und dadurch wird auch das Berhältniß zwischen Serbien, Bulgarien und der Türkei bald geordnet sein. Nicht minder bethätigte sich diese in dem schwierigen Constikt zwischen England und Rußland an der afghanischen Grenze, der lange Zeit dunkle Gewitterwolken am politischen Himmel heraufgeführt hatte. Der reißend schnelle Vormarsch der russischen Macht in Centralasien, der Rußland bis an die Thore des englisch-indischen Reiches gebracht hat, so daß nur das schwankende Afghanistan noch zwischen ihnen liegt, muß früher oder später ein gewaltiges Ringen dieser beiden Reiche mit sich bringen; aber er ist gegenwärtig noch vertagt und der Zukunft Vorbehalten. Man geht wohl nicht fehl, wenn man dieser schnellen Ausdehnung der russischen Herrschaft über Mittelasien, die so große Anstrengungen zu ihrer Befestigung und Nutzbarmachung erfordert, die Zurückhaltung zuschreibt, welche Rußland in der gegenwärtigen Balkanfrage nur in Uebereinstimmung mit den übrigen Mächten Vorgehen läßt. Ein höherer Gesichtspunkt läßt uns jedoch über diesen Friedenszustand hinwegsehcn und wirft die Frage auf: ob durch diese mannigfaltigen Ereignisse die Humanität gefördert und die Menschheit in humanitärer Beziehung weiter geführt worden? Wir glauben dies nicht. Das Wachsthum solcher Parteien, welche bis jetzt in der Minorität gewesen, verschärft den Gegensatz und den Kampf der Parteien, weil eben die widerstrebenden Kräfte sich steigern; solche Kämpfe aber führen wohl mit der Zeit festere Resultate herbei, aber der Kampf selbst und die Verschärfung der Extreme sind dem humanen Geiste und der allgemeinen Herrschaft der Humanität nachtheilig, die dadurch ans dem öffentlichen Leben verdrängt und von den Parteigängern sogar verhöhnt wird. Nicht minder läßt sich dies von den Ausweisungen aus Preußen sagen. Wir fühlen uns nicht berufen, hier die Motive der preußischen Staatsregierung zu kritisiren und die Frage zu erörtern, ob die getroffenen Maßnahmen dem von ihr angegebenen Zwecke entsprechen. Aber die Härte dieser Maßnahmen, welche so viele, durch nichts compromittirte Existenzen aufs tiefste erschüttert, läßt sich nicht verleugnen, und konnte nicht derselbe Zweck durch die zukünftige Zurückweisung aller solcher Einwanderungen erreicht werden? Was das Schlimmste dabei ist: es wird dadurch ein Präjudiz geschaffen, eine völkerrechtliche Gewohnheit, welche im weiteren Verlaufe der Zeiten schwere Calamitäten verursachen kann. Für jetzt haben sich die russische und die österreichische Staatsregierung gegen die preußische Maßnahme ruhig verhalten, als ob eine gewisse Uebereinstimmung unter den bez. Regierungen vorhanden sei. Aber gerade hierin liegt die Gefahr, weil hiermit stillschweigend anerkannt ist, um unter Umständen ähnliche Maßnahmen zu treffen. Doch dies gehört der Zukunft au. Wir haben nur das Unglück zu beklagen, das mit Einem Male so viele, keiner Schuldbarkeit bezichtigte Menschen betroffen hat und trifft. — Jndeß auf einem anderen Gebiete gestalten sich die Dinge in humanerem Geiste, wir meinen das soziale. In den Anstrengungen, welche die Sozialisten machen, um Vertreter ihrer Partei in die Parlamente zu bringen und hier Antheil an der gesetzgeberischen Thätigkeit zu nehmen, liegt ein großer Fortschritt, der dieser Partei den revolutionären Charakter immer mehr nehmen muß. Ist doch schon jetzt die Folge davou, daß sich eine Spaltung unter den Sozialdemokraten nach dieser Richtung hin vollzieht. Auch bei den Neuwahlen in England hat die Arbeiterpartei mehrere Sitze gewonnen. Die verhältnißmäßig kleine Zahl von Vertretern, welche die Sozialisten bis jetzt gewonnen haben, beweist übrigens, daß ihre Stärke, der organisirten Gesellschaft gegenüber, doch nur eine schwache ist. Bemerkenswerth ist dabei, daß gerade in dem Lande, wo der Sozialismus geboren worden und so blutige Kämpfe (1848 und 1871) hervorgerufen, jetzt die sozialistische Bewegung alle Bedeutung verloren hat. Andrerseits sind die sozialpolitischen Bestrebungen, namentlich der deutschen Gesetzgebung, ein großer Fortschritt im Dienste der Humanität und zur Lösung der sozialen Probleme. Die Krankenkassen, die Unfallversicherung, die Sonntagsruhe, der Schutz der Frauen und Kinder in Bezug auf die Fabrikarbeit sind wesentliche Etappen zu dem schönen Ziele sozialer Ausgleichungen. — Dennoch steht diesen humanen Erscheinungen eine andere gegenüber, welche keine Befriedigung verschafft, das ist der Kampf der Nationalitäten, der an Schärfe eher gewonnen, als abgenommen hat. Ueberall stehen die slavischen Stämme den germanischen feindlich gegenüber. Wir brauchen nur auf die Kämpfe der Czechcn gegen die Deutschen, auf die Vorgänge in den baltischen Provinzen hinzuweisen. Daß die Franzosen in der Heftigkeit ihres Deutschenhasses nicht nachgelassen, bekundet eine Menge einzelner Thatsachen. Ebenso tief gewurzelt ist die feindselige Gesinnung der Irländer gegen die Engländer, und obschon die Letzteren sich endlich bemühen, den den Irländern zugefügten Unbillen die Spitze abzubrechen und die Zustände dort erträglicher zu machen, so gehen natürlich mit jedem