Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1869)
- Date
- 1869-12-28
- Page
- Seite 1051 (sequence 15)
- Language
- German
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Die Industrie, die Quelle der Toleranz. Es giebt noch immer vorurtheilsvolle Menschen, welche behaupten, daß der Krieg ein nothwendiges Uebel auf der Erde sei, wie etwa Sturm und Blitz, und seine unentbehrlichen wohlthätigen Folgen habe. Nun gibt es zwar nichts auf Erden, was nicht seine Vortheile, und nichts, was nicht seine Nachtheile mit sich brächte — aber bei vielen Dingen ist doch das Maß des Nutzens oder des Schadens so überwiegend, daß das Gegentheil davor verschwindet. Die traurigen Wirkungen der Kriege waren von jeher nicht blos der Tod und die Verstümmlung so vieler Menschen, die Zerstörung so manigfachen Eigenthums, als vielmehr die brutale Herrschaft einer Zahl Menschen über zahllose andere, die Knechtschaft und das Sklaventhum, die durch sie geschaffen wurden, der Begriff der Ausschließlichkeit und Bevorratung, den das Schwert erzeugte und dem sich auch nach anderen Beziehungen, z. B. jedem hierarchischen Aberglauben, das Schwert zu Gebote stellte. Hier bereitete der Krieg eine so unermeßliche Quelle des Elends und der Thränen, daß seine Abscheulichkeit nicht genügend gebrandmarkt werden kann, und doch ist gerade diese Seite des Krieges noch nicht genügend hervorgehoben worden. Hingegen hat man bereits offen anerkannt, daß Handel und commerzielle Industrie die ersten Urheber der Duldsamkeit, der Gleichachtung der Menschen, die Vermittler aller Racen und Völker sind. Sie stoßen die Vorurtheile nach und nach ab, sie lehren aus einem ganz anderen Gesichtspunkte achten und verachten, wie die Gewalt und selbst die Wissenschaft. Sie führen den Verkehr unter allen Ständen, Nationen und Religionen ein, und lernen zu viele Mannigfaltigkeiten der menschlichen Zustände kennen, um nicht tolerant gegen Alle zu werden. Der Landbau läßt sich hiermit nicht vergleichender macht aristokratisch gesinnt, verengt den Gesichtskreis auf die Scholle und das Weichbild und hegt und pflegt die Vorurtheile, die einmal vorhanden sind. Es versteht sich, daß Handel und Industrie erst allmälig zu dieser Toleranz gelangen, und diese ihre Wirkung nur nach und nach durchzusetzen vermögen. Wenn daher die Juden seit so vielen Jahrhunderten, freilich gezwungen, den Handel ausschließlich betrieben uud während einer Periode des Mittelalters die alleinigen Träger des Handels waren, so hat sich derselbe für sie auch darin dankbar bewiesen, daß er die Wege der Toleranz ebnete. Lecky in seiner „Geschichte der Aufklärung in Europa" spricht sich ausführlich über diesen Punkt aus, und wollen wir hier Einiges aus seiner Erörterung Herstellen. Nachdem er eingehend die Verfolgungen, welchen die Juden ausgesetzt waren, geschildert, fährt er fort: „Gewiß erblaßt der Heroismus der Vertheidiger jedes andern Glaubens in Nichts vor diesem Märtyrervolk, das dreizehn Jahrhunderte lang allen den Leiden die Stirn bot, welche der wildeste Fanatismus erdenken konnte, das lieber Schmach, Beraubung, Verletzung der theuersten Bande und die Auferlegung der schrecklichsten Qualen erduldete, als seinen Glauben verließ. Denn die Juden waren keine asketffchen Mönche, abgestorben allen Hoffnungen und Leidenschaften des Lebens, sondern Menschen, welche die weltlichen Vortheile, die sie aufgaben, in hohem Grade würdigten, und deren Liebe dafür, wegen des engen Kreises, auf welchen sie beschränkt waren, um so lebhafter geworden war. Enthusiasmus und die sonderbaren Erscheinungen von Extase, welche ihren so großen Einfluß in der Geschichte der Verfolgung geltend gemacht, welche so viele Märtyrer mit übermens '-üchern Muth gestählt und die Angst vor so vielen Toumren gescheucht oder vernichtet haben, waren hier fast unbekannt. Die Verfolgung kam über die Juden in den schrecklichsten Formen, doch umgeben von jeder Art kleinlicher Quälerei, die ihr das Großartige nahm, und so blieb sie Jahrhunderte lang ihr dauerndes Theil. Aber trotz all dem schwang sich der Geist dieses wunderbaren Volkes empor. Während die Menschen um sie her in Finsterniß und bethörter Unwissenheit herumkrochen, während täuschende Wunder und lügenhafte Reliquien die Themata waren, über die fast ganz Europa verhandelte, während der Geist des Christenthums, im Joche von grenzenlosem Aberglauben, in eine Todesstarre versunken war, und alle Liebe zur Untersuchung und alles Forschen nach Wahrheit aufgegeben war, beharrten die Juden auf dem Pfade des Wissens, Kenntnisse sammelnd und den Fortschritt mit derselben unerschrockenen Ausdauer anspornend, die sie in ihrem Glauben an den Tag gelegt hatten. Sie waren die geschicktesten Aerzte, die befähigtesten Finanziers und zählten zu den tiefsten Philosophen, während sie nur in Pflege der Naturwissenschaften den Mauren nachstauden. Sie waren auch die Hauptdolmetscher der arabischen Wissenschaft für Westeuropa. Aber der wichtigste Dienst, den sie der Welt geleistet haben, und der uns hier ganz besonders beschäftigt, ist die Wachhaltung kaufmännischer Thätigkeit, deren Vertreter sie fast allein für Jahrhunderte waren. Durch Reisen von Land zu Land mit den Bedürfnissen und Erzeugnissen jedes einzelnen bekannt geworden, durch die Praxis des Geldleihens in großem Maßstabe und mit vollendeter Geschicklichkeit, durch Aufrechthalten eines andauernden, geheimen Briefverkehrs und Organisirung eines damals in Europa beispiellosen Wechselsystems, gelang es den Juden, sich der Christenheit unentbehrlich zu machen, bedeutenden Reichthum zu sammeln und in mitten ihrer Leiden einen mächtigen Einfluß zu erlangen. Als die italienischen Freistaaten zur Macht ewporstiegen, wurden sie bald die Mittelpunkte, wohin die Juden zuströmten, und unter den kaufmännischen Regierungen von Livorno, Venedig, Pisa unv Genua wurde ein Grad von Duldsamkeit gehandhabt, der allerdings weit von Vollkommenheit, aber mindestens unermeßlich größer war, als irgend wo sonst. Die Juden waren vor Beleidigungen geschützt, sie konnten ärztliche Praxis und Geldgeschäfte unbehelligt betreiben, und die