Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1869)
- Date
- 1869-12-28
- Page
- Seite 1052 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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1052 öffentliche Meinung sowohl, als die Gesetzgebung blickte auf sie mit Duldung. Die Toleranz, welche die commerziellen Klassen gegen die Juden vor der Reformation an den Tag legten, entfaltete sich mit gleicher Klarheit gegen Katholiken und Protestanten in den Kämpfen, die ihr folgten. Nächst den zwei von mir bereits angeführten Gründen gab es noch zwei Ursachen, welche mitwirkten, diese Richtung zu unterstützen. Erstens ist der industrielle Charakter überaus praktisch. Die ihm zu Grunde liegende Geistesrichtung führt die Menschen dahin, sich sehr wenig um Principien und sehr viel um Erfolge zu kümmern, und diese Richtung hat wenigstens eine Tendenz, auf das theologische Urtheil einzuwirken. Zweitens haben sich Religionskriege und Verfolgungen immer als nachtheilig für die Industrie erwiesen. Die Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien und der Hugenotten aus Frankreich waren wohl die härtesten Schläge, die jemals gegen die Industrie jedes dieser Länder geführt wurden, während die Völker, die bei diesen oder ähnlichen Gelegenheiten klug genug waren, die Flüchtlinge aufzunehmen, einen sofortigen und ungeheueren Vortheil gewannen. Das commerzielle Genie der jüdischen Verbannten war eines der Elemente in der Entwicklung von Livorno, Pisa und Ancona. Amsterdam verdankt einen sehr großen Theil seines Wohlstandes dem Zusammenfluß der Ketzer, die aus Brügge und der Umgegend vertrieben worden waren. Die Leinenmanufactur Hollands, ebenso wie viele Zweige der englischen Industrie winden durch die Geschicklichkeit und das Kapital der französischen Flüchtlinge stark angeregt. Der ^.auzösische Handel erhielt durch die guten Beziehungen, welche Franz I. mit den Türken begründet hatte, einen mächtigen und nachhaltigen Antrieb. Es war daher nicht überraschend, daß Amsterdam, und in einem mindern Grade die anderen Mittelpunkte des commerziellen Lebens, seit einer frühen Zeit wegen ihrer Toleranz berühmt waren, oder daß die Verbreitung des industriellen Geistes überall den Weg für die Begründung der religiösen Freiheit vorbereitete." Vermischtes. Arroganz in den ist atu rm isscusch alte n. Eine gewisse Klasse von Naturforschern, die sich, gleich den Fanatikern aller Zeiten, in den Fanatismus ihrer Doctrin verloren haben, geht jetzt über alles Maß so hinaus, daß jeder redliche und unparteiische Forscher darüber erröthen müßte. Jüngst sprach Prof. V i r ch o w in seiner Rede zur Eröffnung der Humboldts-Volksbildungsanstalt in Breslau den Satz aus: es wird eine Zeit kommen, wo die Naturforscher Alles ergründet haben und Alles erklären können werden. Man muß gestehen, daß die Zeit seit dem großen Haller sehr weit vorgeschritten ist! Jndeß wundert uns dieser Ausspruch in dem Munde Virchow's dennoch. In einem Briefe Carl Vogts an A. Stahr, den die „Neue freie Presse" in ihrem Feuilleton bringt, sagt Ersterer, daß der Mensch dahin gelangt sei, ein viel besseres Auge machen zu können, als die Natur gethan. In dem Munde Carl Vogt's wunderte uns dieser Ausspruch gar nicht. Wir legen auf dergleichen Expectorationen der unwissenschaftlichsten Art ebensowenig Gewicht, wie die wahren Männer der Fachwissenschaft es thnn. Das Schlimme ist aber, daß dergleichen schimmernde Sentenzen eine Menge Menschen, denen die richtige Beurtheilung fehlt, blenden, unv daß andererseits dergleichen Extravaganzen den Dunkelmännern den besten Stoff' abgeben, in einer anderen Menge nrtheilsloser -Menschen die Wissenschaft zu verdächtigen. Bei Carl Vogt ist die Gefahr nun nicht sehr groß, denn er ist seiner so wenig mächtig, daß er immerfort in das fadeste und aberwitzigste Zeug verfällt, wie der Fortgang des citirten Brieses hinlänglich beweist. Er sagt z. B.: „Ich bin schon längst zu der Ueberzeugung gekommen, daß im Gehirne, ähnlich wie in den Gebirgen, Verwerfungsspalten existiren, meist in der Jugend durch das Messer der Schulmeister und sogenannter Erzieher erzeugt, welche dem regelmäßigen Fortgange der Schlußfolgerungen ein gebieterisches Halt zurufen. Diese Verwerfungsspalten mögen in einzelnen Gehirnen häufiger, in anderen seltener sein; sie existiren wohl in allen. Bis zu ihnen geht Alles glatt; jenseits der Kluft fängt ein neues Gebiet an, das mit dem anderen keinen Zusammenhang hat." Nun, in dein Gehirne des Herrn Vogt muß es viele solcher Schluchten und Klüfte geben, welche den Zusammenhang und die logische Folge der Gedanken sehr unterbrechen. Denn schließlich ist ihm der Geist des Menschen doch vervollkommnungsfähig, und er spricht von einer Gedankenströmung, die „in der Luft liegt," die also besteht, ohne in dem einzelnen Gehirne Ursprung und Sitz zu haben. Eben solche Sprünge macht Herr Bogt, indem er die Bibel sagen läßt, was sie nicht sagt und nun gegen sie polemisirt, und zwar in Ausdrücken, die den Mann kennzeichnen. In der Bibel steht nirgends, daß Thiere und Pflanzen nur um des Menschen willen da seien, sondern nur, daß der Mensch die Fähigkeit hat, sie zu seinem Nutzen zu verwenden. Dasselbe sagt Herr Vogt auch, denn er bezeichnet den Menschen als die „höchste Formerscheinung". Und wenn es Herr Vogt nicht sagte? Doch wir wollen nicht gegen diese Herren polemisire», sondern nur zeigen, wie sie dahin gelangen, womit sie so gern ihre Gegner bezeichnen — zum „Aberwitz". Verlag von Baumgärtners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Ldi». H. Lotze.