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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-28 · Heft 52 (28.12.1869) · p. Seite 1040

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 52 (28.12.1869)
Date
1869-12-28
Page
Seite 1040 (sequence 4)
Language
German
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1040 phie bemächtigen will, wie ehemals die Philosophie der Naturwissenschaft, die daher als Naturwissenschaft ebenso über ihr Gebiet hinausgeht und sich dadurch als Wissenschaft verliert, wie es ehemals die Philosophie für sich gethan, treibt zu einem so schnöden Materialismus und zu einer so blödsinnigen Selbstvergötterung, welche mi der linken Hand nach dem Affen, mit der rechten nach Gott greift, um sich mit beiden zu identisiciren, daß sie vom dunkelsten Aberglauben und dessen Fanatismus nicht mehr weit entfernt ist. Aber gerage die aufregenden und unumwundenen Schritte der Ultramontanen, der Abwurf jedes Schleiers von ihren Absichten treibt eine große Masse oberflächlich denkender Menschen in die Arme dieses Gegensatzes. Und da zugleich in solchen Kämpfen niemals der sittliche Werth der Mittel beachtet, und Lug und Gewaltthätigkeit, Verleumdung und Verfolgung nicht gescheut werden, so ist es klar, wie sehr die Religion darunter leidet. Und wie sieht es unterdeß im Judenthume aus? Man könnte sich versucht fühlen zu sagen: in allen Stücken ziemlich das Gegentheil. Hier ist es gerade die Partei, welche das Judenthum seines mittelalterlichen Gewandes zu entkleiden, die großen mit der Vernunft und dem Herzen des Menschen, so wie mit der Entwickelung der Menschheit übereinstimmenden Prinzipien seines Lehr- und Gesetzinhaltes von Neuem ans Licht zu schaffen und so die überlieferte Religion mit dem menschengeschlechtlichen Eulturleben in Einklang zu bringen sucht, gerade diese ist es, welche sich ostensibel macht und nachdrücklich in die Erscheinung tritt. Dennoch aber weniger ein extremer und radikaler Theil dieser Partei, als vielmehr der ruhig fortschreitende und die historische Basis nicht verlassende. Was man auch von dem ungarisch-jüdischen Congresse aussagt, er gehörte in seiner Majorität dieser Partei an. Die Rabbinerversammlung zu Cassel, die erste Synode in Leipzig in gleicher Weise. Die Conferenz in Philadelphia ging zwar theoretisch weiter, kann aber praktisch keinen Einfluß üben, während die großen und viele mittlere und kleinere Gemeinden von den Ideen der erstgenannten geleitet und ihre Institute von ihnen durchdrungen werden. Ihnen gegenüber besteht zwar die orthodoxe Partei in mehrfachen Nüanciruugen, aber nur eine derselben ist regsam, manifestirt sich und strebt nach der Beherrschung selbst nur einer kleinen Fraclion, will auch, wenn man ein Mehreres nicht erlangen kann, einen Bruch mit dem großen Ganzen, in der Hoffnung, durch solche Entscheidung viele Splitter der in der Mitte schwankenden Menge zu sich herüberzuziehen. Es ist offenbar, daß diese modern-orthodoxe Partei gern eine ecelesia militans nach dem Muster der Ultramontanen bilden möchte, und auch sie scheut sich nicht, damit offen hervorzutreten. So lange die Reaktion herrschte, gelang es ihr manchmal, den weltlichen Arm für sich zu gewinnen. Aber dies hatte keine Dauer, und so bleibt ihr nichts als der Gebrauch jener Mittelchen der Jntriguen innerhalb der Gemeinden und der lügnerischen Verleumdung gegen Alles, was nicht mit ihr ist. Während also der christliche Ultramontanismus Alles in Anspruch nimmt, die Kirche, oen Staat, die Christenheit, den ganzen Erdball, begnügt sich im Gegentheil der jüdische, von den constituirten Gemeinden Stücke abzureißen und sich unterthan zu machen. Während nun jene Kämpfe die christliche Welt von Grund aus aufregen, die verschiedensten und entgegengesetztesten Meinungen zum Streit und Widerstreit heraustreten lassen, und hierdurch jedenfalls ein mächtiges Leben geweckt wird, machen diese jüdischen Kämpfe nur hie und da die Oberfläche kräuseln, das Ganze ist ruhig und liegt spiegelglatt unter der Windstille da. Der Jndisferentismus macht immer weitere Fortschritte, namentlich im jüngeren Geschlecht, und wird von einer nicht zu verkennenden Sterilität der Führer unterstützt. Bon Zeit zu Zeit wird das allgemeine Interesse durch irgend eine Verfolgung in den Ostländern oder durch eine außergewöhnliche Nothsache elektrisch erregt, und äußert sich dann in wirksamer Weise. Sobald es aber gilt, ein allgemeines und gemeinnütziges Werk von dauernden und darum langsam zu erwirkenden Folgen zu schaffen, hält dieses Interesse nicht aus, und der elektrische Funke verschwindet. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß, wenn nicht der jüdische Geist, doch das jüdische Herz arbeitet und eine ansehnliche Menge von einzelnen Instituten hervorbringt. Sie sind aber lokaler Natur und zumeist das Schaffniß von Individuen. Dies ist es, was uns der Einblick in den Moment zeigt. Es kann nur ermuntern, im Geiste der Religion, der Bildung, des Menschenwohls und für Recht und Wahrheit weiter zu streben und der höchst interessanten Entwickelung zu folgen, welche alle Dinge sichtbar in unsrer Zeit nehmen*). *) Mangel an Raum nöthigt uns, die Fortsetzung der Artikel über die Beschneidung u. a. Mittheilungen auf die ersten Nrn. des neuen Jahrgangs zu verschieben. Die Redaction.

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