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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-28 · Heft 52 (28.12.1869) · p. Seite 1039

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 52 (28.12.1869)
Date
1869-12-28
Page
Seite 1039 (sequence 3)
Language
German
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1039 Reelles und Berechtigtes in den Forderungen der Arbeiter liegt, eine Ausgleichung in den Arbeitslöhnen mit den Werthpreisen und den gestiegenen Bedürfnissen, eine freiere Bewegung auch für sie und fürsorgliche Veranstaltungen für ihre Kranken, Invaliden und für ihre Ersparnisse, dies wird mehr und mehr erreicht werden; alles Andere ist Hirngespinst, das die Arbeiter selbst mit der Zeit völlig zurückweisenwerden. Sehr solide und hartnäckig ist dagegen das Ringen des Parlamentarismus mit dem Absolutismus. Der letztere stützt sich vorzugsweise auf den Militarismus, theils indem er die militärischen Kräfte für seine Herrschaft im Staate, theils indem er sie nach Außen hin verwendet, die Staaten gegen einander in Spannung erhält und so seine stehenden Heere den Völkern als nothwendtg iusinuirt. Deshalb versuchte der Absolutismus es noch einmal mit dem Cäsarismus, d. h. mit der, von scheinbaren constitutio» nellen Formen umgebenen absoluten Herrschaft oder persönlichem Regiment. Allein die innere Entwickelung der Völker ist ihm dennoch überlegen, und vermag wie schmelzendes Eis steinerne Gefäße und eiserne Bande zu sprengen. Dies beweisen im Momente Frankreich und Oesterreich. Der französische Cäsar hat bereits diese Gewalt anerkannt, und wird, wie von seinem Briefe vom 19. Januar zu dem letzten Senatusconsultus, so von diesem zu immer weiteren Concessionen nach dem parlamentarischen Regiment hin gezwungen sein. In Oesterreich aber macht sich der Nationalitätendrang immer fühlbarer und wie dieser den Absolutismus zum Dualismus zwang, zum Ausgleich und zu den jetzigen cis- und transleithanischen Verfassungen, so drängt er jetzt zum Föderalismus hin, jedenfalls den Absolutismus trotz des großen Heeres unmöglich machend. Noch viel lebhafter geht es auf dem religiösen Gebiete zu, oder sagen wir vielmehr auf dem kirchlichen. Der Ultramontanismus und der Pietismus haben hier in unumwundener Weise ihr Haupt erhoben, treten in sichtbarer Gestalt vor die Welt, stellen ohne Hehl ihre Forderungen, sammeln ihre Schaaren um sich und erklären allen anderen Richtungen, Allem, was nicht mit ihnen ist, den Krieg auf Tod und Leben. In der katholischen Kirche will man nicht allein zur mittelalterlichen Herrschaft zurückkehren, sondern noch über sie hinaus, und was an der Obmacht des päpstlichen Stuhles im Mittelalter noch bestritten wurde, das soll jetzt zur unbestrittenen und unbestreitbaren Potenz gelangen. Die protestantische Geistlichkeit ist jetzt mit geringer Ausnahme in allen Ländern von der strengsten pietistischen Farbe. In der katholischen Kirche bringt man als kirchliche Glaubenssätze die „unbefleckte Empfängniß" und die „leibliche Himmelfahrt" Mariä auf, und will die Unfehlbarkeit des Papstes zum Dogma machen. Dies greift über das kirchlichliche Gebiet in die staatliche und gesellschaftliche Welt hinein, denn mit dieser päpstlichen Unfehlbarkeit ist die Erklärung aller Prinzipien des Rechtsstaates, aller gesellschaftlichen Freiheiten als Jrrthümer und Erzeugnisse des Teufels verbunden. Zwar ähnliche Schritte der protestantischen Geistlichkeit, wie Knak's Erklärung über die Unbeweglichkeit der Erde, sind unschädlicher vermöge der Stellung jener; aber dafür sucht sie nicht weniger die Herrschaft über die Schule, also die Volksbildung und den Einfluß auf die staatlichen Verhältnisse auf administrativem Wege zu erlangen, und das ist wahrlich von großer Tragweite. Was das zu Rom versammelte Concil auf katholischer Seite, das suchen die evangelischen Synoden für die protestantische Welt zu schaffen. Allerdings rufen diese Demonstrationen den Kampf hervor. Wir legen kein großes Gewicht auf einige Kundgebungen aus dem protestantischen Lager gegen das Conzil, daß z. B. eine Versammlung anglikanischer Geistlichen in London die Resolution gefaßt, alle protestantischen Kirchen zu einer Vereinigung gegen den Katholizismus aufzurnfen, oder die Erklärung der hannoverschen Synode, daß der Titel ökumenisches Concil eine unberechtigte Anmaßung sei — im Grunde stehen sich beide Parteien sehr nahe und sind nur die beiden Flügelseiten eines und desselben Körpers. Viel wichtiger ist es, daß in den meisten katholischen Staaten das Volk in seiner Masse durchaus antiklerikal ist; wir heben nur Spanien Und Italien hervor, in welchem letzteren Lande die Regierung nur mit großer Anstrengung die Bolksdemonstrationen gegen das Concil unterdrückt hat, so wie in Rom selbst das Volk dem Concil völlig gleichgültig zusieht und die reichen russischen und englischen Fremden viel lieber hätte. Noch weniger aber ist das Volk für die protestantischen Klerikalen eingenommen, und es ist eben nur die ministerielle Allmacht, welche jene stützt. Am meisten leidet unter allen diesen Vorgängen — die Religion. Es ist nichts natürlicher, als daß diese mit der Kirche verwechselt und der Anti- und Jrreligiösität auf diesem Wege Thür und Thor geöffnet wird. Jene historisirende und philosophirende Naturwissenschaft, oder sagen wir besser jene Verwirrung der Naturwissenschaft. welche sich der Philoso- 52*

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