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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-28 · Heft 52 (28.12.1869) · p. Seite 1038

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 52 (28.12.1869)
Date
1869-12-28
Page
Seite 1038 (sequence 2)
Language
German
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1038 große Fülle ist. Ziehen wir daher den gegenwärtigen Moment in einige Betrachtung. Man hat, und auch wir haben jene beiden Vorgänge als die größten Ereignisse unseres Jahrhunderts hervorgehoben: die Aufhebung der Sklaverei in Amerika und der Leibeigenschaft in Rußland. Aber es giebt noch ein Drittes, das zwar prinzipiell nicht so groß, aber in seiner Natur und Wirksamkeit noch größer und bedeutungsvoller ist. Was wir meinen, wird gleich deutlich werden. Man hat einen Schienenweg mehrere tausend Meilen von New-Uork nach San Francisco gelegt, und dadurch die beiden Weltmeere mit einander verbunden. Man hat auch die, Afrika und Asien verbindende Landenge von Suez durchstochen, und so abermals zwei für die Schifffahrt außerordentlich bedeutende Meere in unmittelbare Verbindung gebracht. Zwei Wunderwerke menschlicher Combination, Thätigkeit und Ausdauer. Aber sie sind doch nur die äußerlichen Mittel zu einer ungeheuren, nie dagewesenen Erscheinung. Es sind erst wenige Wochen, seitdem die Einweihung des Suezcanals europäische Fürsten und Stellvertreter derselben bei dem Khedive von Aegypten vereinigte; mohammedanische und christliche Geistliche gaben der Eröffnung Dieser neuen Wasserstraße die Weihe; die europäische Cultur hatte dazu ihre Bauten, Einrichtungen und Feste an die Küste des rothen Meeres verpflanzt. Aber ein noch viel merkwürdigeres Begegniß fand in der letzten Woche statt. Im preußischen Parlamente wurde eine Finanzfrage von großer Tragweite verhandelt. Während der Sitzung erschienen in der diplomatischen Loge in ihrem vollen Staate die chinesischen Gesandten, die sich jetzt in Berlin aufhalten. Wie? Ein preußisches Parlament? Wer hätte in unsrer Jugend nur den Gedanken gefaßt, daß ein preußisches Parlament existiren werde? Hätte nicht der für einen Träumer gegolten, der es auch in den dreißiger Jahren als sicher vorhergesagt? Jeder, der die Unnahbarkeit der preußischen Bureaukratie, die Abgeschlossenheit und den Stolz der preußischen Staatsregierung in allen Instanzen damals gekannt, hätte es für unmöglich gehalten, wenigstens ohne daß ein furchtbarer Umsturz, eine gewaltsame Zerstörung vorangegangen wäre. Aber noch viel mehr: eine chinesische Gesandtschaft in einer Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses! Wer hätte in unsrer Jugend einen solchen Gedanken gefaßt, wer es für möglich gehalten, der aus seiner Geographie die unüberwindliche Abgeschlossenheit des himmlischen Reiches, die Unnahbarkeit seiner Städte und Gebiete kennen gelernt! Der Tod ging über dem Ausländer, der die chinesische Grenze überschritt, und über dem Chinesen, der die Grenzen seines Chinas verlassen. Jetzt schaukeln sich zahllose europäische und amerikanische Schiffe in den Mündungen aller chinesischen Ströme, europäische und amerikanische Gesandte residiren in Peking; hunderttausende von Chinesen wandern nach Californien und Australien aus; Handels- und Freundschaftsverträge sind zwischen China, den europäischen Staaten und Amerika abgeschlossen, und der chinesische Kaiser, wie auch das japanesische Staatsoberhaupt, sendet Gesandte an die europäischen Höfe ab. Chinesische Gesandte im preußischen Abgevrdnetenhause sind heute noch etwas Neues, Curioses — bald nicht mehr. Aber nein, Leser, Ihr so wenig wie Schreiber dieses, haltet dies für eine Curiosität, sondern für eine außerordentliche Erscheinung und Tragweite. Alles, was wir eben ausgeführt, sind nur Symptome jenes großen Dritten, das wir der Aufhebung der Sklaverei und Leibeigenschaft an die Seite gestellt und diese noch überragend erachtet haben. Wir meinen die sich immer.mehr erfüllende Verbindung der ganzen Menschenfamilie, die immer enger und enger sich gestaltet und wie nach einem natürlichen Gesetze Glied nach Glied auch aus der entlegensten Ferne an sich zieht und in welcher bald Nichts mehr fern und entlegen ist. Das ist ein unermeßliches Moment, das in dem augenblicklichen Momente der Zeit so recht zum Ausdruck koimnt. Die Bedeutung und Folgen wollen wir heute nicht weiter erörtern. Wie aber extensiv, so geht die Arbeit des Menschengeistes auch intensiv ununterbrochen fort, und wenn sie auch eine Zeit lang auf der Oberfläche zu ruhen scheint, so bereiten sich in der Tiefe die Ereignisse um so sicherer vor. Die politische Welt Europa's wird gegenwärtig durch drei Parteien und deren Kampf bewegt: die absolutistische, welche mehr oder weniger sich mit der feudalen Reaktion verquickt hat, die parlamentarische, sei sie zugleich monarchisch oder republikanisch nüancirt, und die socialistische. Die beiden ersten kämpfen gegen und für die Verwirklichung der freiheitlichen Prinzipien des modernen Rechtsstaates; die letztere aber nimmt die Verbesserung der sogenannten arbeitenden Klassen zum Vorwand, um eine völlige Umkehr der Besitz- und Eigenthums-Berhältnisse und damit des ganzen socialen Zustandes der Gesellschaft zu erwirken. Von der letzteren kann man aber dreist behaupten, daß sie zwar Lärm macht, aber weder Boden, noch Zukunft hat. Was

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