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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-21 · Heft 51 (21.12.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 51 (21.12.1869)
Date
1869-12-21
Page
[Seite] (sequence 27)
Language
German
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trächtigung und Nichtgleichstellung der Juden, glaube ich, da wird nur die öffentliche Meinung vollständig verwirrt. Man muß nur die Fälle praktisch sich hinstellen, dann wird man bald das finden, daß es richtig ist, was der Berliner sagt: es ginge wohl, aber es geht nicht! (Große Heiterkeit. Bravo! rechts.) Abgeordneter Dr. Wehrenpfennig: Meine Herren, ich werde dem Abgeordneten Wantrup nur wenige Worte erwidern. An der hiesigen Kriegsakademie befindet sich ein Professor, ein Jude, der mit dem ausgezeichnetsten Erfolge bei den jungen Militärs philosophische Vorlesungen hält und von allen in hohem Maße geschätzt wird. (Hört! hört! links.) Die preußischen Militärbehörden sind also Gott sei Dank nicht in der Engherzigkeit befangen, wie Herr Wantrup und sein Chef. Ich bemerke außerdem, daß seitdem Scharnhorst unsere Wehrverfassung begründet hat, man in unsrer Armee nicht mehr gefragt hat, ob Jemand dieser oder jener Konfession angehöre. (Widerspruch rechts.) Auf den Schlachtfeldern von 1813 haben sich auch preußische Bürger jüdischen Glaubens das eiserne Kreuz erworben, und als ich in diesem Sommer nach Baiern kam und das Schlachtfeld von Kissingen besuchte, da habe ich neben den Denkmälern der anderen Preußischen Offiziere auch das Denkmal eines gefallenen Preußischen Offiziers jüdischer Konfession gefunden, und meine Herren, ich habe vor diesem Grabe mit derselben Bewegung meines Herzens gestanden, wie vor den andern. Meine Herren, der Herr Kultusminister wundert sich darüber, daß bei diesem Etat immer wieder Fragen vorkämen, welche hinausgehen über die Etatsgrenzen. Ja ich bedaure das auch, ich sage aber: in dem menschlichen Gemüth giebt es etwas von Empfindung, von Erregung und von Entrüstung, (Oho! rechts.) und wenn wir Antworten bekommen, worin die Worte: Gerechtigkeit und Gleichheit so ausgelegt werden, wie sie hier ausgelegt sind, dann hat es mit unserer Geduld ein Ende. (Sehr richtig! links. Unruhe rechts.) Was hat der Herr Kultusminister gesagt? er sagt: weine Devise ist Recht und Gleichheit — und wie fährt er dann fort? — er sagt: diese Gleichheit ist für den Juden nur persönlich, — wenn er aber angestellt werden will an unseren Lehranstalten, die ich für christliche Anstalten durch allerlei Statuten erklärt habe, dann hört die Gleichheit auf. Meine Herren, das ist jenes System der Sophistik, welches so aufregen muß, daß Sie sich nicht wundern können, wenn wir beim Etat die Debatte jedesmal von Neuem anfangen. (Sehr richtig! links.) Was steht in unserem Landrecht, der einzigen grundgesetzlichen Norm, die wir haben, über unser Schulwesen? Im Landrecht heißt es: „Zwölfter Titel, von nieoeren und höheren Schulen", im ersten Paragraph: Schulen und Universitäten sind Veran staktung e n des Staates, welche den Unterricht der Jugend in nützlichen Kenntnissen und Wissenschaften zur Absicht haben. Da steht nicht: den Unterricht der „katholischen" oder der „jüdischen" Jugend, sondern unserer, der Preußischen Jugend; da steht nicht: „die höheren Schulen sind Veran-- staltungen dieser oder jener Konfession", sondern des Staates für alle seine Bürger. Meine Herren, wie steht es denn nun faktisch? Wie viele sind denn von den höheren Lehranstalten, die bezahlt werden vom Staate? Wie groß ist die Zahl derjenigen, die bezahlt werden von den Kommunen? Wie können Sie es dann mit den Begriffen von Recht unv Gleichheit vereinbaren, daß in Breslau z. B. von Seiten der jüdischen Glaubensgenossen mehr. Steuern für die Schulen bezahlt werden, als von Seiten der katholischen, oder wie können Sie es mit ihren Begriffen von Recht und Gleichheit vereinbaren, daß hier in Berlin von Seiten der jüdischen Glaubensgenossen eine außerordentliche Summe von Steuern bezahlt werden, und daß doch keiner der jüdischen Lehrer, die studirt haben, angestellt werden soll an den Anstalten der Kommune oder des Staates? Wovor fürchten Sie sich denn (nach rechts), meine Herren? (Lachen und Widerspruch rechts). (Ruf: zur Sache!) Sie sagen: wir könnten judaisirt werden. Ihr Christenthum muß auf sehr schwachen Füßen stehen, wenn Sie so etwas sagen. (Heiterkeit links. Ruf: sehr richtig!) Unter den 24 Millionen Preußischen Bürgern befindet sich etwas über eine viertel Million Juden, d. h. 1 Prozent der ganzen Bevölkerung ist jüdischer Konfession. Nun haben Sie keinen Grund, zu glauben, daß gerade für den mühseligen Beruf des Lehrers aus dieser Konfession mehr Leute sich melden würden, als für andere Berufe. Also können Sie sich leicht ausrechnen, daß, wenn wirklich Recht und Gerechtigkeit von dem Herrn Minister geübt würde, die erschreckliche Folge dieses Entschlusses für uns Christen nur sein wird, daß dann unter hundert Lehrern in Preußen einer ein Jude ist. Nun, meine Herren, ich erziehe meine'Kinder auch auf christliche Weise und mache den Anspruch auf den Namen eines Christen, so gut wie irgend einer von denen, die auf der äußersten Rechten dieses Hauses sitzen. Aber ich muß doch sagen, was thut es denn meinen Kindern, wenn ich z. B. im Griechischen, in den klassischen Studien einen Lehrer für sie fände, wie z. B. der Professor Bernays? Ich würde dem Schicksal danken, wenn es sich so machte. Oder, wenn ich einen Mathematiker, wie Sie ihn unter den jüdischen Konfessionsgenossen vielfach finden, für meine Kinder hätte? Das sind ja alles Vorurtheile, meine Herren. Wahrlich, jenseits des Rheins, — ich mag sonst Frankreich nicht gern als Vorbild für uns citiren, aber wenn solche Debatten, wie diese hier im Hause noch geführt werden können, muß ich es — man würde uns auslachen, wenn man so etwas dort hörte. (Sehr wahr! links.) Das ganze System, die ganze Art, wie der Herr Kultus-Minister diesen höheren Lehranstalten gewisse Qualitäten andichtet, diese statutarischen Qualitäten, — dieses ganze System beruht von Anfang bis zu Ende auf Unrecht und Ungesetzlichkeit. (Sehr wahr! links.) Es ist nicht richtig, daß wir höhere Lehranstalten haben, welche an sich eine kirchliche konfessionelle Qualität an sich tragen. Wenn Sie mir sagen, daß — es wurde dies in der neulichen Debatte von dem Herrn Abgeordneten v. Mallinckrodt behauptet — die Schule zuerst ein Annex der Kirche war,

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