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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-21 · Heft 51 (21.12.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 51 (21.12.1869)
Date
1869-12-21
Page
[Seite] (sequence 26)
Language
German
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wenn eine vorgehende Stelle offen wäre, er diese in Ueberspringung anderer jüngerer Lehrer erhalten könne. Dieser Fall ist nun in diesem Jahre eingetreten. Der Direktor der Anstalt berichtet, es wäre zwar ein alter Usus, daß die Lehrer nach der Zeit ihrer Anstellung aufrückten, es lägen hier indessen besondere Verhältnisse vor, so daß es wohl in der Billigkeit läge, wenn er, als oer älteste der Lehrthätigkeit nach, avancirte. Darauf hin ordnet das Provinzial-Schulkollegium an, es sollen die betreffenden Lehrer vernommen werden, ob sie in einem solchen Ueberspringen ihrerseits eine Zurücksetzung finden möchten. Diese Lehrer erklären schriftlich, daß sie eine Zurücksetzung darin nicht fänden. Dessen ungeachtet hat das Provinzialschulkollegium aus mir nicht erfindlichen Gründen berichtet, daß die Lehrer nach der Zeit ihrer Anstellung aufrücken sollten. Mir wurde das mitgetheilt, und ich theilte alle diese Thatsachen dem Herrn Kultusminister mit, und der Herr Kultusminister war mir zwar, wie er sagte, sehr dankbar, daß ich ihm diese Mittheilnngen machte; aber drei Tage nachher wurde nach dem Anträge des Provinzialschulkollegiums verfügt, und der Lehrer blieb der jüngste. (Hört! hört! links.) Kultusminister v. Mühler: Ich konstatire zum zweiten Male, daß Sachen, die noch nicht in der Ministerialinstanz gewesen sind, zum Gegenstand der Beschwerde gebracht werden: es ist noch kein Bericht von dem Schulkollegium eingegangen. Die Angelegenheit, von der hier die Rede ist, ist mir nur persönlich durch den Herrn Abgeordneten, amtlich noch in gar keiner Weise bekannt. Abgeordneter Dr. Wantrup: Meine Herren, nach den klaren Aussprüchen des Herrn Ministers hätte ich nicht gedacht, daß es noch nöthig sein würde, weiter in diese Sache einzugehen. Mir scheint, als ob den Ansprüchen, die von Seiten der jüdischen Schulamtskandidaten erhoben werden können, vollständig entsprochen ist, wenn eine Anstalt sich bereit erklärt, sie als Lehrer aufzunehmen. Denn, meine Herren, ich glaube, es ist doch noch etwas mit in Bewacht zu ziehen, was bei einer früheren Debatte mal mit dem Worte „deeorum" bezeichnet ist, was mir aber der Herr Abgeordnete Dr. Kosch nach einer Seite hin wohl übelgenommen hat. Ich gebe allerdings zu, daß man mit dem Worte „decorum“ das nicht gut bezeichnen kann, weil es eine Deutung zuläßt, die mir selbst etwas hart scheint; aber da mir, so viel ich mich auch besinne, kein recht passendes und deutliches Deutsches Wort dafür einfällt, so will ich mal den Ausdruck „nicht opportun" gebrauchen und mich darüber näher aussprechen, in welcher Weise ich glaube, daß der Ausdruck hier durchaus zutreffend ist. (Unruhe links.) Meine Herren, bei der Führung des Lehramts kommt nicht nur die Fähigkeit und Geschicklichkeit im Unterrichten in Betracht, sondern es handelt sich auch um die Handhabung der Disciplin. Nun, glaube ich, brauche ich nicht zu weitläufig zu sein, um nachzuweisen, daß die Handhabung der Disciplin einem jüdischen Lehrer in einer christlichen Anstalt unendlich schwieriger sein wird als dem christlichen Lehrer. (Widerspruch. Sehr richtig! rechts, Heiterkeit.) Sie werden nur sagen, meine Herren, das ist ein Borurtheil. Ja, ich concedire das, wenn Sie mir zugeben, es ist ein sehr altes, ich möchte sagen uraltes Borurtheil. (Zustimmung links.) So alte Borurtheile aber, wenn die Nachurtheile aus der Erfahrung dazu kommen, werden zu Urtheilen. (Große Heiterkeit.) Ueber diese Urtheile kann man nicht leicht wegkommen. Ich bestreite ja nicht, meine Herren, daß nach der Bundesgesetzgebung den jüdischen Staatsbürgern alle Aem- 1er offen stehen: ich will aber nun einmal noch an ein anderes Amt erinnern, wo es Ihnen offenbar und klar werden wird, daß die Sache nicht opportun ist überall und nicht geht. — Der Jude kann Offizier werden, das ist keine Frage. Sie wissen, meine Herren, daß ein Offizier, wenn er die Schärpe des Dienstes trägt und die Zeichen seiner militärischen Würde, in einem Soldatenvolke, wie wir sind, den Leuten mehr imponirt, als die Räthe aller Klassen, ja selbst als ein Abgeordneter, vor dessen mächtigem Dräuen selbst ein Minister eine weise Nase bekommt — (Große Heiterkeit.) ein Lieutenant imponirt viel mehr. Nun denken Sie sich einen Juden in der Uniform eines Offiziers! Glauben Sie es dennoch möglich und ausführbar? — ja, Ausnahmen kommen vor, Ausnahmen festigen die Regel, — aber in der Regel, meine Herren, — ich habe lange genug den bunten Rock getragen und habe gefunden, daß selbst jüdische Soldaten, die nicht Offiziere waren, eine sehr schwierige Stellung in der Kompagnie hatten. Der Offizier wird sich schwer halten können trotz der Strenge der militärischen Disciplin, die ihn in jeder Weise unterstützt. (Sehr richtig! rechts.) Meine Herren, wenn ein jüdischer Lehrer in irgend einer christlichen Anstalt sich halten könnte, leichter als an einer anderen, dann wäre es am Kadettenkorps. Da steht nämlich die äußerste Disciplin dem Lehrer und Erzieher zur Seite, und ich bin der Meinung — ich kann das sagen, ich habe einen großen Theil meines Lebens an der Anstalt unterrichtet, — ein Lehrer, der nicht am Kadettenkorps zu gebrauchen ist, ist nirgends zu gebrauchen: denn er kann nicht Disciplin halten, unbedingt nicht. Aber, meine Herren, ich würde doch selbst in der Anstalt, wo eiserne' militärische Disciplin herrscht, nicht dazu rathen, einen jüdischen Schulamtskandidaten, und wenn er Kenntnisse im reichsten Maße hätte, als Lehrer definitiv anzustellen. (Sehr richtig! rechts.) Ich glaube, der Herr Minister hat ja das Mögliche gethan, indem er schon provisorische Anstellungen von Juden hat stattsinden lassen — ich weiß nicht, sogar glaube ich, — schon eine definitive: — aber mehr kann der Herr Minister auch beim besten Willen nicht thun. Und nun frage ich, meine Herren, ist denn die Ungerechtigkeit in Preußen wirklich so haarsträubend? (Ja wohl! links.) Bitte, meine Herren, stellen Sie sich einmal vor, der christliche Staat wäre ein jüdischer, und es wären so viele Christen in diesem jüdischen Staate, wie jetzt Juden im christlichen — meine Herren, was würden wir sein? Wasserträger, wie die Bibel sagt, (Große Heiterkeit.) weiter nichts.*) Aber mit diesem ewigen Geschrei über die Beein- *) Wir glauben schon hinlänglich erwiesen zu haben, daß Herr W. in völligem Jrrthum ist.

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