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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-12-21 · Heft 51 (21.12.1869) · p. Seite 1019

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 51 (21.12.1869)
Date
1869-12-21
Page
Seite 1019 (sequence 3)
Language
German
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1019 Hunderts vor der Zerstörung und des letzten Kampfes sich in abschreckendster Weise zeichnet. Die brudermörderischen Kämpfe in den Straßen Jerusalems, während der Feind schon die Mauern erstürmte, die Parteiwuth des völlig in Fraktionen zerrissenen Volkes, die Verräthereien, die in und zwischen den Parteien spielten, waren der Ausgang der inneren Entsittlichung und der nationalen Verwesung, die kurz nach den glänzenden Siegen der Hasmonäer begonnen hatten. Die Schilderung der herrschenden Privatlaster, welche der Talmud giebt, tritt hinzu; die wüsten Leidenschaften, welche in den Hallen des Heiligthumes selbst allzu oft den Schauplatz ihrer entweihenden Thätigkeit fanden, geben Zeugniß von der Irreligiosität, die neben der tiefen Frömmigkeit Einzelner herrschend geworden. Dies Alles wegleugnen, und jenen Untergang nicht als ein göttliches Strafgericht anzuerkennen, schlüge der Geschichte ins Angesicht, und wäre zugleich eine wenig religiöse Anschauung über das göttliche Wirken in der Geschichte. Aber nur der Mensch verhängt Strafen über das Thun eines verirrten Menschen. In den Fügungen, die Gott aus den Handlungen der Menschen hervorgehen läßt, liegen immer wieder die Keinie einer großen, zukünftigen Entwickelung, die früher oder später sichtbar - wird und erkannt und anerkannt werden muß. Daß daher in der Zerstreuung des jüdischen Stammes auch eine erhabene göttliche Absicht enthalten war und ist, daß diese in einer Mission des Judenthums an die gesammte Menschheit besteht, daß sie in unsrer Zeit immer sichtlicher hervortritt und zu einer erhebenden Ueberzeugung im Geiste jedes aufrichtigen Juden wird, das ist eine Wahrheit, zu der auch wir uns freudig bekennen. Der Fehler der Conferenz besteht darin, das Eine zu leugnen und das Andere als allein wahr hervorzuheben. Sehr eigenthümlich ist der Ausspruch, daß „mit der Zersplitterung des jüdischen Stammes thatsächlich das Priesterthum der Gesammtgemeinde begonnen habe" (Absatz 3.). Es widerspricht dies dem Ausspruche der heil. Schrift, daß Israel ein priesterliches Volk und Reich sein solle, also 15 Jahrhunderte früher, als es der Conferenz anzunehmen beliebt; es ist aber auch geschichtlich unwahr; denn einerseits hatte das israelitische Volk von seinem Beginne an die Mission, die Gotteslehre zu tragen, zu erhalten und zu bezeugen, und hat dies nach den gegebenen Verhältnissen inmitten der heidnischen Völker in seiner localen Concentration gethan. Wenn wir die Mission Israels als ein Priesterthum bezeichnen, so gebührt dies den mosaischen, prophetischen und makkabäischen Zeitaltern wahrlich nicht minder als unseren Vätern in den Ghettis. Ja noch inehr, besteht diese Mission, wie die Conferenz sagt, „die Nationen zur wahren Erkenntniß und Verehrung Gottes zu leiten," so frägt es sich doch sehr, wenn wir aufrichtig prüfen, ob die Juden, so lange sie abgesondert und ausgeschlossen von allem geistigen und öffentlichen Verkehr mit den Nationen waren, also etwa vom vierten bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts, wirklich zur „Lösung dieser Priesteraufgabe" Etwas gethan oder vielmehr thun konnten. Während der babylonischen Gefangenschaft, in dem ptolemäischen Aegypten, in Rom können wir allerdings die Spuren solcher Wirksamkeit in unverkennbaren Zügen Nachweisen. Mit der Ausschließung und Absonderung, welche das Christenthnm und der Islam über die Juden verhängten, hörte diese Wirksamkeit mit geringen Ausnahmen, etwa in der spanischarabischen Zeit und bei den Khazaren auf, und hat erst mit der Neuzeit, mit der Eröffnung des Culturlebens für die Juden, mit dem geistigen und öffentlichen Verkehr, in welchen die Juden jetzt eingetreten, wieder begonnen. Während dieser langen Zeit dachten unsre Väter auch nicht hieran, sondern nur ihre Religion in ihren eigenen Kreisen zu erhalten und das ererbte und immerfort durchgearbeitete Gesetz anhänglich zu üben. Dies war ihre Aufgabe und weiter reichte auch ihr Gesichtskreis nicht. Mit „der Zersplitterung des jüdischen Stammes" ein neues Priesterthum desselben beginnen zu lassen, ist geradezu ein Jrrthum. Wenn in die Menschheit große Elemente der jüdischen Wahrheit eingedrungen, so verdanken wir dies in erster Reihe der Verbreitung unsrer heiligen Schrift und deren unmittelbarer Einwirkung auf die Menschengeister. Diese heiligen Schriften, und wir können ihnen auch die sg. Apokryphen zugesellen, stammen aber aus den Zeiten vor jener Zersplitterung, und es waren also unsre palästinensischen Väter, welche diese große Mission ausübten. Die großen literarischen Erzeugnisse unsres Stammes nach der Zersplitterung sind nur uns selbst zugute gekommen und hatten keinen Einfluß auf die übrige Menschheit. Jene Verbreitung unserer heiligen Schrift ist aber nicht durch uns geschehen, sondern durch die christliche Welt und mittelbar durch den Islam. Die Mission unsrer Väter bis zur neueren Zeit war nur eine passive, nämlich die lebendigen Zeugen dieser heiligen Schriften zu sein und die ganze Wahrheit des Judenthnms für zukünftige 51*

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