Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1869)
- Date
- 1869-12-21
- Page
- Seite 1018 (sequence 2)
- Language
- German
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1018 und die der Leipziger Synode eben eine ganz verschiedene war. Dort kain eine kleine Zahl Fachmänner ohne ein anderes Mandat, als das ihre Ueberzeugung auszutauschen und zu formuliren, zusammen, hier aber Deputirte der Gemeinden und Fachmänner in ihrem amtlichen Mandate. Der Synode war cs eine unumgängliche Verpflichtung, öffentlich zu tagen und den Organen der Oeffentlichkeit den Zugang in keiner Weise zu verschließen. Nur eine kleine Vergeltung finden wir dafür, daß die Conferenz in ihrer Zeitschrift der Synode vorgeworfen, zu viel Eclat gemacht zu haben. Wir haben nun nicht im, Sinne, die sämmtlichen Beschlüsse der Conferenz zu kritisiren und in allen Theilen durchzusprechen. Nur die Hauptbedenken wollen wir äußern, die sich uns unmittelbar aufdrängen. Der Cultus ging auch hier voran. Man wollte für die Umgestaltung des Cultus Principien aufstellen. Aber hier ist es, wo sich die Conferenz nach unsrer Ansicht zu einem bedeutungsvollen Fehltritte hat verleiten lassen. Statt einfach diese Grundsätze auszusprechen, hat man sie dogmatisirt, hat man eine Reihe von positiven Dogmen aufgestellt, und hiergegen müssen wir protestiren. In keiner Zeit hat sich das Judenthum zu formulirten Dogmen hergeben wollen, und alle derartige Versuche waren vom Uebel. Findet der Einzelne es für sich gemäß, seine Ueberzeugung zu formuliren, so mag er es. Aber derartige Aeußerungeu als Aussprüche einer Gesammtheit oder für eine solche hinzustellen, ist ein Unternehmen, das wir zurückweisen müssen. Dies bewährt sich denn auch an den von der Conferenz gegebenen Sätzen. Seit mehr als fünfzig Jahren ist es ausgesprochen, daß die Rückkehr der gesammten Judenheit nach Palästina und die Wiederherstellung eines gesonderten, die ganze jüdische Nation umfassenden Staates, daß ferner die Wiederherstellung des blutigen Opfercultus nicht mehr mit dem Bewußtsein der jetzigen Juden überein stimmt, und daß daher die Gebete für jene ans der gottesdienstlichen Liturgie zu entfernen seien. Dies ist eine Thatsache, die auch bereits in vielen Synagogen zur Ausführung gekommen. Die Einführung jener Gebete war, ohne Aufwand von Dogmen, als eine Thatsache aus der Anschauung geschehen, daß „die Gebete an die Stelle der Opfer getreten," und daß die Erwähnung der Opfer diese völlig ersetze, womit constatirt wurde, daß mit dem Verluste der Opfer dem Judenthume keine Heilsanstalt verloren gegangen. Ja, auch Talmudistcn sahen schon das Gebet als eine höhere Stufe denn das Opfer an, und sprachen dies ans. Aus dem Bereiche dieser Thatsachen zu einer Dogmatisirung überzugehen, widerspricht deinnach dem Charakter und der Tendenz des Judenthums. Wir wollen nun das erste dieser Dogmen (s. S. 989 in Nr. 49) sich selbst überlassen, ohne auch nur auf die incorrecte und verworrene Ausdrucksweise desselben näher einzugehen. Beschäftigen wir uns vielmehr einen Augenblick mit dein zweiten Dogma, das lautet: „Den Untergang des zweiten jüdischen Staates betrachten wir nicht als Strafe für die Sündhaftigkeit Israels, sondern als eine Folge der in der Verheißung an Abraham und immer mehr im Laufe der Weltgeschichte sich kundgebenden göttlichen Absicht, die Mitglieder des jüdischen Stammes zur Lösung ihrer hohen Priesteraufgabe, die Nationen zur wahren Erkenntniß und Verehrung Gottes zu leiten, nach allen Theilen der Erde zu senden." Wir fügen auch den ersten Satz des dritten Dogmas hinzu: „Das Ahronidifche Priesterthum und der mosaische Opfercultus waren bloße Vorstufen für das mit der Zersplitterung des jüdischen Stammes thatsächlich beginnende Priesterthum der Gesammtgemeinde und das dem Allerheiligsten allein wohlgefällige Opfer inniger Andacht und sittlicher Heiligung." Es ist stets bedenklich, sich so in den göttlichen Rath versetzen zu wollen, daß man mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zulassen zu wollen scheint, die Zwecke und Absichten der göttlichen Vorsehung angiebt. Es mag dies in Abhandlungen und Predigten geschehen, um den Gedankeninhalt und die Bedeutung großer Ereignisse zu erörtern. Aber daraus einen religiösen Grundsatz formuliren zu wollen', ist vermessen. Die Abfasser der obigen Sätze sind denn auch der auffälligsten Einseitigkeit anheimgefallen. Einseitig ist es, den Untergang des jüdischen Staates und die Zerstreuung des jüdischen Volkes allein als eine Strafe für die vorangegangene Sündhaftigkeit anzusehen; aber ebenso einseitig ist es, in jenen allein eine göttliche Absicht zu einer Wirksamkeit für eine ferne Zukunft zu erblicken und zu lehren. In der Natur wie in der Völkergeschichte hat jede Wirkung ihre Ursache und wird jede Wirkung wieder zu einer Ursache, und wir begreifen das Wesen einer natürlichen und einer geschichtlichen Erscheinung nicht, ohne sie in diesen beiden Momenten zu erfassen. Jener Untergang hatte allerdings seine Ursachen in dem nationalen und sittlichen Zerfall der jüdischen Masse und ihrer Führer, der in der Geschichte des letzten Jahr-