Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1869)
- Date
- 1869-12-14
- Page
- Seite 1015 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1015 noch ein Mal: das kirchliche Judenthum weiß von alle dem nichts, und ein Jude, welcher jene Wundergeschichten, selbst die im Talmud erzählt werden, für nicht wirklich erklärt, sondern nur als Verkleidungen irgend eines sittlichen oder Erfahrungssatzes ansieht, ein Jude, welcher die Kabbala für ein unberechtigtes phantastisches Gebilde ansieht, und deren Schriften als in späterer Zeit untergeschoben erweisen will, wie es in der jüngsten Zeit versucht worden, der steht auch nicht im geringsten Maße außerhalb des Judenthums, was für die analogen Doktrinen in der christlichen Kirche, besonders in der katholischen, nicht der Fall ift." Der alte Herr hatte für seine Gewohnheit überaus lange gesprochen, was er sonst nicht liebte, und es war ihm eine gewisse Erregtheit anzusehen; ebenso hatte das Gespräch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und obgleich ich nicht das gefunden, was ich erhofft, so fühlte ich doch schon damals heraus, daß mir der alte Mann die Brücke geschlagen, über welche ich in beruhigter Stimmung aus meinen kabbalistischen Träumen in das Vernunftgebiet hinüberschreiten würde. Wir hatten, in unseren Gegenstand vertieft, kaum bemerkt, daß der Wind ein Gewitter heraufgebracht, wie es in der Scheide der Jahreszeiten wohl vorkommt. Jetzt rollte ein Donnerschlag kurz nach einem Blitzstrahle gerade über unsre Häupter hin, und mitten durch das Getöse drang ein furchtbarer Angstschrei, der im Hause selbst ausgestoßen worden. Wir sprangen auf und eilten auf die Hausflur, mit der Befürchtung, daß der Blitz eingeschlagen hätte. Auf der Flur fanden wir die alte Frau todtenbleich und zitternd, den Arm nach der offnen Thüre des gegenüberliegenden Zimmers ausgestreckt. Sie hatte eben die Lampe angezündet, die auf einem Tische stand. Der Mann eilte zu seiner Frau, die ohnmächtig ihm in die Arme siel, während ich in das Zimmer stürzte, noch immer voraussetzend, daß der Blitz gezündet habe. Davon war aber nirgends etwas zu finden, kein Rauch, kein Schwefelgeruch. Ich ging daher zurück, und lieh dem alten Herrn meine Hülfe, um die Frau in das Gemach und auf das Sopha zu bringen, frisches Wasser zu holen und die Ohnmächtige in's Bewußtsein zurückzurufen. Dies gelang denn auch bald, aber sowie die Frau die Augen aufgeschlagen, griff sie krampfhaft nach dem Arme ihres Mannes und schrie: „Bist du es, bist du es wirklich? O Gott! o Gott! . . ." Es währte längere Zeit, bis der Rabbi sie beruhigt hatte und sie geeignet war, zu sagen, was ihr eigentlich geschehen. Sie berichtete — aber sie war dabei noch immer sehr aufgeregt, ihre Glieder zitterten und ihre Augen stierten hinaus — sie habe eben die Lampe angezündet, um sie in das Gemach zu bringen, da sie sich schon lange gewundert, daß ihr Mann nicht darnach verlangte; da wären plötzlich die beiden Flügelthüren des gegenüberliegenden Zimmers aufgesprungen, und sie habe in demselben mitten in einem Hellen Lichte ihren Mann gesehen, der ihr mit der Hand wie zum Abschiede gewinkt und der dann in der Lichtsäule zur anderen Thüre des Zimmers langsam hinausgeschritten; ihr Mann habe aber nicht seine Kleidung angehabt, sondern Todtengewänder und den Gebetmantel über den Kopf geschlungen, daß eben nur sein bleiches Antlitz, von dem schönen weißen Barte umrahmt, sichtbar gewesen. . . Dann wäre es vorbei gewesen, tiefdunkel im Gemach, und der Schrei des Entsetzens hätte sich aus ihrer Brust losgerungen. Der Rabbi seufzte, und versuchte dennoch die gewöhnlichen Künste der Erklärung und Deutung um die gute alte Frau zu beschwichtigen. Der Donner habe ja Allen vernehmlich gerollt und der Blitzstrahl Allen geleuchtet, und daß sie ihn gesehen, sei kein Wunder, denn seit ven vierzig Jahren ihrer Ehe hätte sie überhaupt nichts weiter gesehen als ihn. Sie schüttelte den Kopf, schwieg aber und drückte immer von Neuem feine Hand an ihr Herz. Ich ging, und wußte wirklich nicht, wie ich mir all' das Gehörte und Gesehene zurechtlegen sollte. War der Vorgang eine Bestätigung oder eine Widerlegung dessen, was der Rabbi ausgesagt? Ihn selbst konnte ich hierüber nicht befragen. Denn er erkrankte bald darauf, wie der Arzt sagte, an einer seit Jahren vorbereiteten Nierenkrankheit, die jetzt zum Ausbruch kam und einen tödtlichen Verlauf hatte. Es versteht sich, daß ich dem Leichenbegängniß beiwohnte; die alte Frau besuchte ich nicht, ich wollte sie nicht an die Scene erinnern, deren allein noch lebender Zeuge ich gewesen. Insofern hatte sie recht gesehen: ihr Mann war in einer hellen Lichtwolke von dannen gegangen, denn noch heute steht er in meiner Vaterstadt bei Allen, die ihn gekannt, im lichtesten Andenken. Correspondenz. Die neue Synagoge in Hannover. Hannover, 29. November. Unsere seit sieben Jahren im Bau begriffene Synagoge ist gegenwärtig ihrer Vollendung nahe und erhebt sich, eine Zierde der Stadt, im Herzen derselben als ein stolzer Prachtbau, der von dem durch viele hervorragende Bauten im hannoverschen Lande bekannten und augenblicklich auch den Bau der neuen Synagoge zu Breslau leitenden Baurath Oppler Hierselbst ausgeführt wurde. Errichtet ist unsere neue Synagoge im Uebergangsstyle der deutschen mittelalterlichen Kunst und weicht somit von den in den letzten Decennien an anderen Orten erbauten Synagogen ab, welche zum größten Theile im maurischen Style errichtet sind. Als Vorbild des Styles nahm sich der Baumeister, selbst Jude, die im Jahre 1050 erbaute und fast noch vollständig erhaltene Synagoge zu