Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1869)
- Date
- 1869-12-14
- Page
- Seite 1014 (sequence 18)
- Language
- German
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1014 thigen jeden Unbefangenen, daran zu glauben, und den Kern dieser Erscheinungen, von den Üeberlreibungen ausgeschält, für wahr anzunehmen. Aber der Glaube daran hat sich verloren, weil man zuletzt doch mit der ganzen Sache nichts anzufangen wußte, ihrer nicht Herr werden, sie nicht praktisch verwerthen konnte. Die Wissenden lassen sie dahingestellt sein, und die allgemeine Welt weiß nichts mehr davon. Sie sehen also, so lange man allgemein davon wußte und daran glaubte, häuften sich aller Orten die Fälle; jetzt, wo dieser Glaube verschwunden, hört man nichts mehr davon." Die Worte des alten Herrn beschäftigten eine Zeit lang mein Nachdenken; ich war unbefriedigt, und doch wußte ich nichts zu entgegnen. Es war eine bequeme Vereinigung des Alten und Neuen, eine Vermittelung zwischen Glauben und Unglauben, bekleidet mit dem Gewände gewürdigter Geschichte. Ich fragte ihn endlich: „Aber die jüdische Theologie, das Iudenthum, muß doch eine bestimmte Glaubensansicht darüber haben. Wollen Sie mir dieselbe nicht mittheilen?" Der Rabbi lächelte wieder: „Können Sie annehmen, daß ich Ihnen eine andere Ansicht kundgegeben, als die jüdische Theologie von der Sache hat?" Hierauf wußte ich nichts zu erwiedern. Der Greis fuhr fort: „Ich kann mir denken, daß Sie hierüber stutzen, denn Sie finden hier wieder einmal eine große Verschiedenheit zwischen der christlichen Kirche und dem Judenthume, eine Verschiedenheit, die Sie nicht voraussetzten. Das christliche Dogma stellt unzweifelhaft die Existenz des Teufels, der Hölle und der bösen Geister auf, und die katholische Kirche hat bestimmte Ritualien für das Austreiben böser Geister formulirt und vorgeschrieben. Von alledem weiß das offizielle, ich will in Ihrem Sinne sagen, das kirchliche Zudenthum nichts. Die poetische Figur, welche der Satan in dem Eingang des Buches Hiob und bei dem Propheten Secharjah spielt, hat auch das orthodoxe Judenthum nicht verleitet, ihn zu einer wirklichen Existenz zu erheben und zur Glaubenssache zu machen. Was Träume und Erscheinungen von Engeln betrifft, so halten wir dieselben als zum Glauben gehörig mit der Bibel für abgeschlossen. Die Engel sind höhere Wesen, die aber nur Diener, Werkzeuge und Organe Gottes sind, und mit der biblischen Zeit die unmittelbare Berührung mit den Menschen beendet haben. Dies aber hielt die jüdische Welt durchaus nicht zurück, neben den eigentlichen Satzungen der Religion die Seelen auch für übersinnliche Erscheinungen zu öffnen, und bereitwillig den Glauben an solche zu hegen und zu pflegen. Wir haben z. B. in unserem Gebetbuche ein schönes Gedicht über Träume, die Erfüllung guter und die Beseitigung böser Tränme, und selbst Geistergeschichten drangen hie und da in dasselbe ein. Aber diese gehören durchaus nicht zu den fg. Pflichtgebeten, so daß wer sie bei Seite läßt, keine Unterlassungssünde begeht. Der Christ, der an jene dunklen Seiten des Daseins nicht glaubt, steht darum in einem gewissen Gegensätze zu den kirchlichen Glaubenslehren; ein solcher Jude aber nicht in der geringsten Opposition zu dem orthodoxesten Judenthum." „Wie aber, Herr Rabbiner, wandte ich ein, giebt es keine Wundergeschichten in der nachbiblischen Literatur der Juden? Giebt der Talmud gar keine Andeutung und keinen Aufschluß über Geisterwesen? Ist nicht die Kabbala ein anerkanntes Erzeugnis des jüdischen Geistes? Kennt man nicht Magie und magische Mittel im Judenthume?" Der alte Herr blickte mich sehr ernst an; mir aber klopfte das jugendliche Herz, denn ich war hiermit zu dem eigentlichen Gegenstände gekommen, auf welchen ich den Rabbi bringen wollte. „Ei, junger Freund, sagte Jener, da sehen Sie erst recht ein, was ich im Anfang unseres Gespräches Ihnen gesagt. Habe ich das Recht alle die Berichte und Erzählungen anzuzweifeln, die mir von Männern überliefert werden, deren Gottesfurcht, Wahrheitsliebe, Gesetzestreue, Kenntnisse und Scharfsinn ich in vielen Punkten zu bewundern Hab? Habe ich das Recht, eine umfangreiche Literatur, an welcher sehr zahlreiche und geniale Köpfe gearbeitet, als bloße Ausgeburt einer erhitzten Phantasie anzusehen? Ich für meinen Theil sage nein — und wenn ich ähnliche Thatsachen nicht allein nicht mir selbst, sondern auch allen glaubwürdigen Männern meiner Zeit nicht, sich ereignen sehe, so gilt mir alles dies auf der einen wie auf der anderen Seite als Thatsache, und ich sage, daß die Vorsehung solche Erscheinungen aus der übersinnlichen Welt in unsrer Zeit nicht mehr geschehen läßt, weil unsrer Zeit die Empfänglichkeit, der Glaube dafür fehlt. Ich sehe es Ihnen an, junger Freund, Sie sind noch nicht ganz befriedigt. Nun, ich will noch ein Weniges hinzufügen, worauf wir wohl ein ander Mal näher eingehen können. Die Kabbala wird in die theoretische und praktische unterschieden; die erstere besteht in einer Reihe von Schriften, deren Ursprung in ein hohes Alter zurückverlegt, die erste derselben sogar Abraham zugeschrieben wird. Sie enthalten tiefsinnige religionsphilosophische, meist in sehr dunkle Ausdrücke und eine buntfarbige Hülle gekleidete Anschauungen, die zu verstehen und in Zusammenhang zu bringen ein langes Studium und großen Scharfsinn erfordert. Denn man kann oft Einzelnes verstehen nnd den Sinn auffinden; und eine kurze Strecke weiter ist wieder Alles dunkel. Ganz getrennt davon ist die praktische Kabbala, die es mit Magie, magischen Mitteln, Amuleten, Beschwörungsformeln u. s. w. zu thun hat, die aber vom wirklichen Iudenthum verworfen und verpönt ist. Sie wissen, daß alle Wahrsagerei, Geisterbeschwörung und Zauberei vom Gesetze Mosis aufs Strengste verboten und mit der härtesten Strafe belegt ist. Darum ist die Betreibung jener sg. schwarzen Kabbala eine Verirrung, die sich hie und da einige jüdische Gelehrte haben zu Schulden kommen lassen, und die bei der blöden Menge allzuleicht Raum gefunden. Nun aber bemerken Sie