Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1869)
- Date
- 1869-12-14
- Page
- Seite 1013 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Allgemeine Zeitung des Zndenthnms. Feuilleton-ÄeUage zu Nr. 50. Leipzig, den 14. December 18K9. Dunkle Seiten. (Schluß.) Eines Tages fand icb bei dem alten Herrn eine Anzahl Leute, die nach einer längeren Zeit Abschied nahmen. Ich rückte nun aus meinem Winkel hervor, in welchem ich mit einem Buche gesessen. Es war unterdeß die frühzeitige Dämmerung des Herbstnachmittags herabgesunkeu, so daß es im Gemach schon dunkelte; der Wind fuhr heftig durch die Bäume des Gartens und ließ rasselnd die welken Blätter herunterfallen; dann verfing er sich in den großen Schornsteinen des alten Gebäudes und rüttelte an den Fenstern und Thüren. Als ich erst am Tische saß, faßte ich meinen Muth zusammen und richtete an den ehrwürdigen Mann ohne Weiteres folgende Frage: „Herr Rabbiner, glauben Sie, daß es bedeutungsvolle Träume und Erscheinungen aus der übersinnlichen Welt giebt?" Der Gefragte sah mich mit seinen klugen, ruhigen Augen scharf an, zog bedächtig die Pfeife aus dem Munde und lächelte dann. „Sie stellen da eine Frage, junger Mann, über welche zahllose Menschen niemals zu einer klaren Antwort kommen; sie glauben und glauben nicht, beides wird ihnen schwer, und von Beidem können sie sich nicht frei machen." Jetzt war das Lächeln an mir; ich erwiderte: „Sie wollen mir doch nicht so entschlüpfen, Herr? Ich habe kein Recht eine Antwort zu verlangen; nur Ihre Güte duldet mich. Aber ein Denker.wie Sie bleibt nicht bei dem Schwanken, wie die Menge; und gerade auf diesem Gebiete muß der Theologe eine Anwort haben." „Nun, ich will sie Ihnen geben. Ich meine: Geistererscheinungen, Ahnungen, bedeutungsvolle Träume giebt es zu einer Zeit, in welcher man daran glaubt; in einer anderen, nicht." Ich muß verwundert darein gesehen haben, denn diese Antwort sagte mir wieder nichts, obgleich ich sie bei näherem Nachdenken dem System des alten Herrn ganz analog finden mußte. Ich antwortete: „Nehmen Sie dies nach dem Grundsatz des Cartesius an: eogito ergo sum? ich denke, darum bin ich? Wer jene Dinge glaubt, für den sind sie da. Dann wäre es doch nur eine subjective Existenz, Gebilde unsres Glaubens, unsrer persönlichen Stimmung. Meine Frage aber geht dahin, ob Sie an die objektive Existenz solcher Erscheinungen glauben, so daß sie auch dem Ungläubigen Vorkommen und ihn zum Glauben zwingen können." „Ich habe Ihnen, mein Freund, durchaus keine Zweideutigkeit sagen wollen, und das werden Sie aus meinen Motiven erkennen. Träume, welche die Zukunft enthüllen, Ahnungen, welche einen bestimmten und wahren Inhalt haben, Erscheinungen aus der übersinnlichen Welt können nicht aus dem Menschen selbst entstehen; er kann nur aus den in ihm vorhandenen geistigen Elementen etwas schaffen, und jene gehen über diese ja hinaus; sie müssen also durch die Einwirkung Gottes in die Sphäre des Menschen hineintreten, und dies wirv nur da geschehen, wo Empfänglichkeit und Organe dafür bestehen. Darum werden sie nimmer Vorkommen zu einer Zeit, wo ein allgemeiner Unglauben an sie herrscht. In einer gläubigeren Zeit können zwar Einzelne ebenfalls sich ungläubig gegen solche Erscheinungen verhalten; aber sie thun es nur durch eigene Anstrengung und Gewalt, und so lange sie mit ihrem skeptischen Verstände agiren, und sind daher immer bereit, vor jedem faktischen Begegniß ihren Unglauben aufzugeben. Wenn Sie übrigens meine Worte genauer prüfen, so werden Sie sie in allen Theilen mit der heiligen Schrift — Sie wissen, ich verstehe hierunter nur die von den Juden anerkannte — in Uebereinstimmung finden. Aber ich kann Ihnen auch aus der profanen Welt Beweise geben, welche noch aus meinen Jugendjahren herrühren. In den neunziger Jahren trat, zuerst in Wien, der sg. Mesmerismus oder der animalische Magnetismus oder auch Sonnambulismus genannt — alle diese Namen treffen nicht zu — auf, machte großes Aufsehen, fand zuerst in den Hauptstädten, dann auch in den kleinsten, Eingang und Beachtung. Zunächst Glauben und Unglauben, heftiger Streit, dann entschiedene Herrschaft, und endlich ruhige Würdigung des Thatsächlichen, bis nach und nach alles wieder von ihm still wurde. Nun, die zahllosen Fakten, die von den glaubwürdigsten Personen berichtet wurden, und aus Kreisen heraus, in denen von einem Betrüge ebenso wenig wie von einer Selbsttäuschung die Rede sein konnte, nö-