Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1869)
- Date
- 1869-12-14
- Page
- Seite 1004 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1004 Zudecken der Wahrheit mit hohlen Phrasen, um über die Verlegenheiten des Augenblickes hinwegzukommen! — Eine eigenthümliche Wendung nimmt der Wiener Erzbischof. Cardinal Rauscher, in seinem Hirtenbriefe. Die „N. Fr. Pr." schreibt hieriiber: ..Cardinal Rauscher hat indeß mitten „in den Angriffen auf das Christenthum", die er in Oesterreich erleben muß, noch einen anderen Trost. Sein Auge schaut in die Zukunft und sieht dort — die allgemeine Bekehrung der Juden. „Die Feinde, welche im sechzehnten Jahrhundert die Kirche bedrohten, sind ohnmächtig geworden .... der Protestantismus ist von der Aufklärung, die er mit offenen Armen empfing, ganz durchdrungen und zersetzt." Von den Protestanten ist also weder etwas zu fürchten, noch etivas zu hoffen. Aber das Judenthum begrüßt der Cardinal als Verbündeten wider den Unglauben. „Gott hat von Israel nicht für immer sein Angesicht abgewendet, es wird in die Kirche eingehen uud Großes thun in dem letzten furchtbarsten Kampfe des Lichtes mit der Finsterniß." Das also ist die Hoffnung der Ultramontanen? Sie bauen auf die Juden und schauen im Geiste den glücklichen Tag, an welchem der letzte Hebräer getauft wird! Was sagt Pater Wiesinger tder Nachfolger Sebastian Brunner's) dazu, der erst unlängst einen Roman in der „Kirchenzeitung" veröffentlichte, in dessen Schlußcapitel die Juden ausgerottet und mit allen möglichen Martern von dieser Welt vertilgt werden? Wir treten ihm hiemit die Widerlegung dieser Rauscher'schen Prophezeihung ab." Nun freilich, die Mortarageschichte, das Dogma der unbefleckten Empfängniß, der Syllabus, die Enchclica, die päpstliche Unfehlbarkeit sind schon im Stande, die Juden katholisch zu machen! Aus der Provinz Posen, im Nov. (Privatmitth.) Ein Statut der früheren Zeit in Rogasen schrieb vor, daß die Stadtverordnetenversammlung daselbst immer aus 4 evangelischen, 4 katholischen und 4 jüdischen Mitgliedern bestehen sollte. Diese Dreitheilung, obwohl mit der Verfassung nicht vereinbar, war auch nach Erlaß der Städteordnnng 'durch die Macht der Gelvohnheit lange Zeit festgehalten worden. Da jedoch bei den Stadtverordnetenwahlen die jüdischen Bürger in der ersten Steuerklasse ein bedeutendes Uebergewicht haben und auch in der zweiten stark vertreten sind, da sie sich insbesondere durch eine sehr rege Betheiligung vor den Christen auszeichnen, so konnte es nicht ausbleiben, daß einmal die Juden die Majorität in diesem Collegium erhielten. Der Mißmuth über die erlittene Schlappe veranlaßte einige evangelische und katholische Wähler zu einer Beschwerde bei der Regierung, dann beim Ober-Präsidenten und schließlich beim Minister Graf Eulenburg. In allen drei Instanzen abgewiesen, riefen sie endlich die Gnade des Königs an. um den vermeintlichen Uebelstand zu beseitigen. Jedoch konnte auch von dieser Seite nichts geändert werden. Die Juden behielten ihr Recht. Wenn die Beschwerdeführer das Christenthum durch die jüdische Majorität unter den Stadtverordneten ernstlich bedroht hielten, so war dies damals, wie wir wissen, ihre innerste Ueberzeugung. Andrerseits werden sie nunmehr eingestehen, daß bis jetzt irgend ein nachthciliger Einfluß auf das religiöse Leben in den beiden christlichen Gemeinden Rogasens sich nicht Nachweisen laßt. Wohl aber hat dieser Schritt auf der Gegenseite eine noch größere Energie hervorgerufen. Die Juden — und man kann ihnen darin nicht ganz Unrecht geben — erblicken in jenem Gnadengesuch keine Schmeichelei für sich und setzen jetzt gerade einen Trumpf darauf, fortwährend die Mehrheit in der städtischen Vertretung zu bilden. Doch ihre Empfindlichkeit, menschlich gewiß berechtigt, geht zu weit. Sie müssen eine Kränkung vergessen lernen und erwägen, daß der Protest gegen ihre Wahl bei den meisten ihrer christlichen Mitbürger die entschiedenste Mißbilligung gefunden hat, daß sie sich also auch Bielen gegenüberstellen , die ihnen aus vollem Herzen gleiche Rechte gönnen. Ob nun auch bei der am 29. Nov. stattfindenden Ersatzwahl das Feldgeschrei sein wird: Hie Christ! Hie Jude! oder ob eine ruhigere Stimmung die Oberhand gewinnt, das.läßt sich bis jetzt nicht voraussehen. Trier, 30. November. (Privatmitth.) Ein am 20. Dccember 1862 hier verstorbener Rentner Herr Carl Christian Wussow hat die Armenschule jeden Glaubens Hierselbst zu der einen Hälfte desjenigen Theiles seiner Hinterlassenschaft, welcher nach Abzug aller Legate noch übrig bleibt, zu Erben eingesetzt. Nachdem die ganze Erbschaftsangelegenheit von der hierzu bestimmten Verwaltung geregelt wurde, ist von