Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1869)
- Date
- 1869-12-14
- Page
- Seite 999 (sequence 3)
- Language
- German
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999 abzuschneiden oder zu verkümmern, so reicht doch hin der Geist, aus dem dies fließt, weit über diesen individuellen Kreis hinaus. Daß man einem jüdischen Philologen, Mathematiker, Naturforscher, Schreibelehrer u. s. f. eine Lehrthätigkeit versagt, geht aus dem engsten pietistischen und ultramontanen Geiste hervor, welcher selbstverständlich das ganze Unterrichtswesen von der untersten bis zur höchsten Stufe beherrschen, durchdringen, gestalten will; mit ihm hängen alle die Principien, die Unterthänigkeit der Schule unter die Kirche oder besser unter die Schaar der pietistischen Geistlichen, der Wegfall jeder Einwirkung der Cvmmunen auf die von ihnen bezahlten Schulen, die völlige Gebundenheit der Lehrer aller Stufen, die Heranbildung ider Lehrer im orthodoxesten kirchlichen Geiste, die äußerste Confessionalität der Schule, die Beschränkung der Lehrgegenstände und des Lehrplans durch die lleberwucherung des Kirchlichen, also die gesammte Gegenwart und Zukunft der Volksbildung, von der Elementarschule bis zur Universität, zusammen. Man sieht, die Anstellung jüdischer Lehrer ist nur ein kleines Glied dieses großen Systems, welches das Schicksal des ganzen Vaterlandes in seinem Schoße trägt. In dem Theile spiegelt sich das Ganze, und das Geschick des Theiles hängt vom Geschick des Ganzen ab. Es gilt eine große Schlacht, deren zeitw eis er Ausgang zweifelhaft ist. Man erinnere sich dabei, daß in der deutschen Nation das religiöse Moment im Grunde das stärkste ist, weit stärker als alle politischen. Das eigentliche Volk wird nur durch Steuer- und kirchliche Fragen aufgeregt. Die höchsten maßgebenden Kreise in Preußen haben seit den zwanziger Jahren auf der streng kirchlichen Seite gestanden. Wer gegenwärtig dafür den Beweis will, findet leicht einen Nebenbeweis darin, daß noch heute das unter höchstem Protectorate stehende Freimaurerthum in Preußen den Juden den Eintritt versagt. Wir meinen, daß jede Privatgesellschaft die volle Freiheit hat, für den Eintritt beliebige Bedingungen zu stellen. Aber die gesammten Freimaurerorden der übrigen Welt haben wegen dieses Ausschlusses der Juden die preußischen Logen verurtheilt, und das Freimaurerthum bekennt als sein Grundprincip die Beseitigung aller religiösen Unterschiede in seinem Schoße. Die Sache liegt also hier anders, und jener Ausschluß der Juden bezeichnet fortwährend einen bestimmenden Willen, der dem Freimaurerthum diese absonderliche Stellung giebt. Wir führen dies an, um zu zeigen, daß auf der gegnerischen Seite große Kampfmittel vorhanden sind, welche für jetzt den Ausgang noch zweifelhaft machew. Das eigentliche Schlachtfeld liegt innerhalb deS preußischen Abgeordnetenhauses, wahrscheinlich auch bald innerhalb des norddeutschen Reichstages. In dem letzteren wird der Kampf leichter sein, als die Majorität sich nur dem Bundeskanzler gegenüber sieht, während die Mehrheit des Abgeordnetenhauses den Cultusminister von Mühler, die Verkörperung des gegnerischen Princips, gegenüber hat. Diese Persönlichkeit wird mit aller Kraft bekämpft, und die Abstimmungen des Abgeordnetenhauses bringen ihr Niederlage auf Niederlage. Ob sie^ber dadurch aus dem Felde geschlagen und kampfunfähig aus dem Gefechte gebracht werden wird, und wer in diesem Falle an ihre Stelle treten würde, läßt sich noch nicht absehen. Der Kampf ist in dreifacher Schlachtlinie eröffnet und in vollem Gange, gebildet aus Petitionen, dem Cultus- und Unterrichts-Etat und dem Entwurf eines Unterrichtsgesetzes. Wir beschäftigen uns von hier ab nur mit unserem speciellen Kampfe. Eröffnet wurde das Gefecht durch die Petition der jüdischen Gemeinde zu Rakel. Wir haben die ausführliche Mitheilung in Nr. 48 u. 49 gegeben. Das Abgeordnetenhaus beschloß gegen den Cultusminister und seinen Schildknappen Wantrup die Petition zur Abhülfe der Staatsregierung zu übergeben. Jetzt kam der Etat, und hier veranlaßte in der Sitzung vom 1. December die Position „Gymnasien und Realschulen" die Beschwerde des Herrn Dr. Kosch über die Ausschließung jüdischer Lehramtskandidaten vom Probejahr und somit von jeder Anstellung. Es trat eine heftige Debatte ein, welche den Herrn von Mühler bis zur äußersten Grenze seiner Argumente führte, und mit der Annahme des von l)r. Kosch gestellten Antrages durch große Majorität endete. Der Minister kam dahin, zu erklären, daß er die Berechtigung der Juden anerkenne, daß er aber ebenso ein Recht der christlichen Lehranstalten zu vertheidigen habe; er ging noch weiter, er wolle jüdische Lehrer anstellen, wo die Schulcollegien dem nicht widersprächen. Das letztere Argument ist von äußerster Schwäche, denn es ordnet die staatlichen Oberbehörden dem Votum der Directoren und Lehrer unter, und das muß um so mehr überraschen, als man nur das Reglementiren der letzteren durch die ersteren gewohnt ist; bis jetzt weiß man noch nichts von einem Falle, wo die Schulcollegien gefragt wären und Gelegenheit gehabt hätten, sich dafür oder dagegen 50*