Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-11-30 · Heft 48 (30.11.1869) · p. Seite 975

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 48 (30.11.1869)
Date
1869-11-30
Page
Seite 975 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226739--27833-3263430
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

975 es heißen, frag ich mich, daß durch Versetzung eines Wav l das Präteritum die Bedeutung des Futurum, das Fu- I turmn. die Bedeutung des Präteritum erhalte? Heißt das I nicht vielmehr, das sogenannte Präteritum sei im Hebräischen kein solches, und ebenso das Futurum kein wirkliches Futurum? Was sollen die sieben Conjugationen bedeuten, wenn nur wenige von demselben Zeitworte Vorkommen? und dergleichen mehr. Da kam mir der Gedanke, den alten Rabbi aufzusuchen, und — um Unterricht in der Sprache seines Glaubens und seines Volkes von ihm zu erbittetn. Ich zögerte nicht. Ich traf den alten Herren in einem großen Parterrezimmer, wo Alles höchst einfach, aber reinlich war. Er lebte in diesen Räumen mit seiner bejahrten Frau ganz allein. Ich sehe mich noch dort. Der Rabbi saß vor einem Tische, auf welchem mehrere Folianten aufgeschlagen waren, in einem Hausrocke, das schwarze Sammetkäppchen auf dem silberlockigen Haupte, die lange Pfeife im Munde. Welche Stille, welcher Frieden rings umher! Das Straßengetöse scholl nur schwach herüber, und der Wind säuselte bisweilen durch die Zweige der Bäume im Garten. Das Gemach war im Halbdunkel, denn nur ein großes halbrundes Fenster ging auf den Hof hinaus. Keine Stimme, kein Schritt eines Menschen!.. Ich trug, freundlich empfangen, dem alten Herrn mein Gesuch vor. Mein Blick fuhr dabei über einen großen geöffneten Schrank, in welchem massenhaft Folianten und Quartanten standen und lagen, und neben dem sich ein kleineres Rück befand, auf welchem man buntfarbige Broschüren aufgespeichert sah, also verrathend, daß der Besitzer dieser Büchersammlung den neueren Erscheinungen seine Aufmerksamkeit nicht entzog. Dies fiel mir sofort auf und machte einen günstigen Eindruck. Hier mußte ich alte und neue Bildung, alte und neue Forsckung zu einer neuen Gestaltung vermittect finden. Es mochte mir dies beim ersten Anblick nicht gleich ganz klar sein, aber ich fühlte es, und schöpfte Hoffnung daraus. Späterhin fand ich freilich, daß dieser Schrank und dieser Rück wirklich von symbolischer Natur waren, das heißt: der alte Rabbi hatte bei seiner tiefen Kenntniß der altjüdischen Literatur auch die Erzeugnisse der jüngeren kennn gelernt und sie sich angeeignet; aber von einer Vermittelung, oder gar von einer neuen, daraus entstandenenen Gestaltung war keine Spur, und der Schrank und der Rück standen neben einander, ohne eine andere Berührung als die räumliche; die Folianten und die Broschüren blieben getrennt. Der Rabbi lächelte auf mein dringend vorgebrachtes Gesuch, nahm die Pfeife aus dem Mundwinkel und sagte, daß er mir einen solchen Unterricht nicht ertheilen könne; er würde immer bereit sein, mir, soweit er es vermöchte, Fragen zu beantworten und Aufschlüsse zu geben und ich sollte deshalb ohne Umstände zu ihm kommen — aber regelmäßige Lectionen könne er mir nicht gewähren. Außerdem, daß ihn dies in seinen Studien geniren würde, könnte es mir gerade nach der Richtung, auf welche ich hinsteuerte, nichts helfen. Philosophische Erklärungen der grammatikalischen und lexikalischen Erscheinungen in der hebräischen Sprache vermöge er mir nicht zu geben. 1 Im Judenthume sei Alles überlieferte Thatsache, und werde als solche angesehen und behandelt. Fragt man nach dem Warum? und Wie? so höre die Natur des Ueberlieferten auf, so wäre es etwas Neues, das jetzt geboren werde und existire, so gut wie es dies könnte. So erlernten sie das Hebräische als Factum in allen Theilen, man möchte sagen mechanisch, lernten es schreiben und sprechen, wüßten sehr genau, was korrekt und inkorrekt, ohne gerade Alles in bestimmte grammatikalische Formeln aufzulösen, sondern durch das Denken und Leben in der Sprache und das erworbene Sprachgefühl. Ich horchte hoch auf. Der Rabbi sprach ein korrektes Deutsch, und hatte selbst nichts von dem Tonfall und der Singweise, welche seinen Glaubensgenossen sonst eigen sind; er bediente sich der technischen Ausdrücke mit unzweideutiger Sicherheit, mußte also der Grarnmatik und Philosophie nicht fern stehen, und doch behauptete er, sie innerhalb seines Gebietes gar nicht zu kennen oder doch nicht zu verwenden? Ich konnte seinem Ausspruche nichts einwenden, als eben dies. Wenn seine Zeit es ihm nicht gestattete oder es ihm überhaupt nicht zusagte, Unterricht zu geben, so hatte ich ja nicht im Entferntesten das Recht, einen Anspruch zu erheben. Aber was seine Kenntniß der logischen Gesetze der Sprache beträfe, so flöße er mir durch seine Rede selbst einige Zweifel gegen seine Aussage ein, und damit wären diese Zweifel gerechtfertigt. Jetzt sah mich seinerseits der Rabbi scharf an. Er mußte in meinen Worten auch etwas mehr gesunden haben, als er vorausgesetzt hatte. Nachdem er einige Züge aus seiner Pfeife gethan uno die Stirn in Falten gezogen, sprach er: „Junger Mann, das verstehen Sie doch wohl noch nicht. Kenntniß und wirkliches Seelenleben sind zwei sehr verschiedene Dinge. Wir wissen Vieles, und es bleibt dem Geiste so äußerlich, wie ein Gewand dem Körper. Stammen wir aus einer alten Welt, so brauchen wir uns vor einer neuen, die um uns ersteht, nicht abzuschließen, und mögen sie kennen lernen, ohne sie in uns aufzunehmen und unser Inneres umgestalteu zu lassen. Es gehört dazu Ruhe und Festigkeit, aber erspart auch nutzlose Kämpfe und Zwittergestalten . . Er brach ab; es schien mir, als ob er mehr gesagt hätte, wie er gewollt. Er machte eine Geberde, als ob er das Gespäch beenden möchte. Ich erhob mich bescheiden und dankte für seine Freundlichkeit. Das Antlitz des Greises erheiterte sich wieder, und er bemerkte verbindlich, ich möge nicht anstehen, ihn wieder zu besuchen. Diese Erlaubniß kostete dem Rabbi manche Stunde, denn ich machte Gebrauch von ihr. Eine Stelle des Alten Testaments, eine sprachliche Schwierigkeit, ein jüdischer Brauch, eine theologische Frage gaben mir Veranlassung zu einem Besuche. Ich fand den Mann immer in derselben ruhigen Heiterkeit. War er beschäftigt, so entfernte ich mich alsbald. Seine alte Frau, welche sein Zimmer selten betrat und eine maßlose Verehrung für ihren Mann hegte, hatte ich bald durch einige Blumensträuße und seltene Früchte gewonnen, die sie gewissenhaft für ihren Gatten verwandte, denn ich fand die Bouquets immer in dem Zimmer jenes wieder. Spaß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.